Sie tragen Namen, die seit Jahrtausenden bekannt sind: Medusa, Pandora, Daphne, Ariadne, Kassandra, Europa und Penelope. Ihre Geschichten gehören zu den großen Erzählungen der griechischen Antike, überliefert in Dichtung, Kunst und Literatur.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker und Leo Dillikrath
Kunst & Kultur – Doch was passiert, wenn man diese Mythen nicht länger nur aus der vertrauten Perspektive der Helden betrachtet? Wenn nicht der Bezwinger, sondern die vermeintlich Nebenfigur in den Mittelpunkt rückt? Genau diesen Fragen widmet sich die Ausstellung „Augen auf und durch. Medusa und andere widerspenstige Mythen“ von Kerstin Studt, die am Sonntag im Schloss Ritzebüttel in Cuxhaven eröffnet wurde.

Schon beim Betreten der Ausstellungsräume wird deutlich: Hier geht es nicht um eine einfache Wiederholung alter Geschichten. Die Künstlerin nimmt die bekannten Figuren der griechischen Mythologie auf und öffnet sie für neue Deutungen. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Malerei, Zeichnung und Skulptur, zwischen Erkennbarem und Abstraktem. Die mythologischen Gestalten erscheinen nicht als abgeschlossene Figuren aus einer fernen Vergangenheit, sondern als Wesen mit Brüchen, Widersprüchen und Fragen, die bis in die Gegenwart reichen.
Die griechischen Mythen sind seit der Antike ein Spiegel menschlicher Erfahrungen. In den Erzählungen von Homer, etwa in „Ilias“ und „Odyssee“, sowie in Ovids „Metamorphosen“ begegnen Menschen Göttern, übernatürlichen Mächten und Schicksalsschlägen. Es sind Geschichten von Liebe und Verlust, von Macht und Ohnmacht, von Verwandlung und Neubeginn. Über Jahrhunderte wurden sie immer wieder erzählt, verändert und neu interpretiert. Besonders häufig standen dabei die männlichen Helden im Mittelpunkt: Perseus, Theseus, Odysseus oder andere Figuren, deren Taten die großen Erzählungen prägten.
Kerstin Studt richtet den Blick auf jene Frauenfiguren, deren Geschichten oft anders erzählt wurden, oder deren eigene Perspektive kaum Beachtung fand. Ihre Ausstellung fragt danach, wer eigentlich erzählt und aus welchem Blickwinkel eine Geschichte betrachtet wird.

Im Mittelpunkt steht dabei Medusa, eine der bekanntesten und zugleich widersprüchlichsten Gestalten der griechischen Mythologie. Über Jahrhunderte wurde sie vor allem als Monster dargestellt: mit Schlangen auf dem Kopf und einem Blick, der Menschen zu Stein werden lässt. Doch hinter dieser äußeren Darstellung verbirgt sich eine komplexe Geschichte. Nach der Überlieferung Ovids wird Medusa von Athene verwandelt, nachdem sie von Poseidon missbraucht wurde. Aus dem Opfer wird in der bekannten Erzählung ein Schrecken, den der Held Perseus schließlich besiegt.
Die Ausstellung stellt jedoch die Frage, ob Medusa nicht auch anders gelesen werden kann. Ist ihre Verwandlung nur eine Strafe oder auch eine Reaktion auf Schmerz und Verzweiflung? Ist ihr Blick ausschließlich zerstörerisch oder zwingt er dazu, genauer hinzusehen? Gerade diese Ambivalenz macht die Figur bis heute faszinierend. Selbst nach ihrer Tötung entsteht aus ihrem Körper Neues: Aus ihrem Blut entspringt Pegasus, das geflügelte Pferd, das seit jeher als Symbol für Fantasie und schöpferische Kraft gilt.
Auch Daphne erzählt von einer Verwandlung, die weit mehr ist als ein magisches Ereignis. Die Nymphe wird von Apollon begehrt und verfolgt. Als sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, bittet sie ihren Vater, den Flussgott Peneios, um Hilfe. Ihre Verwandlung in einen Lorbeerbaum schützt sie vor dem Zugriff des Gottes; doch sie kostet sie zugleich ihre menschliche Gestalt.
In der Ausstellung wird dieser Moment nicht nur als Flucht betrachtet, sondern als Ausdruck von Selbstbestimmung. Daphne setzt eine Grenze und bewahrt auf diese Weise ihre eigene Identität. Der Übergang vom Menschen zur Pflanze zeigt einen Zustand des Dazwischen: Das Alte ist noch sichtbar, während bereits etwas Neues entsteht.

Die Geschichte von Ariadne führt wiederum in das berühmte Labyrinth von Kreta. Als Tochter des Königs Minos hilft sie Theseus, den Minotaurus zu besiegen. Mit dem berühmten Faden ermöglicht sie ihm den Weg hinaus aus dem Labyrinth. Doch während Theseus als Held gefeiert wird, beginnt Ariadnes eigene Geschichte erst danach. Sie wird verlassen und muss einen neuen Weg finden. Mit Dionysos begegnet ihr eine neue Zukunft.
Ihre Geschichte steht damit für eine andere Form der Veränderung: nicht die plötzliche Verwandlung durch äußere Kräfte, sondern die Entwicklung durch Erfahrung. Ariadne zeigt, dass ein Verlust nicht zwangsläufig das Ende einer Geschichte bedeutet.
Eine besondere Spannung liegt auch in der Figur der Kassandra. Die trojanische Königstochter besitzt die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusehen. Doch Apollon belegt sie mit einem Fluch, nachdem sie seine Annäherung zurückweist: Niemand wird ihren Worten Glauben schenken. Ihre Warnungen bleiben ungehört.
Der Mythos der Kassandra beschäftigt sich damit mit einer zeitlosen Frage: Was geschieht mit Wissen, wenn niemand bereit ist, es anzunehmen? Ihre Geschichte handelt nicht nur von einer tragischen Figur aus Troja, sondern auch von der Schwierigkeit, unbequeme Wahrheiten auszuhalten.

Europa wiederum steht für Bewegung und Überschreitung. Der Mythos erzählt, wie Zeus in Gestalt eines weißen Stieres die phönizische Königstochter nach Kreta bringt. Aus dieser Erzählung entwickelt sich eine Geschichte über Grenzen, Begegnungen und kulturellen Wandel. Europa verlässt ihre vertraute Welt und wird später Namensgeberin eines ganzen Kontinents. Ihre Geschichte verbindet Fremderfahrung mit Veränderung und zeigt, dass neue Entwicklungen häufig dort entstehen, wo unterschiedliche Welten aufeinandertreffen.
Auch Pandora erhält in der Ausstellung eine neue Betrachtung. Der Mythos erzählt von der ersten Frau, die von den Göttern erschaffen wird und eine geheimnisvolle Büchse öffnet. Dadurch gelangen Leid, Krankheit und Sorgen in die Welt. Lange Zeit wurde Pandora vor allem als schuldige Figur verstanden.
Doch eine andere Lesart eröffnet einen neuen Blick: Pandora ist auch eine Figur der Neugier und der Öffnung. Sie überschreitet eine Grenze und setzt einen Prozess in Gang, dessen Folgen nicht vollständig vorhersehbar sind. Die Geschichte stellt damit Fragen, die auch heute relevant sind: Was geschieht, wenn wir Neues wagen? Welche Risiken gehören zu Veränderung? Und welche Chancen entstehen daraus?
Die letzte der großen Figuren ist Penelope, die Frau des Odysseus. Während dieser auf seinen langen Irrfahrten unterwegs ist, wartet sie in Ithaka auf seine Rückkehr. Um die Freier fernzuhalten, nutzt sie eine außergewöhnliche Strategie: Sie beginnt ein Tuch zu weben und löst die Arbeit in der Nacht wieder auf. So gewinnt sie Zeit.
Penelope verkörpert damit eine stille, aber entschlossene Form von Handlungsmacht. Ihre Stärke liegt nicht im Kampf, sondern in Geduld, Klugheit und Ausdauer. Während Odysseus durch die Welt reist, gestaltet sie ihren eigenen Raum.
Mit „Augen auf und durch“ zeigt Kerstin Studt, dass die griechischen Mythen keineswegs nur Geschichten aus einer vergangenen Epoche sind. Ihre Figuren leben weiter, weil sie grundlegende menschliche Erfahrungen berühren: Angst und Mut, Verlust und Neubeginn, Anpassung und Widerstand.
Zur Eröffnung würdigte die Stadt Cuxhaven die Bedeutung der Ausstellung und dankte allen Beteiligten, die das Projekt ermöglicht haben. Besonders betont wurde, dass auch eine Ausstellung wie ein Mythos viele Menschen braucht, die im Hintergrund wirken, Ideen entwickeln und gemeinsam einen Ort schaffen, an dem Kunst Begegnungen ermöglicht.
Das Schloss Ritzebüttel, selbst ein Ort mit Jahrhunderten Geschichte, wurde dabei zum Schauplatz einer Begegnung zwischen Antike und Gegenwart. Zwischen historischen Räumen und zeitgenössischen Arbeiten entsteht ein Dialog darüber, wie Geschichten weiterleben – und wie sich ihr Sinn verändert, wenn man bereit ist, genauer hinzusehen. Die Ausstellung „Augen auf und durch. Medusa und andere widerspenstige Mythen“ ist bis zum 11. Oktober 2026 im Schloss Ritzebüttel zu sehen. Sie lädt dazu ein, bekannte Erzählungen neu zu entdecken und die alten Stimmen der griechischen Mythologie aus einer anderen Perspektive zu hören. (nb)




