Thessaloniki ist in diesen Septembertagen mehr als eine Messestadt. Seit dem 5. September wird das Thessaloniki International Exhibition and Conference Centre zum Schaufenster für Wirtschaft, Forschung, Technologie, Kultur und Unterhaltung.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Thessaloniki – Noch bis zum 13. September läuft die 90. Thessaloniki International Fair (TIF) – und wer heute, am 10. September, über das Gelände geht, erlebt eine Veranstaltung, die Tradition und Zukunft ungewöhnlich eng miteinander verbindet.
Mehr als 1.000 Aussteller aus 25 Ländern sind vertreten. Zum ersten Mal in der Geschichte der TIF steht Japan als offizielles Ehrenland im Mittelpunkt. Gleichzeitig führt eine große Jubiläumsausstellung zurück zu den Anfängen der Messe im Jahr 1926. Zwischen historischen Fotografien, künstlicher Intelligenz, modernen Fahrzeugen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, kulinarischen Angeboten und Musikveranstaltungen entsteht damit ein Messebild, das kaum abwechslungsreicher sein könnte.

Auch aus Deutschland ist die Veranstaltung vor Ort journalistisch begleitet: Das Magazin Hellas-Bote berichtet direkt von der TIF. Ebenfalls präsent ist der Kater Literaturverlag mit seiner deutsch-griechischen Reihe und bringt damit einen weiteren kulturellen Akzent aus Deutschland nach Thessaloniki.
Besonders sichtbar ist in diesem Jahr die japanische Präsenz. Auf 3.200 Quadratmetern in Pavillon 13 präsentieren 25 Unternehmen und Institutionen ein breites Spektrum japanischer Wirtschaft und Technologie. Das reicht von Automobilindustrie und Pharmazeutik über Gesundheit, Energie und Klimaschutz bis zu Digitalisierung, Landwirtschaft, Fertigung, Versicherungen, Tourismus und Schifffahrt.
Über dem gesamten Auftritt steht der Begriff „TAKUMI“. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung vom Meister seines Fachs … von einem Menschen, der sein Handwerk mit Präzision, Beharrlichkeit und dem Anspruch auf ständige Verbesserung ausübt. Genau diese Verbindung von überliefertem Können und moderner Technologie soll im Japan-Pavillon erlebbar werden.
Zu den beteiligten Unternehmen und Organisationen gehören unter anderem Astellas, Daiichi Sankyo, Daikin, Fujifilm, H.I.S. Dream Travel, Interwater als Vertreter von Toray, JTI Hellas, Efthymiadis Agrotechnologies, Konica Minolta, Mitsubishi Electric, Moro Technology Corporation, Takeda und Toyota Hellas. Dazu kommen griechische Unternehmensgruppen, die japanische Marken vertreten, sowie die Japan National Tourism Organization, die Japan-Greece Society und das Ehrenkonsulat Japans in Thessaloniki.

Doch Japan präsentiert sich nicht ausschließlich als Wirtschafts- und Technologiestandort. Mehr als 40 Veranstaltungen bringen während der Messetage Kultur in den Pavillon. Taiko-Trommeln, Samisen-Konzerte, japanische Kalligrafie und traditionelle Tänze gehören ebenso zum Programm wie Veranstaltungen rund um Anime, Manga und Cosplay. Selbst für das leibliche Wohl ist gesorgt: Unter der Kuratierung des Athens Asian Food Festival gibt es einen Restaurantbereich mit asiatischen Spezialitäten und vier unterschiedlichen thematischen Menüs.
Die Verbindung zwischen Griechenland und Japan ist dabei nicht nur auf dem Messegelände zu sehen. Auch Thessaloniki selbst wurde mit griechisch-japanischen Symbolen geschmückt und macht damit die besondere Rolle des Ehrenlandes im Stadtbild sichtbar.
Während Japan den Blick nach vorn richtet, schlägt die TIF zugleich ein großes historisches Kapitel auf. Vor genau 100 Jahren wurde die erste Messe veranstaltet. Die Ausstellung „TIF 100 YEARS OF THE FUTURE“, die gemeinsam mit dem MOMus Museum für zeitgenössische Kunst entstanden ist, nimmt dieses Jubiläum zum Anlass für eine Reise durch die Geschichte der Messe.

Historische Dokumente und seltene Fotografien treffen dort auf Archivmaterial und moderne audiovisuelle Projektionen. Erzählt wird nicht nur die Geschichte einer Messe, sondern auch, wie sich technologische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen über ein Jahrhundert hinweg in Thessaloniki widerspiegelten. Der Eintritt zu dieser Ausstellung ist für Messebesucher kostenlos. Auch die Hellenische Post beteiligt sich am Jubiläum und präsentiert eine eigens herausgegebene Gedenkmarke.
Die thematische Vielfalt der 90. TIF ist enorm. Insgesamt elf Bereiche widmen sich unterschiedlichen Feldern von Wirtschaft, Produktion und Dienstleistungen. Ein großer Schwerpunkt liegt auf dem griechischen Unternehmertum. Unter der Schirmherrschaft der Zentralen Kammerunion Griechenlands zeigen 41 Kammern und 320 Unternehmen aus verschiedenen Regionen des Landes ihre Produkte und Leistungen.
Wer sich für griechische Spezialitäten interessiert, findet bei „Tastes of Greece“ Erzeugnisse mit geschützter Herkunftsbezeichnung sowie Produkte lokaler Genossenschaften. Weitere Bereiche widmen sich Gastronomie und Ernährung, Energie und Kreislaufwirtschaft sowie Möbeln und Wohnmöbeln.
Neu ist der Themenbereich „Wirtschaft“ in Pavillon 13. Dort geht es nicht allein um Unternehmen, sondern auch um wirtschaftliche Governance, Steuercompliance und Transparenz. Hinzu kommen öffentliche Körperschaften und Organisationen, internationale Beteiligungen, Hochschulbildung, Technologie, Forschung und Innovation sowie der Einzelhandel mit Konsumgütern und Geschenkartikeln.
Besonders deutlich wird der Anspruch der Messe als Zukunftsschau in Pavillon 17. Dort werden Bildung, Forschung, Technologie und Innovation zu einem gemeinsamen Themenzentrum verbunden. Mehrere griechische Regionen stellen eigene Projekte und Initiativen vor, darunter Attika, Westmakedonien, Ostmakedonien und Thrakien, Zentralgriechenland und der Peloponnes. Auch Zentralmakedonien ist bei der Jubiläumsausgabe vertreten.
Ein wichtiger Bestandteil ist die AKADEMIA. Universitäten sowie Bildungs- und Forschungseinrichtungen aus Griechenland und dem Ausland treffen hier auf Start-ups, Forschungszentren, Systeme der Künstlichen Intelligenz und intelligente Anwendungen. Die Messe wird damit auch zu einem Ort, an dem wissenschaftliches Wissen auf Unternehmertum trifft. Auf der Open Stage werden zusätzlich Präsentationen und thematische Diskussionen angeboten.

Wie weit die technische Entwicklung inzwischen reicht, zeigt auch die Beteiligung des griechischen Verteidigungsministeriums in Pavillon 6. Dort wartet eine umfangreiche Präsentation neuer Technologien auf die Besucher. Interaktive Bereiche mit Virtual-Reality-Brillen gehören ebenso dazu wie Simulatoren. Zum ersten Mal kann die Öffentlichkeit einen Flugsimulator des F-35-Kampfflugzeugs aus nächster Nähe erleben. Hinzu kommen Navigations- und Kampfsimulatoren der Marine.
Im Zentrum der Präsentation steht eine große technologische Ausstellung mit Anti-Drohnen-Systemen und modernen unbemannten Luftfahrzeugen. Ein Teil dieser Systeme wird von den griechischen Streitkräften selbst hergestellt. Auch der „Achilles-Schild“ erhält einen eigenen Platz.
Technologie begegnet den Besuchern auf der TIF allerdings nicht nur dort. Auch der japanische Pavillon zeigt Entwicklungen aus den Bereichen Innovation, Mobilität, Gesundheit und Energie. Zu sehen sind unter anderem Lösungen für nachhaltige Mobilität, Anwendungen der digitalen Transformation, moderne Klimaanlagentechnik und medizinische Diagnosesysteme.
Einen ungewöhnlichen Blick auf die Digitalisierung des griechischen Staates bietet die Unabhängige Behörde für öffentliche Einnahmen, AADE. Im Mittelpunkt steht „Eugenia“, die erste digitale Avatar des griechischen Staates. Die Figur basiert auf einer realen Person und soll mit Bürgern in natürlicher Alltagssprache kommunizieren und Informationen zu bestimmten Themen bereitstellen. Das Projekt steht zugleich beispielhaft für den zunehmenden Einsatz fortgeschrittener Künstlicher Intelligenz im öffentlichen Bereich.
Einen Blick zurück auf die Technikgeschichte ermöglicht dagegen NOESIS im Pavillon 7 des Generalsekretariats für Forschung und Innovation des Entwicklungsministeriums. Das Science Center and Technology Museum verbindet dort die Erinnerung an frühere technische Entwicklungen mit den Fragen der Zukunft.
Im Mittelpunkt steht die neue Ausstellung „Technologie: Die Werkzeuge, die die Welt veränderten“. Eine panoramische virtuelle 360-Grad-Tour eröffnet dabei einen ungewöhnlichen Zugang zur Technikgeschichte. Zu den Exponaten gehört der historische IBM 1620, der erste Computer, der Ende der 1960er-Jahre in Nordgriechenland in Betrieb war. Daneben steht mit dem BMW Isetta ein Fahrzeug aus den 1950er-Jahren, das auf seine ganz eigene Weise daran erinnert, dass technische Innovation häufig mit ungewöhnlichen und mutigen Ideen beginnt.
Doch die TIF will ihre Besucher nicht ausschließlich mit Wirtschaftsdaten und technischen Entwicklungen erreichen. Auch Gesundheit, Bewegung, Familienprogramm und Unterhaltung gehören zum Konzept.
In Pavillon 16 lädt die Wellness & Fitness Arena während aller neun Messetage dazu ein, sich mit Gesundheit, Ernährung und Sport auseinanderzusetzen. Der Bereich ist ausdrücklich als Erlebnisangebot konzipiert und soll kontinuierlich bespielt werden.
Für Familien ist das interaktive JuniorLand vorgesehen. Theater, Sportangebote und Spiele richten sich an die jüngeren Besucher. „The Smile of the Child“ beteiligt sich zudem mit Workshops, die vom diesjährigen Ehrenland Japan inspiriert sind.
Und spätestens am Abend verändert sich der Rhythmus der Messe. Auf dem Außengelände sorgt der „Music Walk“ mit Stadtphilharmonien aus verschiedenen Teilen Griechenlands für musikalische Begleitung. Später wandert das Geschehen zu den „Music Events Live“. Unter dem markanten Bogen des Messegeländes beginnen die Konzerte jeden Abend um 21.30 Uhr.
Auch für Unternehmen ist die TIF weit mehr als eine Ausstellung. TIF-HELEXPO organisiert gemeinsam mit dem Industrieverband Griechenlands und dem Enterprise Europe Network vorab vereinbarte Geschäftstreffen. Im Fokus stehen unter anderem die Branchen Automobil, Pharma und Tourismus. Darüber hinaus werden Kontakte zwischen griechischen und japanischen Unternehmen ermöglicht.
So zeigt die 90. TIF in diesen Tagen viele Gesichter zugleich: Sie ist Wirtschaftsmesse, Technologieforum, Kulturveranstaltung, Familienprogramm und Bühne für internationale Begegnungen. Sie blickt auf ein Jahrhundert Geschichte zurück und richtet gleichzeitig den Blick auf Entwicklungen, die das kommende Jahrzehnt prägen könnten.
Wer derzeit durch die Messehallen von Thessaloniki geht, begegnet deshalb nicht nur Produkten und Unternehmen. Zwischen historischen Fotografien und künstlicher Intelligenz, japanischer Kalligrafie und F-35-Simulator, griechischen Spezialitäten und internationalen Geschäftsgesprächen wird sichtbar, was die TIF seit ihren Anfängen begleitet: die Frage, wie aus technischen Ideen, wirtschaftlichem Mut und kulturellem Austausch die Zukunft entsteht.
Noch bis zum 13. September bleibt das Messegelände dafür ein internationaler Treffpunkt. Und während die TIF in diesen Tagen ihr 100-jähriges Erbe sichtbar macht, zeigt sie zugleich, dass eine Messe mit einer Geschichte von einem Jahrhundert keineswegs nur zurückschauen muss, sondern durchaus ein Ort sein kann, an dem die Zukunft bereits begonnen hat. (mav)




