Cuxhaven und die Faszination der Schifffahrt

Cuxhaven lebt mit dem Meer. Hier, an der nördlichsten Spitze Niedersachsens, endet die Elbe und beginnt die offene Nordsee.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Wer an der „Alten Liebe“ steht, erlebt deshalb einen ungewöhnlichen Blick auf eine Welt, die sonst weit entfernt scheint: Containerschiffe auf dem Weg nach Hamburg, Autotransporter, Tanker, Kreuzfahrtschiffe, Fischkutter und kleine Ausflugsboote ziehen vorbei. Manche wirken beinahe zum Greifen nah, andere verschwinden langsam am Horizont. Dazwischen kreischen Möwen, riecht die Luft nach Salz und Diesel, und unter den Füßen arbeitet die Tide. Cuxhaven ist Seebad, Fischereihafen, Hafenstandort und maritimes Fenster zur Welt zugleich. Kaum ein anderer Ort an der deutschen Nordseeküste macht so anschaulich, wie eng Urlaub, Natur und internationale Schifffahrt miteinander verbunden sind.

Der beste Platz, um dieses Schauspiel zu erleben, ist die „Alte Liebe“. Das historische Bauwerk ragt in den Elbstrom hinein und ist heute vor allem Aussichtsplattform und Treffpunkt für Schiffsbeobachter. Seine Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück: 1733 wurden vor Cuxhaven drei ausgediente, mit Steinen gefüllte Schiffe versenkt, um die Hafeneinfahrt zu schützen und die Strömung zu bändigen. Aus diesem ungewöhnlichen Fundament entwickelte sich die „Alte Liebe“.

Heute ist sie ein Logenplatz für den internationalen Seeverkehr. Auf der Elbe ziehen Schiffe vorbei, die aus aller Welt kommen oder ihre Reise nach Hamburg antreten. Der Blick reicht über die breite Mündung bis hinaus in die Deutsche Bucht. Besonders eindrucksvoll wird die Szenerie, wenn ein großer Frachter langsam aus dem Dunst auftaucht. Erst ist da nur ein Punkt am Horizont, dann ein Bug, schließlich ein mehrere hundert Meter langer Schiffskörper. Für Besucher gibt es sogar fachkundige Begleitung: Der ehrenamtliche Schiffsansagedienst Cuxhaven informiert über die vorbeifahrenden Schiffe, nennt Herkunft und Ziel, Größe, Ladung und technische Besonderheiten. In der Saison werden die Ansagen tagsüber an der „Alten Liebe“ übertragen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

So wird aus dem scheinbar zufälligen Vorbeiziehen der Schiffe eine maritime Geschichtsstunde. Ein Containerschiff ist dann nicht mehr nur ein grauer Koloss, sondern Teil einer weltweiten Transportkette. Ein Autotransporter erzählt von globaler Industrie, ein Spezialschiff von der Energiewende und ein Fischkutter von einer jahrhundertealten Tradition Cuxhavens.

Cuxhavens besondere Lage ist der Grund für dieses Schauspiel. Die Stadt liegt an der Elbmündung, dort, wo sich der Fluss zur Nordsee öffnet. Gleichzeitig befindet sich Cuxhaven in unmittelbarer Nähe der Zufahrt zum Nord-Ostsee-Kanal. Damit liegt der Hafen an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Nordsee, Elbe und den Seewegen nach Skandinavien, Großbritannien und in den Ostseeraum. Der Seehafen ist längst mehr als ein Hafen für Fischer. Niedersachsen Ports nennt neben der Fischerei insbesondere den Roll-on/Roll-off-Verkehr und den Offshore-Bereich als wichtige Geschäftsfelder. An den Kais sind Wassertiefen von bis zu 15,4 Metern möglich; dort können Seeschiffe mit einer Länge von bis zu 240 Metern festmachen.

Besonders deutlich wird der Wandel im Bereich der Offshore-Windenergie. Cuxhaven ist zu einem wichtigen Standort für die Industrie geworden, die draußen in der Deutschen Bucht Windenergieanlagen errichtet und wartet. Die Offshore-Basis verfügt über sechs Liegeplätze, darunter zwei für sogenannte Jack-up-Schiffe … Spezialschiffe, die sich mit ihren Hubbeinen auf dem Meeresboden abstützen und so zu schwimmenden Arbeitsplattformen werden. Die Kaianlagen sind auf Schwerlastverkehr ausgelegt. Wer am Hafen steht, kann deshalb nicht nur die klassische Schifffahrt beobachten. Cuxhaven zeigt auch, wie sich die maritime Wirtschaft verändert: vom Fischfang und Stückgut über Container und Fahrzeuge bis zu gigantischen Komponenten für Windparks auf hoher See.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Trotz dieser modernen Hafenwirtschaft gehört der Fisch bis heute zu Cuxhaven wie die Elbe zur Stadt. Die Fischereihäfen sind ein Gegenpol zu den großen internationalen Frachtern. Hier ist die Dimension eine andere. Statt hunderter Meter Länge bestimmen Kutter, Netze, Kisten und der Geruch frisch angelandeten Fangs das Bild. Cuxhaven zählt zu den wichtigen deutschen Fischereihäfen. Schiffe kehren von ihren Fangfahrten zurück, der Fisch wird gelöscht und weiterverarbeitet. An den Kais und in den angrenzenden Straßen gehört der Fisch damit nicht nur zur Hafenwirtschaft, sondern auch zur kulinarischen Identität der Stadt. Gerade dieser Kontrast macht Cuxhaven so reizvoll: Während draußen auf der Elbe ein Schiff mit Waren für einen internationalen Markt vorbeizieht, wird wenige hundert Meter weiter Fisch verkauft, der aus der Nordsee kommt. Weltwirtschaft und Küstenalltag liegen hier unmittelbar nebeneinander.

Wer von der „Alten Liebe“ weiter in Richtung Strand blickt, entdeckt eines der bekanntesten Wahrzeichen Cuxhavens: die Kugelbake. Das rund 29 Meter hohe hölzerne Seezeichen markiert heute symbolisch den Übergang der Elbe zur offenen Nordsee. Früher hatte die Bake eine wichtige Funktion für die Navigation. Heute ist sie Aussichtspunkt, Fotomotiv und Orientierungspunkt für alle, die den Charakter dieses besonderen Küstenortes verstehen wollen. Hier wird die Geografie beinahe körperlich erfahrbar. Hinter dem Betrachter liegt das Land, vor ihm die Nordsee. Schiffe kommen aus dem offenen Meer und fahren in die Elbe hinein oder sie verlassen den Fluss und nehmen Kurs auf internationale Häfen. Wer einige Minuten länger bleibt, merkt schnell: Das Meer ist in Cuxhaven keine Kulisse. Es ist Verkehrsinfrastruktur, Arbeitsplatz, Naturraum und Lebensgefühl zugleich.

Wer nicht nur von Land aus schauen möchte, kann selbst an Bord gehen. Von der „Alten Liebe“ starten Ausflugsschiffe unter anderem zu den Seehundbänken, nach Neuwerk und Helgoland. Auch Hafenrundfahrten führen durch die verschiedenen Bereiche des Cuxhavener Hafens. Eine solche Fahrt verändert den Blick auf die Stadt. Vom Wasser aus wird sichtbar, wie unterschiedlich die Hafenbecken genutzt werden. Historische Hafengebäude, Fischereihafen, moderne Kaianlagen und die großen Fahrwasser der Elbe liegen plötzlich in einem gemeinsamen Panorama.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Geschichte der Cuxhavener Schifffahrt lässt sich auch an den Schiffen selbst ablesen. Ein besonders eindrucksvolles Zeugnis ist das Feuerschiff „Elbe 1“. Jahrzehntelang lag es vor der Elbmündung und half anderen Schiffen, gefährliche Bereiche und Sandbänke zu meiden. 1988 wurde es durch ein unbemanntes, von Cuxhaven aus ferngesteuertes Feuerschiff ersetzt. Das historische Schiff blieb jedoch erhalten und liegt heute als Museumsschiff in Cuxhaven.

Daneben steht der Semaphor, ein historischer Windrichtungsanzeiger. Seine Signalgeber informierten früher über Windrichtung und Windstärke auf den Inseln Borkum und Helgoland. Heute hat die Technik längst andere Formen angenommen; trotzdem werden die Anzeigen am historischen Semaphor weiterhin eingestellt. Es ist diese Mischung aus Vergangenheit und Gegenwart, die den maritimen Reiz Cuxhavens ausmacht. Historische Signaltechnik steht neben moderner Hafenlogistik, Museumsschiffe liegen in Sichtweite großer Frachter, und über allem laufen die Fahrpläne der Tide.

Wer verstehen will, wie Schifffahrt in Cuxhaven funktioniert, muss auch das Wasser beobachten. Die Elbmündung ist kein ruhiger Seehafen. Ebbe und Flut verändern ständig die Bedingungen. Das Wattenmeer, die Sandbänke und die Fahrrinne gehören zu einer Landschaft, in der Naturgewalten und menschliche Navigation seit Jahrhunderten miteinander auskommen müssen. Für Besucher ist dieser Rhythmus Teil des Erlebnisses. Bei Niedrigwasser erscheint die Landschaft weit und offen. Schlickflächen treten hervor, Priele zeichnen sich im Watt ab, und irgendwo am Horizont steht ein Schiff scheinbar mitten im Meer. Stunden später hat sich das Bild vollständig verändert.

Vor Cuxhaven liegen zudem die Seehundbänke, die mit Ausflugsschiffen besucht werden können. Die Fahrten verbinden Schifffahrt und Naturbeobachtung und zeigen, dass die Elbmündung nicht nur Verkehrsweg, sondern zugleich Teil des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer ist.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Vielleicht liegt genau darin Cuxhavens besondere Stärke. Die Stadt verlangt ihren Besuchern nicht, sich zwischen Natur und Technik, zwischen Ferienidylle und Industrie zu entscheiden. Beides existiert hier nebeneinander. Am Strand spielen Kinder im Sand, während draußen ein Frachter die Elbe hinaufzieht. Spaziergänger warten an der „Alten Liebe“ auf den nächsten großen Pott. Ein Ausflugsschiff nimmt Kurs auf die Seehundbänke. Im Fischereihafen wird Ware gelöscht. Offshore-Spezialschiffe bereiten sich auf ihren Einsatz in der Deutschen Bucht vor. Und über allem steht die Kugelbake, seit Jahrhunderten ein Zeichen dafür, dass hier etwas endet und zugleich etwas Neues beginnt.

Wer Cuxhaven besucht, sollte deshalb nicht nur den Strand sehen. Er sollte sich Zeit für das Wasser nehmen. Eine Bank an der „Alten Liebe“ reicht dafür völlig aus. Man braucht keinen Fahrplan und kein besonderes Programm. Es genügt, den Blick auf die Elbe zu richten und zu warten. (sk)