Auf den Spuren der großen Auswandererschiffe – Wie Cuxhaven zum Tor in die Neue Welt wurde

Wer heute am Steubenhöft in Cuxhaven entlangschlendert, hört vor allem das Kreischen der Möwen, das leise Rauschen der Elbe und das rhythmische Schlagen der Wellen gegen die Kaimauer. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass genau hier einst einer der bedeutendsten Ausgangspunkte für die Reise in eine ungewisse Zukunft lag.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit – Millionen Hoffnungen, Abschiede und Neuanfänge nahmen an diesem Ort ihren Anfang. Familien verabschiedeten sich mit Tränen in den Augen, Abenteurer suchten ihr Glück jenseits des Atlantiks, Kaufleute und Reisende bestiegen die modernsten Schiffe ihrer Zeit. Wer heute die Ausstellung „Um die Ecke geht es nach Amerika“ besucht, begibt sich nicht einfach in ein Museum – sondern auf eine Zeitreise in jene Epoche, als Cuxhaven zu den wichtigsten Drehscheiben des internationalen Passagierverkehrs gehörte.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Geschichte beginnt Ende des 19. Jahrhunderts mit einem Mann, dessen Name bis heute untrennbar mit der modernen Passagierschifffahrt verbunden ist: Albert Ballin. Als visionärer Leiter der Hamburg-Amerika-Linie erkannte er früh, dass die stetig größer werdenden Ozeandampfer den Hamburger Hafen nur noch mit Schwierigkeiten erreichen konnten. Seine Lösung war ebenso einfach wie genial. Die Schiffe sollten künftig von Cuxhaven aus starten. Ab 1889 rollten Sonderzüge mit Auswanderern und Reisenden bis an die Elbmündung, wo sie ihre Reise über den Atlantik begannen. Für viele war es der letzte Blick auf Deutschland.

Doch der Erfolg brachte neue Herausforderungen mit sich. Die ersten gewaltigen Dampfer konnten die vorhandenen Hafenanlagen nicht direkt anlaufen. Passagiere mussten mit kleineren Tenderbooten hinaus zu den auf Reede liegenden Schiffen gebracht werden. Dieser umständliche Ablauf führte zu einem ehrgeizigen Ausbauprogramm. Neue Hafenbecken entstanden, Kais wurden verlängert und immer wieder an die wachsenden Dimensionen der Schiffe angepasst. Cuxhaven entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem hochmodernen Verkehrsknotenpunkt, der weltweit Aufmerksamkeit erregte.


Die Ausstellung „Um die Ecke geht es nach Amerika“ befindet sich in der Galerie im ersten Obergeschoss des Empfangsgebäudes am Steubenhöft und lädt täglich dazu ein, in die bewegende Geschichte der Auswanderung und der großen Passagierschiffe einzutauchen. Auf 46 großformatigen Bannern mit insgesamt 92 Schautafeln erleben Besucher die Entwicklung des Überseepassagierverkehrs von Cuxhaven aus seit 1889. Geöffnet ist die Ausstellung täglich von 9 bis 17 Uhr, der Eintritt ist frei. Wer den historischen Passagierterminal noch intensiver kennenlernen möchte, kann außerdem an den regelmäßig stattfindenden Führungen durch Kuppelsaal, Zollhalle, den Gedeckten Gang und das Steubenhöft teilnehmen.


Ein besonderer Meilenstein war dabei die Errichtung des repräsentativen Hafenbahnhofs, der heutigen Hapag-Halle. Bereits die Ankunft der Reisenden sollte den Eindruck vermitteln, Teil einer außergewöhnlichen Reise zu sein. Herzstück des Gebäudes war der eindrucksvolle Kuppelsaal, dessen elegante Architektur eher an die luxuriösen Salons der Ozeandampfer erinnerte als an einen Bahnhof. Elektrisches Licht – damals eine technische Sensation – tauchte den Raum in warmen Glanz. Edle Materialien, großzügige Raumgestaltung und ein Hauch mondäner Eleganz ließen die Wartezeit selbst zum Erlebnis werden. Wer hier Platz nahm, sollte spüren, dass die Überfahrt nach Amerika weit mehr war als eine gewöhnliche Schiffsreise.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Während Tausende Auswanderer mit einfachen Hoffnungen an Bord gingen, entwickelte sich gleichzeitig eine völlig neue Form des Reisens. Im Winter des Jahres 1891 verließ die Augusta Victoria Cuxhaven nicht mit dem Ziel New York, sondern zu einer luxuriösen Rundreise ins Mittelmeer und den Orient. Diese außergewöhnliche Fahrt gilt heute als Geburtsstunde der modernen Kreuzfahrt. Was damals als clevere Idee entstand, um die großen Passagierschiffe außerhalb der Hauptsaison wirtschaftlich einzusetzen, entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Tourismusformen der Welt. Damit darf sich Cuxhaven mit Recht als einer der Ursprungsorte der Kreuzfahrtgeschichte bezeichnen.

Mit jeder neuen Schiffsgeneration wuchs auch der Hafen. Immer größere Dampfer verlangten nach längeren Kais und tieferen Hafenbecken. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden gewaltige Erweiterungen, die schließlich im Bau des Steubenhöfts gipfelten. Mit rund 400 Metern Länge gehörte die Anlage damals zu den größten Passagierpiers weltweit. Über einen überdachten Gang gelangten Reisende direkt vom Bahnsteig bis zur Gangway ihres Schiffes, geschützt vor Wind und Regen. Dieser Komfort war für die damalige Zeit außergewöhnlich und unterstrich den hohen Anspruch der Hamburg-Amerika-Linie.

Der Wettstreit um das größte und luxuriöseste Schiff bestimmte jene Jahre wie kaum ein anderes Thema. Namen wie Deutschland, Amerika, Kaiserin Auguste Victoria oder später der gigantische Imperator sorgten weltweit für Schlagzeilen. Jedes neue Schiff übertraf seinen Vorgänger an Größe, Geschwindigkeit und Ausstattung. Als der Imperator erstmals am Steubenhöft festmachte, war er das größte Passagierschiff der Erde. Seine Ankunft lockte unzählige Schaulustige an die Elbe. Cuxhaven stand plötzlich im Mittelpunkt eines internationalen Wettbewerbs, bei dem Technik, Prestige und wirtschaftliche Macht eng miteinander verbunden waren.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Der Alltag am Passagierterminal war beeindruckend organisiert. Bis zu dreizehn Sonderzüge trafen an einzelnen Tagen ein oder verließen den Bahnhof wieder. Mehrere Tausend Reisende mussten innerhalb kürzester Zeit abgefertigt werden. Gepäck, Zollkontrollen, Fahrkarten und die Einschiffung funktionierten mit erstaunlicher Präzision. Die gesamte Strecke zwischen Hamburg und Cuxhaven war auf den Verkehr der HAPAG abgestimmt. Zeitweise hatte der Passagierverkehr sogar Vorrang vor dem regulären Bahnverkehr.

Doch hinter aller technischen Perfektion verbargen sich unzählige persönliche Geschichten. Für viele Menschen bedeutete der Weg über das Steubenhöft einen endgültigen Abschied von ihrer Heimat. Hunger, Arbeitslosigkeit oder die Hoffnung auf ein besseres Leben führten sie nach Nordamerika. Manche trugen ihren gesamten Besitz in einem einzigen Koffer. Andere verabschiedeten sich von Angehörigen, die sie nie wiedersehen sollten. Nicht umsonst erhielt der Anleger später den bewegenden Beinamen „Kai der Tränen“. Hier lagen Freude und Schmerz oft nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Der Erste Weltkrieg setzte diesem außergewöhnlichen Aufschwung ein abruptes Ende. Zahlreiche Schiffe gingen verloren oder mussten abgegeben werden. Zwar gelang der Reederei in den folgenden Jahren ein bemerkenswerter Wiederaufbau, doch die Rahmenbedingungen hatten sich grundlegend verändert. Verschärfte Einwanderungsgesetze in den Vereinigten Staaten ließen die Zahl der Auswanderer deutlich sinken. Der große Strom nach Amerika versiegte allmählich.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt das Steubenhöft eine neue Bedeutung. Zunächst prägten Soldaten, Heimkehrer und sogenannte Displaced Persons das Bild des Hafens. Später kehrte mit der Italia und schließlich der beliebten Hanseatic noch einmal internationales Passagierleben zurück. Elegante Transatlantikliner machten erneut an der Elbmündung fest, doch inzwischen hatte das Flugzeug den Ozeandampfern den Rang abgelaufen. Immer mehr Linienverbindungen wurden eingestellt und durch Kreuzfahrten ersetzt. Als schließlich auch diese nach und nach verschwanden, endete ein Kapitel deutscher Schifffahrtsgeschichte.

Dass dieser einzigartige Ort dennoch nicht in Vergessenheit geriet, ist dem Engagement des Fördervereins Hapag-Halle zu verdanken. Besucher können heute den historischen Weg der Passagiere nahezu unverändert nachvollziehen – vom prachtvollen Kuppelsaal über den gedeckten Gang bis hinaus auf das Steubenhöft. Die Ausstellung „Um die Ecke geht es nach Amerika“ erzählt auf zahlreichen großformatigen Schautafeln von den Menschen, Schiffen und Ereignissen, die diesen Ort geprägt haben. Historische Fotografien, Dokumente und spannende Hintergrundinformationen lassen die große Zeit der Transatlantikschifffahrt wieder lebendig werden.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Wer sich für maritime Geschichte begeistert, entdeckt hier weit mehr als alte Gebäude. Das Ensemble aus Hapag-Halle, Empfangsgebäude, historischem Bahnsteig und Steubenhöft gehört zu den eindrucksvollsten Zeugnissen deutscher Auswanderungsgeschichte. Gleichzeitig eröffnet sich von der Pier ein weiter Blick über die Elbmündung, wo noch heute riesige Containerschiffe, Kreuzfahrtschiffe und Frachter ihren Weg zur Nordsee nehmen – fast so, als würden sie an die große Vergangenheit dieses Hafens erinnern.

Ein Besuch verbindet Geschichte, Architektur und Seefahrt auf außergewöhnliche Weise. Zwischen den historischen Mauern wird spürbar, welche Bedeutung Cuxhaven einst für den weltweiten Reiseverkehr hatte. Die Ausstellung macht deutlich, dass hier nicht nur Schiffe ablegten, sondern auch Lebensgeschichten ihren Lauf nahmen. Wer durch die lichtdurchfluteten Galerien geht und schließlich auf dem Steubenhöft steht, blickt über denselben Fluss, auf den einst Hunderttausende Menschen voller Hoffnung hinausgeschaut haben … in Richtung Amerika. (sk)