Wenn Glaube den Alltag erhellt – Griechenland feierte das Hochfest der Verklärung des Herrn

Als der Chor seine letzten Lieder beendet hatte, wollte am kleinen Hafen in der Nähe von Volos noch niemand nach Hause gehen. Es erklangen bereits die ersten Takte eines traditionellen Syrtos. Wenig später fassten sich die Menschen an den Händen, bildeten einen Kreis und tanzten – so, wie es in Griechenland seit Generationen zu den großen Kirchweihfesten gehört.
Von HB-Redakteurin Maria Papadaki

Volos – Anlass war das Hochfest der Verklärung des Herrn, auf Griechisch „Metamorphosis tou Sotiros“, das die orthodoxe Kirche jedes Jahr am 6. August begeht. Für die orthodoxen Christen zählt es zu den bedeutendsten Festen des Kirchenjahres und gehört zu den zwölf großen Hochfesten der Kirche. Das Fest erinnert an den Augenblick, als Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes auf den Berg Tabor stieg und sich ihnen in göttlichem Licht offenbarte. Sein Gesicht, so schildert es das Evangelium, leuchtete wie die Sonne, seine Kleidung wurde strahlend weiß. Gleichzeitig erschienen die Propheten Mose und Elija, während eine leuchtende Wolke den Berg umhüllte und die Stimme Gottes erklang: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Für orthodoxe Christen ist diese Szene weit mehr als ein Wunderbericht. Sie gilt als eindrucksvoller Beweis dafür, dass Jesus Christus wahrer Mensch und zugleich wahrer Gott ist.

Foto: Hellas-Bote

Gerade diese Offenbarung besitzt in der orthodoxen Theologie einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Während Christus im göttlichen Licht erscheint, wird zugleich die Heilige Dreifaltigkeit sichtbar: Der Sohn offenbart seine Herrlichkeit, der Vater spricht aus der Wolke und der Heilige Geist wird in eben dieser leuchtenden Wolke gegenwärtig. Deshalb wird das Fest häufig als die „kleine Theophanie“, als eine zweite große Offenbarung Gottes nach der Taufe Jesu im Jordan, verstanden.

Besonders tief verwurzelt ist in der orthodoxen Spiritualität die Vorstellung des sogenannten Taborlichtes. Dieses Licht wird nicht als gewöhnliches Sonnenlicht verstanden, sondern als das ungeschaffene Licht Gottes selbst. In der Mystik der Ostkirche, insbesondere im Hesychasmus, steht es für das Ziel jedes gläubigen Menschen: durch Gebet, Glauben und geistliche Reinigung Anteil an der göttlichen Herrlichkeit zu erhalten. Die Verklärung Christi wird dadurch zugleich zum Bild der Hoffnung auf die Vergöttlichung des Menschen – der sogenannten Theosis –, einem der zentralen Gedanken orthodoxer Theologie.

Ebenso verweist das Evangelium auf die enge Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament. Mit Mose, dem Vertreter des Gesetzes, und Elija, dem großen Propheten Israels, erscheinen zwei der bedeutendsten Gestalten der biblischen Geschichte an der Seite Jesu. Für die Gläubigen wird damit sichtbar, dass Christus die Erfüllung aller Verheißungen des Alten Bundes und der verheißene Messias ist.

Foto: Hellas-Bote

Auch der Zeitpunkt des Festes besitzt eine besondere Bedeutung. Exakt vierzig Tage vor dem Fest der Kreuzerhöhung am 14. September erinnert die Verklärung daran, dass Jesus seinen Jüngern seine göttliche Herrlichkeit zeigte, bevor sie sein Leiden und seinen Tod am Kreuz erleben mussten. Das Licht des Berges Tabor sollte ihren Glauben stärken und sie auf die bevorstehenden Ereignisse vorbereiten.

Neben der Liturgie prägen seit Jahrhunderten zahlreiche Bräuche den Festtag. In vielen Regionen Griechenlands bringen die Gläubigen die ersten reifen Weintrauben sowie andere Früchte der Ernte in die Kirche. Erst nach der Segnung durch den Priester dürfen sie traditionell gegessen werden. Die Segnung der Erstlingsfrüchte ist Ausdruck des Dankes für die Gaben der Natur und verbindet den christlichen Glauben mit dem bäuerlichen Leben des Landes. Wo keine Trauben wachsen, werden Äpfel oder andere Früchte gesegnet.

Obwohl sich die orthodoxen Christen während der Fastenzeit vor Mariä Entschlafung befinden, lockert die Kirche an diesem Hochfest die Fastenvorschriften. Fisch, Wein und Öl sind an diesem Tag erlaubt – ein sichtbares Zeichen dafür, welchen Rang die Verklärung Christi innerhalb des Kirchenjahres einnimmt.

In zahlreichen Dörfern und Städten Griechenlands wird das Hochfest traditionell mit sogenannten Panigiria gefeiert. Kirchen, Kapellen und Klöster, die den Namen der Verklärung tragen, laden zu festlichen Gottesdiensten, Prozessionen sowie gemeinsamen Feiern mit Musik und Tanz ein. Diese Kirchweihfeste gehören bis heute zu den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen vieler Gemeinden und verbinden religiöse Überzeugung mit gelebter Gemeinschaft.

Foto: Hellas-Bote

Auch rund um Volos zeigte sich diese Verbindung eindrucksvoll. Zwischen den festlich gekleideten Besuchern mischten sich Einheimische und Gäste, Kinder liefen über den Hafenplatz, während ältere Menschen den Chorgesängen aufmerksam lauschten. Immer wieder blieb Zeit für Gespräche, Begegnungen und gemeinsames Essen. Die traditionellen Tänze, begleitet von griechischer Volksmusik, verwandelten den Hafen in einen Ort, an dem Glauben, Kultur und Lebensfreude sichtbar zusammenfanden.

Die Ursprünge des Festes reichen weit in die frühe Christenheit zurück. Historiker vermuten, dass die Feier auf die Weihe mehrerer Basiliken auf dem Berg Tabor zurückgeht. Bereits im 9. Jahrhundert war das Fest in verschiedenen Regionen der Christenheit bekannt. Papst Calixtus III. erhob es im Jahr 1457 nach der erfolgreichen Verteidigung Belgrads gegen die Osmanen zum allgemeinen Fest der römisch-katholischen Kirche. Heute wird die Verklärung Jesu am 6. August in der griechisch-orthodoxen, römisch-katholischen, syrisch-orthodoxen, anglikanischen, altkatholischen sowie in zahlreichen weiteren christlichen Kirchen begangen. Kirchen, die weiterhin dem julianischen Kalender folgen, feiern das Fest nach dem gregorianischen Kalender erst am 19. August.

Für die orthodoxe Kirche gehört die Verklärung des Herrn bis heute zu den Höhepunkten des liturgischen Jahres. Bereits die nächtliche Vigil am Vorabend unterstreicht ihre herausragende Bedeutung. Sie erinnert die Gläubigen daran, dass das Licht von Tabor nicht nur ein einmaliges Ereignis der biblischen Geschichte war, sondern bis heute als Zeichen göttlicher Gegenwart verstanden wird. (pm)