Schon beim ersten Anblick offenbart die Quitte ihren Zauber: goldgelb schimmernd, von samtigem Flaum überzogen und von einem betörenden Duft begleitet, erzählt sie Geschichten von alten Kulturen, Mythen und kulinarischen Traditionen.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos
Natur & Umwelt – Die Quitte [ˈkvɪtə] (Cydonia oblonga) ist nicht nur eine botanische Rarität – sie ist die einzige Art der Gattung Cydonia und ein Symbol für Fruchtbarkeit, Glück und Schönheit, das bereits in der Antike geschätzt wurde. Von den Hängen Kretas bis in die Täler des Kaukasus hat diese Pflanze eine faszinierende Reise hinter sich, die Kulturgeschichte und Naturkunde auf einzigartige Weise miteinander verknüpft.
Die Quitte ist ein laubabwerfender Strauch oder kleiner Baum, der Wuchshöhen von 4 bis 8 Metern erreicht. Junge Zweige zeigen einen violetten, filzig behaarten Charakter, der sich im Alter zu glattem, bräunlich-violettem Holz wandelt. Die Blätter sind dunkelgrün, oberseits fast kahl und unterseits flaumig behaart, mit einer Größe von 5 bis 10 cm Länge und 3 bis 5 cm Breite. Sie stehen wechselständig an den Zweigen und besitzen einen filzigen Blattstiel von 0,8 bis 1,5 cm Länge.

Die Blüten, die nur im Mai und Juni erscheinen, sind weiß bis rosafarben, fünfzählig und besitzen eine glockenförmige Blütenbasis (Hypanthium). Jede Blüte enthält 20 Staubblätter und fünf unterständige Fruchtblätter mit zahlreichen Samenanlagen. Der Duft der Quittenblüten zieht Bienen und Hummeln magisch an und fördert so die Bestäubung. Die Früchte, oft als Apfelquitten oder Birnenquitten bezeichnet, sind gelb, leicht behaart und reich an Vitamin C, Pektin, Tanninen und Mineralstoffen wie Kalium, Eisen und Zink. Sie reifen von September bis November und zählen zu den letzten Früchten des Jahres.
Die Urheimat der Quitte liegt im östlichen Kaukasus und Transkaukasus. Über die Jahrtausende wurde sie durch den Menschen verbreitet und fand ihren Weg in den Nahen Osten und nach Griechenland. In Griechenland lassen sich ihre Spuren bereits ab 600 v. Chr. nachweisen. Besonders auf der Insel Kreta, nahe der antiken Stadt Kydonia (heute Chania), galt die Quitte als geschätzte Frucht – das zeigt sich auch in ihrer Namensgebung: malum cydonium – der „kydonische Apfel“. Die Römer führten sie ab 200 v. Chr. in ihre Gärten ein, während Mitteleuropa erst im 9. Jahrhundert die wärmeliebende Pflanze übernahm, bevorzugt in Weinbaugebieten.
Heute wird die Quitte hauptsächlich in Asien und Europa angebaut. Die Türkei nimmt dabei mit rund 28 % Anteil an der Welternte eine führende Rolle ein. In Griechenland und auf Kreta findet man noch heute wilde und kultivierte Quittenbestände, besonders in milden Regionen, die den mediterranen Klimaeinflüssen entsprechen.
Quitten bevorzugen sonnige, warme Standorte und durchlässige Böden. Staunässe oder übermäßig kalkhaltige Böden können die Pflanze schädigen. Frostwerte unter −20 °C stellen ein Risiko dar, ansonsten ist die Pflanze relativ robust. Die Blüten werden von Hummeln und Bienen bestäubt, die Früchte verbreiten vor allem Nagetiere wie den Siebenschläfer.
Häufige Erkrankungen sind Monilia-Spitzendürre oder Blattpseudomonas, die bakterielle Gefahr Feuerbrand stellt jedoch die größte Bedrohung dar. Durch Mischkulturen mit Apfelbäumen kann sich zudem der Apfelwickler auf Quitten übertragen.
Frisch verzehrt sind die meisten Quittenarten hart und adstringierend, doch gekocht oder gebacken entfalten sie ein einzigartiges, feinsäuerliches Aroma, das sich ideal mit Zimt, Ingwer, Rosinen, Mandeln oder Vanille kombinieren lässt. Traditionelle Zubereitungen wie Quittenspeck (Quittenbrot), Marmelade, Mus, Chutney, Saft, Gelee, Wein und Likör zeigen die Vielseitigkeit der Frucht.
Auch in der Heilkunde hat die Quitte eine lange Tradition: Quittensamen liefern Schleimstoffe, die als Hustenmittel oder bei Verdauungsbeschwerden eingesetzt werden. Der Saft der Früchte lindert Entzündungen im Mund- und Rachenraum, während äußerlich Quittensalben bei Hautverletzungen oder Wundliegen verwendet werden.
Seit der Antike steht die Quitte für Liebe, Fruchtbarkeit, Schönheit und Beständigkeit. Schon in griechischen Mythen wie den Hesperiden oder in Werken von Wilhelm Busch und Jan Wagner wird die Frucht als Symbol und poetisches Motiv verewigt. Sie verknüpft Kunst, Literatur und kulinarische Tradition zu einem faszinierenden kulturellen Schatz, der von Generation zu Generation weitergegeben wird. (jk)





