Wenn der Wind vom Libyschen Meer die schroffen Hänge der Weißen Berge hinaufweht, erreicht man auf einer stillen Hochebene ein Dorf, das seit Jahrtausenden Geschichte atmet – Anopoli.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen / #Kreta – Der Blick schweift über die Weite des Libyschen Meeres, während die weißen Kalkriesen der Lefka Ori in der Sonne glühen. Es ist, als ob sich Himmel, Meer und Berge hier die Hand reichen. Anopoli, das kleine Dorf hoch über der Südküste, ist ein Ort voller Legenden, archaischer Geschichte und stolzer Traditionen, die bis heute in jeder Steinmauer und jedem Pfad spürbar sind.
Die Geschichte dieses Ortes reicht über 2300 Jahre zurück, in eine Zeit, in der Anopoli eine bedeutende Siedlung des hellenistischen Kreta war. Südlich des heutigen Dorfes befand sich das antike Anopoli, dessen Wohlstand so groß war, dass es eigene Münzen prägte – ein Symbol von Selbstbewusstsein und wirtschaftlicher Stärke. Auch unter römischer Herrschaft blieb der Ort ein Knotenpunkt, verbunden mit seinem einstigen Handelshafen Loutro durch ein Kalderimi, einen gepflasterten Maultierweg, dessen Spuren noch heute erwandert werden können. Von der Antike künden stille Zeugen: Fundamente römischer Tempel, Grabstätten und die Fragmente uralter Häuser, die im Sonnenlicht flirren wie Relikte einer versunkenen Epoche.
Anopoli ist nicht nur ein Ort der Vergangenheit, sondern auch ein Symbol für den unbeugsamen Freiheitswillen der Sfakioten. Immer wieder erhoben sich die Bewohner gegen Fremdherrschaft, seien es Venezianer oder Osmanen, die das Dorf mehrmals zerstörten. Hier wurde auch Ioannis Vlachos geboren, besser bekannt als Daskalogiannis, der Freiheitskämpfer, der 1770 den Aufstand gegen die Osmanen anführte. Sein Schicksal ist tragisch – doch seine Legende lebt fort. Auf dem Dorfplatz, im Zentrum des heutigen Anopoli, erhebt sich eine überlebensgroße Statue zu seinen Ehren, ein mahnendes Symbol für Mut und Opferbereitschaft. Nicht umsonst trägt heute der Flughafen von Chania seinen Namen, ebenso wie eine Fähre, die täglich die Südküste befährt.
Wer Anopoli besucht, spürt den besonderen Rhythmus dieses abgelegenen Bergdorfs. In den Tavernen am Dorfplatz treffen sich Einheimische und Reisende, trinken Raki, erzählen Geschichten und genießen einfache, authentische Gerichte Kretas. Über allem wacht die kleine Kapelle Agia Ekaterini, die hoch über der Steilküste thront. Von hier öffnet sich ein atemberaubender Blick auf die geschwungene Bucht von Loutro, tief unten am Libyschen Meer gelegen. Ein alter Kalderimi führt von der Kapelle hinab zum Meer, eine Wanderung, die nicht nur landschaftlich, sondern auch spirituell wie eine Zeitreise wirkt.
Doch Anopoli ist auch ein Paradies für Wanderer und Bergsteiger. Von hier aus startet der Weg auf den Pachnes, den mit 2453 Metern höchsten Gipfel der Lefka Ori, der Weißen Berge. Wer die Mühe des Aufstiegs nicht scheut, wird mit einem unvergleichlichen Panorama belohnt, das vom endlosen Blau des Libyschen Meeres bis zu den zerklüfteten Gipfeln reicht, die im Winter noch von Schnee bedeckt sind. Ebenso lohnend sind die Touren in die wilde Aradena-Schlucht oder zum Bergdorf Agios Ioannis, wo sich alte Pfade bis zum Gipfel Papa Kefala winden. Diese Landschaft ist geprägt von karger Schönheit, schroffen Felsen und einer Natur, die so ungezähmt wirkt wie die Menschen, die hier seit Jahrhunderten leben. (dt)





