Eine Zeitreise durch Cuxhavens maritimes Gedächtnis

Der Wind kommt von der Elbe herüber und trägt den Geruch von Salz, Wasser und Hafen mit sich. Am Kai liegen Kutter, alte Hallen säumen das Becken, und dort, wo einst der Fisch in gewaltigen Mengen angelandet, sortiert, versteigert und mit der Eisenbahn weitergeschickt wurde, ist heute Raum für neue Ideen.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Wer durch den Alten Fischereihafen von Cuxhaven spaziert, bewegt sich deshalb auf historischem Boden. Jeder Kai, jede Halle und jede alte Hafenstruktur erzählt von einer Zeit, in der der Fisch den Takt der Stadt bestimmte.

Genau hier setzt die Fischmeile an. Seit ihrer Neugestaltung im Dezember 2022 führt sie Besucher entlang des Alten und Neuen Fischereihafens durch die Geschichte der Cuxhavener Fischwirtschaft. Mehr als 15 Stelen und Informationstafeln machen sichtbar, was hinter den historischen Mauern geschah und wie aus einem kleinen Nothafen einer der bedeutendsten Fischereihäfen Deutschlands wurde.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Das Entscheidende an diesem Ort ist dabei nicht nur das, was heute noch zu sehen ist. Es ist die Vorstellungskraft: Man muss sich den Hafen als geschäftigen Mikrokosmos vorstellen, in dem Schiffe aus der Nordsee eintrafen, Arbeiter ihre Ladung löschten, Auktionatoren den Fang versteigerten und Händler die Ware möglichst schnell weitertransportierten. Hinter den Kais begann ein logistisches Räderwerk, das weit über Cuxhaven hinausreichte.

Die Voraussetzungen dafür waren früh vorhanden. Die Lage an der Elbmündung machte Cuxhaven zu einem natürlichen Anlaufpunkt für Fischer. Bereits im 16. Jahrhundert diente ein Hafen nahe der Flussmündung Segelfischern als Nothafen. Fischer aus Blankenese und Finkenwerder kamen die Elbe hinauf, um Hering und andere Meerestiere zu fangen. Ihre Ware wurde anschließend zu den Hamburger Fischmärkten gebracht. Jahrhunderte später sollte aus dieser günstigen Lage ein industrieller Standort von überregionaler Bedeutung werden.

Der große Wandel kam mit der Eisenbahn und der Dampfkraft. Plötzlich war der Fisch nicht mehr ausschließlich eine Ware für die Küstenregion. Er konnte schnell ins Landesinnere gelangen. Cuxhaven lag dafür ideal: Die Stadt befand sich unmittelbar an der Elbe und zugleich in der Nähe der Fanggründe der Nordsee. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden deshalb die Pläne für einen eigenen Fischereihafen konkreter.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Doch der Weg zur modernen Hochseefischerei war zunächst ein Experimentierfeld. 1886 lief mit der „Sagitta“ in Bremerhaven der erste deutsche Fischdampfer aus. Das Schiff setzte Dampfkraft nicht nur für seinen Antrieb ein, sondern auch für das Schleppen eines Netzes. Damit begann ein neues Kapitel der Fischerei. Auch Cuxhaven wollte von der technischen Revolution profitieren. Der Fischhändler Dohrmann ließ 1891 den Fischdampfer „Cuxhaven“ bauen. Das Vorhaben scheiterte jedoch: Mit nur einem Schiff ließ sich ein Fischmarkt nicht regelmäßig versorgen. Der Dampfer wurde nach kurzer Zeit wieder verkauft.

Was damals wie ein Rückschlag wirkte, war letztlich nur eine Verzögerung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde aus der Vision Realität. Hamburg investierte rund 1,5 Millionen Mark in den Ausbau Cuxhavens zum Hochseehafen. Das Hafenbecken wurde vertieft, Packhallen entstanden und der Seefischmarkt nahm Gestalt an. 1907 ging der Alte Fischereihafen mit festen Kaimauern in Betrieb. 1908 begann die Reederei Cuxhavener Hochseefischerei mit 13 Fischdampfern ihren Betrieb. Im selben Jahr wurde auf dem neuen Seefischmarkt die erste Auktion abgehalten.
Von diesem Moment an wurde Geschwindigkeit zu einem entscheidenden Faktor. Fisch war verderblich, und jede Stunde zählte. Am Kai wurde die Ladung gelöscht, anschließend gelangte sie in die Auktion und von dort möglichst rasch auf Straße oder Schiene. Die Hafenanlagen mussten mit diesem Tempo mithalten. Werkstätten reparierten Schiffe, Netzfabriken sorgten für Ausrüstung, Eiswerke konservierten den Fang, und Speditionen organisierten den Weitertransport. Der Fischereihafen funktionierte wie ein riesiges Uhrwerk, dessen einzelne Zahnräder eng ineinandergreifen mussten.

Besonders eindrucksvoll wird die Dimension dieses Systems beim Blick auf die Zahlen. 1908 wurden rund 3500 Tonnen Fisch angelandet. Anfang der 1930er Jahre waren es bereits etwa 100.000 Tonnen jährlich. Cuxhaven war damit zu einem wichtigen Fischstandort geworden. Der 1935 eröffnete Fischversandbahnhof galt damals als größter Europas. Spezialwagen transportierten den frischen Fang in kurzer Zeit quer durch Deutschland: Nach Köln dauerte die Reise acht Stunden, nach Berlin zehn und bis München 18 Stunden.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Heute wirken die alten Fischhallen beinahe still. Doch ihre Architektur lässt erahnen, wie geschäftig es hier einst zuging. Zwischen 1920 und 1921 entstanden die Fischhallen IV, V und VI. Charakteristisch sind die flachen Satteldächer, die rundbogigen Tore und die Ladeluken in den oberen Geschossen. Dahinter lagen Verarbeiter, Zulieferer und Großhändler, während der Versandbahnhof die Verbindung zum überregionalen Markt herstellte. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens befanden sich am Ausrüsterkai unter anderem Netzhalle und Eiswerk.

Wer heute durch diesen Bereich geht, kann die einstige Arbeitsteilung deshalb noch anhand der räumlichen Anordnung nachvollziehen. Der Hafen war kein einzelner Betrieb, sondern eine komplette Produktions- und Handelslandschaft. Alles hatte seinen Platz: die Schiffe am Kai, die Auktion in den Hallen, die Verarbeitung dahinter und der Versand Richtung Inland. In den 1950er Jahren erreichte dieses System seine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Rund 7000 Menschen arbeiteten im Umfeld von Altem und Neuem Fischereihafen. 72 Seefisch- und Heringsgroßhandlungen handelten mit der Ware, 26 Fischindustriebetriebe produzierten Konserven, Marinaden, Räucher- und Salzfisch. Hinzu kamen Krabbenbetriebe, Fischmehlfabriken, Eiswerke, Werften und zahlreiche Zulieferer.

Doch auch die erfolgreichste Fischereiwirtschaft stößt an natürliche Grenzen. Die Überfischung der Meere wurde zunehmend zum Problem. Seit den 1970er Jahren wurde der Fischfang durch Fangquoten und internationales Recht begrenzt. Für Cuxhaven bedeutete dies einen tiefgreifenden Wandel. Die Fischerei verlor an wirtschaftlichem Gewicht, während der Neue Fischereihafen gegenüber dem Alten zunehmend an Bedeutung gewann.

Der Zweite Weltkrieg hatte die Entwicklung bereits einmal jäh unterbrochen. Der begonnene Ausbau des Neuen Fischereihafens musste gestoppt werden. Die Marine nutzte die Anlagen, Fischdampfer wurden als Vorpostenboote eingesetzt und der Fischfang war auf die Küstenfischerei beschränkt. Nach Kriegsende begann der Wiederaufbau der Hochseefischerei und Cuxhaven hatte gegenüber anderen Standorten einen wichtigen Vorteil, weil die Fischereihäfen in Hamburg und Bremerhaven deutlich stärker zerstört worden waren.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Geschichte des Hafens ist damit auch eine Geschichte des Wandels. Aus dem Nothafen der Fischer wurde ein Industriezentrum. Aus den Segelbooten wurden Dampfschiffe und später große Trawler. Aus regionalem Fischhandel entstand ein deutschlandweites Logistiksystem. Und aus dem wirtschaftlichen Zentrum der 1950er Jahre wurde schließlich ein historischer Ort, der heute neue Funktionen sucht.

Dass dieser Wandel sichtbar bleibt, ist dem Erhalt der historischen Hafenarchitektur zu verdanken. Der Alte Hafen und die Fischhallen IV, V und VI stehen unter Denkmalschutz. Auch die 1955 errichtete denkmalgeschützte Klappbrücke gehört zu den Zeugnissen dieser Epoche.
Gleichzeitig soll der Alte Fischereihafen nicht zum Freilichtmuseum erstarren. 2017 wurde das Areal an die Cuxhavener Plambeck Holding verkauft. Am Nordseekai können weiterhin Krabbenkutter anlegen, während touristische und gastronomische Nutzungen entwickelt werden sollen. Damit entsteht eine interessante Verbindung: Der Hafen bewahrt seine Vergangenheit, ohne auf eine neue Zukunft zu verzichten.

Vielleicht ist das die eigentliche Besonderheit der Fischmeile. Sie führt nicht einfach von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Sie macht verständlich, warum dieser Hafen für Cuxhaven so wichtig war und warum seine Geschichte bis heute nachwirkt. Zwischen Wasser, Backstein, Stahl und alten Kaianlagen wird eine Welt sichtbar, in der der Fisch vom Fang bis zum Versand eine ganze Stadt in Bewegung setzte. Und während heute die Krabbenkutter am Kai liegen und Spaziergänger den Blick über das Hafenbecken schweifen lassen, ist der Alte Fischereihafen längst selbst zu einem Stück Geschichte geworden. Einer Geschichte, die man in Cuxhaven nicht nur lesen, sondern auf Schritt und Tritt erleben kann. (sk)