Als Dvořáks Klänge durch die Sommernacht in Nafplio zogen

Als am letzten Festivalabend die letzten Töne von Antonín Dvořáks weltberühmter Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ über die historischen Mauern von Nafplio hinweg in die warme Sommernacht hinausklangen, ging nicht nur ein Konzert zu Ende.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou

Nafplio – Mit dem Abschlusskonzert des Athener Staatsorchesters endete zugleich die 35. Ausgabe des Nafplio-Festivals … ein kulturelles Jubiläum, das die ehemalige erste Hauptstadt Griechenlands erneut für eine Woche in eine Bühne unter freiem Himmel verwandelte.

Foto: Hellas-Bote/Thanassis Zavos

Zwischen venezianischen Festungsmauern, byzantinischen Kirchen und den lebhaften Plätzen der Altstadt erlebten Besucherinnen und Besucher ein Festival, das eindrucksvoll zeigte, warum die Veranstaltung seit Jahrzehnten zu den bedeutendsten Kulturereignissen des Landes zählt. Tausende Gäste aus Griechenland und dem Ausland strömten in die malerische Küstenstadt am Argolischen Golf, deren enge Gassen, historischen Gebäude und Blickachsen auf das Meer während der Festivaltage von Musik und kultureller Begegnung geprägt waren.

Schon in den frühen Abendstunden füllten sich die Plätze der Altstadt. Vor der Kirche Agios Georgios, auf dem Syntagma-Platz, im historischen Vouleftiko, an der Kirche Agios Nikolaos und in der imposanten Festung Palamidi versammelten sich Besucher jeden Alters. Die außergewöhnlichen Spielorte machten einmal mehr deutlich, was das Festival seit seiner Gründung auszeichnet: Kunst wird nicht hinter verschlossenen Türen präsentiert, sondern mitten im öffentlichen Raum und in direkter Begegnung mit den Menschen.

Den Auftakt der Jubiläumsausgabe bildete die Produktion „The Haunted“ des griechischen Komponisten Dimitris Maramis in der Festung Palamidi. Vor der eindrucksvollen Kulisse der mächtigen Bastionen verschmolzen Sprache, Musik, Gesang und Theater zu einer vielschichtigen Inszenierung. Die Aufführung setzte bereits zu Beginn ein Zeichen für die künstlerische Bandbreite des Festivals, das auch in seinem 35. Jahr unterschiedlichste Ausdrucksformen miteinander verband.

Foto: Hellas-Bote/Thanassis Zavos

Über die gesamte Festivalwoche hinweg wurde deutlich, wie eng die Veranstaltung mit der Identität Nafplios verwoben ist. Bürgermeister Dimitris Orfanos würdigte das Festival als festen Bestandteil des kulturellen Selbstverständnisses der Stadt. Seit dreieinhalb Jahrzehnten verbinde es die historische Bedeutung Nafplios mit anspruchsvoller Kunst und ziehe Menschen weit über die Grenzen der Region hinaus an. Besonderen Dank richtete er an die vielen Besucher, die das Festival über Jahre und Jahrzehnte begleitet haben und mit ihrer Treue einen wesentlichen Beitrag zu dessen Erfolg leisten.

Auch der international renommierte Pianist und künstlerische Leiter Yannis Vakarelis zog eine positive Bilanz. Das Festival sei aus der Überzeugung entstanden, dass Musik und Kunst Brücken zwischen Menschen, Kulturen und Generationen schlagen können. Diese Grundidee habe die Entwicklung der Veranstaltung seit ihren Anfängen geprägt und ihr eine außergewöhnliche Kontinuität verliehen.

Die Geschichte des Festivals liest sich beeindruckend. Mehr als 300 Künstlerinnen und Künstler aus Griechenland und dem Ausland standen seit der Gründung auf den Bühnen in Nafplio. Insgesamt gastierten 25 renommierte Streichquartette sowie 20 Sinfonie- und Kammerorchester in der Stadt. Zahlreiche international bekannte Musiker der klassischen Szene waren Teil des Programms. Gleichzeitig blieb das Festival stets seiner Aufgabe verpflichtet, jungen Talenten eine Plattform zu bieten und ihnen wichtige Auftrittsmöglichkeiten vor großem Publikum zu eröffnen.

Auch die Resonanz spricht für die Bedeutung der Veranstaltung. Mehr als 200.000 Menschen haben die Konzerte und Aufführungen seit der ersten Ausgabe besucht. Neben den Einwohnern Nafplios reisen jedes Jahr Gäste aus Athen und anderen Regionen Griechenlands an. Hinzu kommen zahlreiche internationale Besucher, die ihren Sommerurlaub gezielt mit dem Festival verbinden. Viele von ihnen kehren regelmäßig zurück und gehören längst zum vertrauten Bild der Veranstaltung.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor bleibt die besondere Zugänglichkeit des Festivals. Die Konzerte finden an den bedeutendsten Monumenten der Stadt statt und sind zu symbolischen Eintrittspreisen erreichbar. Dadurch entsteht eine unmittelbare Nähe zwischen Publikum und Künstlern, die von vielen Besuchern als einzigartig beschrieben wird. Nicht selten sitzen Musikliebhaber nur wenige Meter von den Interpreten entfernt, während hinter ihnen jahrhundertealte Mauern von der bewegten Geschichte der Stadt erzählen.

Foto: Hellas-Bote/Thanassis Zavos

Einen glanzvollen Schlusspunkt setzte das Athener Staatsorchester, das älteste Sinfonieorchester Griechenlands. Das Konzert stand unter der Schirmherrschaft und Unterstützung des Griechischen Parlaments und bildete einen der Höhepunkte des Jubiläumsprogramms.

Im ersten Teil präsentierte das Orchester das „Korinther Konzert“ des weltbekannten kubanischen Komponisten Leo Brouwer. Das Werk war vom Griechischen Kammerorchester und der Stadt Korinth in Auftrag gegeben worden und gilt als bedeutende zeitgenössische Bereicherung des Gitarrenrepertoires. Solist des Abends war der international gefeierte Gitarrist Dimitris Soukaras, dem das Werk gewidmet wurde.

Soukaras, der in London lebt und arbeitet, zählt zu den herausragenden Vertretern einer neuen Generation klassischer Musiker. Internationale Fachzeitschriften und Kritiker loben regelmäßig seine technische Virtuosität, seine musikalische Ausdruckskraft und seine innovativen Arrangements. Mit sichtbarer Konzentration und großer Präzision interpretierte er das anspruchsvolle Werk Brouwers und begeisterte das Publikum mit seiner klanglichen Vielfalt und seinem nuancenreichen Spiel.

Für das Athener Staatsorchester bedeutete die Aufführung einen besonderen Moment. Das „Korinther Konzert“ war erst wenige Wochen zuvor im Athener Megaron uraufgeführt worden und markiert die Zusammenarbeit mit einem der bedeutendsten lebenden Komponisten für Gitarre weltweit.

Nach der Pause übernahm Dirigent Nikos Chaliasas die Leitung von Dvořáks Sinfonie Nr. 9 e-Moll „Aus der Neuen Welt“. Das Werk zählt zu den populärsten Kompositionen der klassischen Musik überhaupt und entfaltete in der historischen Kulisse Nafplios eine besondere Wirkung. Die kraftvollen Orchesterpassagen wechselten mit lyrischen Momenten, während die vertrauten Melodien über den Platz getragen wurden und zahlreiche Zuhörer bis zum letzten Ton fesselten.

Chaliasas, selbst ein erfahrener Geiger und Dirigent mit internationaler Tätigkeit in Europa und Asien, führte das Orchester mit sicherer Hand durch die berühmte Partitur. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Finale des Abends zu einem eindrucksvollen musikalischen Höhepunkt des Festivals.

Mit dem Abschlusskonzert endete eine Jubiläumsausgabe, die Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen sichtbar machte. Während die historischen Plätze Nafplios erneut zur Bühne wurden und Besucher aus vielen Ländern zusammenführten, erinnerte das Festival zugleich an eine Erfolgsgeschichte, die vor 35 Jahren begann und bis heute untrennbar mit dem kulturellen Leben Griechenlands verbunden ist. (mv)

Foto: Hellas-Bote/Thanassis Zavos