Über Kalavryta lag an diesem Juniwochenende eine besondere Spannung in der Luft: Das Helmos Mountain Festival hat seine vierte Ausgabe gestern mit einem letzten, gemeinsamen Mittagessen auf dem zentralen Platz von Kalavryta beendet und damit vier Tage voller Musik, Naturerlebnisse und ungewöhnlicher Festivalmomente abgeschlossen.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker
Kunst & Kultur – Vom 19. bis 22. Juni verwandelte sich der Helmos in einen Treffpunkt für tausende Besucherinnen und Besucher, die nicht nur Konzerte erleben wollten, sondern ein Gelände, in dem der Berg selbst zur Bühne wurde. Zwischen Campingflächen, Wanderwegen, Panoramaausblicken und den drei musikalischen Schauplätzen entwickelte sich ein Festival, das seinen eigenen Rhythmus fand: früh beginnen, lange bleiben, nachts unter freiem Himmel weiterziehen.
Schon der Auftakt am Freitag setzte den Ton für das Wochenende. Auf der Hauptbühne eröffneten Common Mortals den Reigen, bevor Yannis Charoulis und Ioulia Karapataki das Publikum mit ihren Auftritten weiter durch den Abend führten. Als sich die Live-Sets dem Ende zuneigten, verlagerte sich die Aufmerksamkeit nahtlos in die elektronische Nacht: Valeron übernahm mit seinem DJ-Set und hielt die Energie bis tief in die Dunkelheit hinein hoch. Dass das Festival nicht einfach bei einer klassischen Konzertdramaturgie stehen blieb, war an diesem ersten Abend bereits deutlich zu spüren. Es ging um Übergänge, um Atmosphäre und um die besondere Mischung aus Nähe und Weite, die nur ein Bergfestival erzeugen kann.

Am Samstag weitete sich das Programm über das gesamte Gelände aus und machte die neue Struktur des Festivals noch sichtbarer. Die Styga Spot-Bühne rückte mit Yannis Aggelakas und Nikos Veliotis in den Mittelpunkt einer ganz eigenen, intensiven Klangwelt, während auf der Alpenbühne Skiadaresses und Nefeli Fasouli die Szenerie prägten. Auf der Hauptbühne reihten sich Mikro, Alkinoos Ioannidis und Pavlos Pavlidis in einen Abend ein, der die Spannweite des Festivals eindrucksvoll zeigte. Als Live-Set Klangphonics den Übergang in die Nacht übernahm, verschmolzen elektronische Strukturen und Bergkulisse zu einem Moment, der noch lange nachhallte. Viele Gäste nutzten dabei nicht nur die Musik, sondern auch die Wege dazwischen: den Blick über die Hänge, die kühle Luft in den höheren Lagen und die kurzen Pausen zwischen den Konzerten, in denen der Festivalalltag fast wie ein Ausflug wirkte.
Der Sonntag brachte dann jene Mischung aus Kraft und Tiefe, für die das Helmos Mountain Festival mittlerweile steht. Auf der Alpenbühne sorgten Hatzifraggeta und Dimitris Mystakidis für einen Tag mit starkem musikalischem Profil, bevor auf der Hauptbühne Vevilos, Anser (Eversor), Miltos Paschalidis und schließlich Pyx Lax das Publikum noch einmal dicht an die Bühne zogen. Danach setzte Korolova mit ihrem DJ-Set den elektronischen Schlusspunkt des Tages. Gerade an diesem Abend zeigte sich, wie konsequent das Festival seine unterschiedlichen Ebenen verbindet: traditionelle und zeitgenössische griechische Musik, poetische Momente, kraftvolle Live-Auftritte und schließlich elektronische Sets, die den Nachthimmel über dem Helmos in einen offenen Resonanzraum verwandelten.

Zu den meistgesprochenen Neuerungen dieser Ausgabe gehörte die dritte Musikbühne, die das Festival erstmals bis in außergewöhnliche Höhen ausweitete. Auf 2340 Metern, am Gipfel des Styx, erhielt das Programm mit LYKOI LIVE von Yannis Aggelakas und Nikos Veliotis eine zusätzliche Dimension. Der Ort selbst, geprägt von Mythologie, Landschaft und der besonderen Symbolik des Styx, verlieh dem Auftritt eine Intensität, die weit über ein gewöhnliches Konzerterlebnis hinausging. Die Kulisse aus Felsen, Himmel und Weite machte den Raum zum Teil der Inszenierung; Musik und Umgebung wirkten nicht getrennt, sondern als ein einziger, organischer Rahmen.
Dass das Helmos Mountain Festival nicht allein als Musikveranstaltung gedacht ist, zeigte sich auch abseits der Bühnen. Frühmorgens begann das Programm mit Aktivitäten in der Natur, mit Bewegung, Ruhephasen und Angeboten für verschiedene Altersgruppen. Wandern, Entdecken, Verweilen und gemeinsames Erleben gehörten ebenso dazu wie die langen Stunden auf dem Campinggelände, auf dem viele Gäste den Berg für mehrere Tage zu ihrem temporären Zuhause machten. Für zahlreiche Besucherinnen und Besucher gehörten Kaffee mit Aussicht, das Aufwachen im Zelt, der Blick auf die Bergflanken und die Gespräche zwischen den Konzerten genauso zum Erlebnis wie die großen Namen im Line-up. Das Festival setzte damit erneut auf sein Konzept eines „Bergs für alle“ und verband Musik mit einem Aufenthalt in einer Landschaft, die zugleich geschützt und erfahrbar bleiben soll.

Auch der Montag fügte sich nahtlos in diese Idee ein und öffnete das Festival noch einmal über die Bergkulisse hinaus. Das traditionelle Mittagessen auf dem zentralen Platz von Kalavryta mit Grigoris Samolis wurde zum gemeinschaftlichen Ausklang eines Wochenendes, das für viele Gäste nicht an einer Bühne endete, sondern in den Straßen und auf dem Platz der Stadt weiterlebte. Dort trafen sich noch einmal Festivalstimmung, Dorfleben und der offene Charakter der Veranstaltung. Das Helmos Mountain Festival, organisiert vom Skizentrum Kalavryta in Koproduktion mit Novel Vox und unter der Schirmherrschaft der Gemeinde Kalavryta, hat sich damit erneut als Format präsentiert, das Musik, Tourismus, Landschaft und regionale Identität zusammenführt.
Seit seiner ersten Ausgabe gilt das Festival als eines der ungewöhnlichsten und zugleich prägendsten Kulturformate im griechischen Sommerkalender. Mit seinem Standort im Nationalpark Chelmos-Vouraikos und im UNESCO Global Geopark verbindet es ein Musikprogramm mit einem Ort, der unter Naturschutz steht und gerade deshalb mit besonderer Sorgfalt behandelt wird. Das Publikum erhielt in diesen Tagen nicht nur ein abwechslungsreiches Programm auf mehreren Ebenen, sondern auch die Gelegenheit, einen Berg auf neue Weise zu erleben: mit Blicken über das Tal, mit Abenden unter freiem Himmel, mit Wegen zwischen den Bühnen und mit einem Festivalalltag, der bewusst Platz für Ruhe, Begegnung und Landschaft ließ. (nb)





