Wenn die Sonne über den Bergen Ostkretas aufgeht und die Luft noch vom Duft wilder Kräuter erfüllt ist, scheint die Zeit in Lato stillzustehen. Wer diesen Ort besucht, spürt sofort jene geheimnisvolle Mischung aus archaischer Ruhe und lebendiger Vergangenheit.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen / #Kreta – Zwischen zerfallenen Mauern und weiten Ausblicken eröffnet sich eine Reise in eine Welt, die vor Jahrtausenden blühte – eine Welt, in der Götter, Seefahrer und Könige gleichermaßen ihre Spuren hinterließen.

Lato, benannt nach der Göttin Leto, war einst eine der bedeutendsten Städte der Insel. Die Ursprünge reichen bis in die minoische Epoche um 1500 v. Chr., als hier eine erste Siedlung entstand. Doch die eigentliche Gründung der Stadt erfolgte im 8. Jahrhundert v. Chr. durch die Dorier, die ihr ihre markante Struktur verliehen. Aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. stammen die beeindruckenden Ruinen, die bis heute erhalten sind und ein einzigartiges Zeugnis der griechischen Antike ablegen.
Das Stadtbild lässt sich durch die Grundmauern noch erstaunlich gut nachvollziehen: Wohnhäuser, die einst das Leben zahlreicher Familien beherbergten, Reste einer Agora, die als pulsierendes Zentrum politischer und sozialer Ereignisse diente, sowie eine Zisterne, die das Überleben in dieser Berglandschaft sicherte. Besonders eindrucksvoll ist das Heiligtum, das auf die tiefe religiöse Bedeutung des Ortes verweist. Lato prägte sogar eigene Münzen – ein Symbol politischer Selbstständigkeit und wirtschaftlicher Stärke.
Ein Sohn der Stadt war vermutlich Nearchos, der berühmte Admiral Alexanders des Großen. Er führte die Flotte des makedonischen Königs bis an die Grenzen Indiens und machte den Namen Lato weit über Kreta hinaus bekannt. Auch in den Inschriften, die Archäologen aus Lato und seinem Hafen Lato pros Kamara, dem heutigen Agios Nikolaos, entdeckten, spiegelt sich die besondere Stellung der Stadt wider. Zahlreiche Texte aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. berichten von Ämtern und Institutionen, vor allem von den sogenannten Kosmoi, jenen gewählten Männern, die jeweils für ein Jahr die Geschicke der Polis lenkten. In Lato regierten sie allerdings in Gruppen, was auf eine komplexe und wohl auch aristokratisch geprägte Regierungsform schließen lässt. Nur wenige Familien bestimmten über Generationen hinweg das Leben der Stadt – ein Hinweis auf Machtstrukturen, die tief in den Alltag der Bewohner eingriffen.
Ein Spaziergang durch die Ruinen von Lato ist heute weit mehr als ein archäologischer Ausflug. Es ist ein Eintauchen in die Vergangenheit, in das Leben einer Stadt, die einst über den Seeweg mit der Welt verbunden war und deren Hafen an der Stelle des heutigen Agios Nikolaos lag. Von hier aus wurden Waren verschifft, Nachrichten verbreitet und die Verbindungen zum östlichen Mittelmeerraum gepflegt. Wer den Weg zu dieser antiken Stätte auf sich nimmt, wird belohnt mit einem Panorama, das die Schönheit Kretas auf eindringliche Weise zeigt: schroffe Berge, tiefe Schluchten und der weite Blick bis zum Meer. (dt)





