Als Maria durch die Nacht getragen wurde

Es gibt Abende, an denen eine Kirche einfach ein Ort des Gebets ist. Und es gibt Abende, an denen es scheint, als würde die Kirche selbst hinausgehen … auf die Straßen, zu den Häusern, zu den Menschen. Gestern Abend war ein solcher Abend.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker

Glauben – Am Vorabend des 15. August versammelten sich die griechisch-orthodoxen Gläubigen zur Feier der Κοίμησις τῆς Θεοτόκου … der Entschlafung der Gottesgebärerin, wie das Fest im Griechischen heißt. Im Deutschen wird meist von der Himmelfahrt oder Aufnahme Mariens gesprochen. Es ist eines der größten und bedeutendsten Feste der orthodoxen Kirche und zugleich eines der Feste, die vielleicht am eindrucksvollsten zeigen, wie anders das Christentum über Tod und Leben sprechen kann.

Ich durfte an diesem Abend dabei sein: beim Gottesdienst, beim Gesang, beim Duft des Weihrauchs, beim Segnen des Brotes und schließlich bei der Prozession, bei der die Ikone der Gottesmutter durch das Dorf getragen wurde.

Je länger der Abend dauerte, desto stärker hatte ich das Gefühl, nicht einfach einer religiösen Tradition zuzusehen. Ich war für einige Stunden Teil einer Gemeinschaft, die eine sehr alte Geschichte nicht nur erinnerte, sondern sie gemeinsam durchlebte.

Ein Fest über den Tod … und über das Leben.

Foto: Hellas-Bote

Der 15. August ist in der orthodoxen Kirche der Tag der Dormition, der „Entschlafung“ der Gottesmutter. Das Wort ist wichtig. Denn die orthodoxe Kirche spricht bewusst vom Entschlafen Marias und nicht nur von ihrem Tod. Nach der kirchlichen Überlieferung starb Maria nach dem irdischen Leben ihres Sohnes und wurde von den Aposteln bestattet. Ihr Leib wurde in einem Grab bei Gethsemane beigesetzt. Drei Tage später, so erzählt die Tradition, wurde das Grab leer gefunden. Die Kirche bekennt deshalb, dass Maria von Christus in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.

Dabei ist die Verkündigung dieses Festes bemerkenswert: Maria ist gestorben … aber der Tod hat nicht das letzte Wort. Das ist vielleicht das tiefste Geheimnis dieses Festes.

Die orthodoxe Kirche versucht nicht, den Tod schönzureden. Maria wird nicht so dargestellt, als sei sie einfach über das Menschliche erhaben gewesen. Auch sie hat den Tod erfahren. Auch sie musste den Weg gehen, den jeder Mensch einmal gehen muss. Und gerade deshalb wird sie zur Hoffnung.

Die Liturgie nennt sie die „Mutter des Lebens“. Das Troparion des Festes sagt sinngemäß: In ihrer Entschlafung hat sie die Welt nicht verlassen; sie ist zum Leben übergegangen. Das ist ein Gedanke, der sich nicht leicht erklären lässt, aber vielleicht umso stärker erfahren lässt. Tod und Leben stehen hier nicht einfach als Gegensätze nebeneinander. Der Tod wird zum Übergang. Das Grab ist nicht das Ende. Die Trauer wird nicht ausgelöscht – aber sie wird von Hoffnung durchdrungen.

Vielleicht erklärt das auch die besondere Stimmung dieses Festes: Es ist feierlich und ernst, manchmal sogar von einer tiefen Wehmut durchzogen … und gleichzeitig voller Freude. Die Kirche im warmen Licht des Abends Als ich die Kirche betrat, war bereits die besondere Atmosphäre dieses Festes zu spüren.

Kerzen brannten vor den Ikonen. Der Weihrauch lag schwer in der Luft. Menschen kamen herein, bekreuzigten sich, küssten Ikonen und nahmen ihren Platz ein. Draußen lag der warme griechische Abend, während sich drinnen langsam eine andere Zeit öffnete. Der Gottesdienst vor einem großen Fest ist in der orthodoxen Tradition immer mehr als eine Einstimmung. Die Vesper gehört bereits zur Feier des Festtages. Der liturgische Tag beginnt am Abend … und so begann auch das Fest der Gottesmutter nicht erst mit dem kommenden Morgen, sondern bereits in dieser Nacht. Gesungen wurde von der Entschlafung Marias, von ihrer Reinheit, ihrer Fürsprache und ihrer Aufnahme zum Leben bei Gott. Man muss nicht jedes Wort verstehen, um zu spüren, dass hier etwas Großes geschieht.

Die Stimmen des Chores schienen nicht nur eine Geschichte zu erzählen. Sie schienen einen Raum zu schaffen, in dem die Geschichte wieder gegenwärtig wurde. Maria war nicht einfach eine Gestalt aus einer fernen Vergangenheit. Sie war die Theotokos, die Gottesgebärerin. Und an diesem Abend stand sie im Mittelpunkt einer Gemeinschaft, die zu ihr betete und um ihre Fürsprache bat.

Die traditionelle Ikone der Dormition zeigt Maria auf ihrem Sterbebett. Um sie herum stehen die Apostel. Über ihr erscheint Christus, der ihre Seele in Gestalt eines kleinen, in Tücher gehüllten Kindes trägt. Das Bild ist auf den ersten Blick ungewöhnlich. Christus trägt Maria. Die Mutter, die einst ihren Sohn in den Armen hielt, wird nun selbst von ihrem Sohn aufgenommen. In diesem Bild liegt eine stille Umkehrung der Weihnachtsgeschichte.

Maria hat Christus getragen.

Nun trägt Christus sie.

Und vielleicht liegt gerade darin eine der schönsten Aussagen des Festes: Wer sein Leben lang getragen hat, darf am Ende selbst getragen werden.

Die orthodoxe Ikone will dabei nicht einfach ein historisches Ereignis abbilden. Sie verkündet theologisch, was die Kirche über den Tod glaubt: Der Mensch geht nicht ins Nichts. Das Leben endet nicht im Grab. In Christus ist der Tod bereits überwunden.

Foto: Hellas-Bote

Dann kam der Moment, der mich persönlich am stärksten berührte. Die Ikone wurde aus der Kirche getragen. Plötzlich war Maria nicht mehr nur im Kirchenraum präsent. Die Ikone bewegte sich hinaus in die Nacht. Menschen schlossen sich der Prozession an. Kerzen leuchteten. Der Gesang begleitete die Schritte. Und langsam bewegte sich die Gemeinschaft durch das Dorf. Es war ein eigenartiges und wunderschönes Bild: die Dunkelheit, die warmen Lichter, die Stimmen der Menschen und dazwischen die Ikone der Gottesmutter. Die Straßen, die tagsüber so gewöhnlich wirken, wurden zu einem liturgischen Weg. Häuser, Balkone, Türen und Fenster wurden Teil des Geschehens.

Vielleicht war es gerade die Einfachheit dieser Prozession, die mich so berührte.

Es gab keine große Inszenierung. Nur Menschen.

Eine Ikone.

Kerzen.

Gesang.

Und einen Weg durch die Nacht.

Je länger ich hinter der Prozession herging, desto stärker musste ich an die alte Überlieferung von der Bestattung der Gottesmutter denken. Auch in Jerusalem wird im Zusammenhang mit dem Fest eine Prozession zur Grabeskirche bzw. zum Grab der Gottesmutter in Gethsemane überliefert. Dort wird die Ikone der Entschlafung getragen, und die Feier verbindet Trauer und Hoffnung miteinander.

Natürlich war das hier nicht Jerusalem.

Es war ein griechisches Dorf.

Und doch schien für diesen Abend eine unsichtbare Verbindung über Jahrhunderte hinweg zu bestehen.

Menschen gingen denselben Weg des Erinnerns, des Betens und des Hoffens.

Je mehr ich über die Bedeutung dieses Abends nachdachte, desto weniger erschien mir Maria Himmelfahrt als ein Fest, das nur von Maria handelt. Es handelt auch von uns. Denn was die orthodoxe Kirche an Maria verkündet, ist zugleich eine Aussage darüber, was sie für den Menschen erhofft. Maria ist nach orthodoxem Verständnis nicht deshalb wichtig, weil sie dem Menschsein enthoben gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie zeigt, was mit dem Menschen geschehen kann, wenn sein Leben ganz auf Gott ausgerichtet ist.

Die orthodoxe Kirche sieht in ihrer Aufnahme in den Himmel einen Vorgeschmack auf die Hoffnung aller Christen: dass der Tod nicht das endgültige Ende des Menschen ist und dass der Mensch zur Gemeinschaft mit Gott berufen ist. Die Dormition wird deshalb nicht isoliert als Marias persönliches Schicksal verstanden, sondern als Hinweis auf die zukünftige Auferstehung und Verherrlichung des Menschen.

Das erklärt vielleicht auch, warum das Fest trotz seines Themas nicht eigentlich ein trauriges Fest ist. Es beginnt mit einem Abschied. Aber es endet nicht mit dem Abschied.

Es beginnt am Grab. Aber es bleibt nicht im Grab. Es spricht vom Tod … und führt zum Leben.

Zwischen all diesen großen Gedanken gab es zugleich etwas sehr Einfaches: Brot. Auch das gehörte zum Abend. Brot wurde dargebracht und gesegnet, bevor es unter den Menschen geteilt wurde. Ich fand diesen Moment besonders schön, gerade weil er so alltäglich war. Nach all den großen Worten über Tod, Himmel, Ewigkeit und Erlösung stand da plötzlich etwas, das jeder Mensch kennt: Brot.

Etwas, das Hunger stillt. Etwas, das auf jedem Tisch liegen kann. Etwas, das Menschen miteinander teilen.

Der orthodoxe Gottesdienst hat eine besondere Fähigkeit, das Große und das Kleine nebeneinanderstehen zu lassen. Das Geheimnis Gottes findet nicht nur in den großen theologischen Aussagen statt. Es berührt auch die Dinge des täglichen Lebens.

Das Brot erinnerte mich daran, dass Glaube nicht nur bedeutet, über die Ewigkeit nachzudenken. Glaube bedeutet auch, dankbar für das tägliche Leben zu sein. Und dieses Leben miteinander zu teilen.

Vielleicht erklärt sich auch daraus die besondere Verehrung der Gottesmutter in der orthodoxen Welt. Maria wird von den Gläubigen als Mutter der Menschen, als Fürsprecherin und als Schutzmantel verstanden. Menschen wenden sich mit ihren Sorgen an sie: mit Krankheiten, mit Ängsten, mit Sorgen um ihre Kinder, mit familiären Problemen, mit all dem, was man manchmal keinem anderen Menschen erzählen kann.

Sie ist für viele nicht einfach eine Figur aus der Bibel. Sie ist eine Mutter. Eine, die weiß, was es bedeutet, ein Kind zu lieben. Eine, die weiß, was es bedeutet, einen Sohn leiden und sterben zu sehen. Und eine, die nach orthodoxem Glauben den Tod selbst durchschritten hat. Vielleicht ist gerade deshalb ihre Nähe für viele Gläubige so tröstlich. Sie steht nicht außerhalb des menschlichen Schmerzes. Sie kennt ihn. Und trotzdem wird sie als Zeichen der Hoffnung verehrt.

Die vielleicht schönste Botschaft der Koimisis tis Theotokou liegt für mich deshalb in einem scheinbaren Widerspruch: Man versammelt sich, um des Todes Marias zu gedenken und feiert gleichzeitig das Leben. Man trägt eine Ikone einer Verstorbenen durch die Nacht und singt von ihrer Aufnahme in die Herrlichkeit. Man erinnert sich an das Grab und blickt doch zum Himmel. Die orthodoxe Liturgie lässt Trauer und Freude nicht gegeneinander antreten. Sie lässt beides nebeneinander bestehen. Denn Christentum bedeutet nicht, dass der Schmerz verschwindet. Es bedeutet vielmehr die Hoffnung, dass der Schmerz nicht das letzte Wort hat. (nb)