Wo Starigard wieder lebendig wird

Wer heute durch Oldenburg in Holstein spaziert, ahnt zunächst kaum, welche Geschichte unter und zwischen den Straßen dieser Stadt verborgen liegt.
Von RS-Redakteurin Claudia-Isabell Schmitz und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Vor mehr als tausend Jahren lag hier Starigard, die „Alte Burg“, ein bedeutendes Zentrum der westslawischen Welt. Fürsten herrschten über die Region, Händler brachten Waren aus entfernten Gegenden, Handwerker fertigten Dinge des täglichen Lebens und in Heiligtümern wurden religiöse Traditionen gepflegt. Von dieser längst vergangenen Welt ist heute erstaunlich viel geblieben … nicht nur im Boden, sondern auch dort, wo Archäologen ihre Funde zusammengetragen und Historiker daraus ein Bild des frühen Mittelalters rekonstruiert haben. Genau hier setzt das Oldenburger Wallmuseum an.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Das Besondere an diesem Museum ist, dass es Geschichte nicht auf Vitrinen beschränkt. Wer das Gelände betritt, wechselt gewissermaßen die Perspektive: Aus Jahreszahlen, Grabungsplänen und Fundstücken werden Häuser, Werkstätten, Wege und Plätze. Historische Bauerngebäude aus der Region wurden auf dem Museumsgelände originalgetreu wiedererrichtet. Dazu kommen rekonstruierte slawische Siedlungen, die zeigen, wie das Leben vor rund einem Jahrtausend ausgesehen haben könnte. Auf einer künstlichen Insel steht ein slawisches Dorf, während weitere Bereiche des Freilichtgeländes den Alltag, das Handwerk und die Welt der Herrschenden veranschaulichen.

Der eigentliche Ausgangspunkt dieser Zeitreise liegt nur wenige Gehminuten entfernt. Der Oldenburger Wall ist heute Teil der Stadtlandschaft, doch seine Dimensionen erzählen noch immer von der Bedeutung, die dieser Ort einst besaß. Gegen Ende des 7. Jahrhunderts wurde auf einem eiszeitlichen Höhenzug nördlich des Oldenburger Grabens die erste Anlage errichtet. Der Burgwall gehört damit zu den ältesten slawischen Befestigungen Deutschlands. Jahrhunderte später war seine ursprüngliche Bedeutung offenbar bereits so tief in der Vergangenheit verwurzelt, dass die Slawen selbst ihn „Starigard“ nannten – die alte Burg. Deutsche Chronisten überlieferten den Namen später als „Aldinburg“. Der heutige Name Oldenburg erinnert somit unmittelbar an die slawische Vergangenheit des Ortes.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Was sich hinter dem mächtigen Wall verbarg, erschloss sich erst durch die Archäologie. Erste Untersuchungen begannen in den 1950er-Jahren. In den großen Grabungskampagnen der 1970er- und 1980er-Jahre wurde das Bild von Starigard immer detaillierter. Archäologen stießen auf die baulichen Überreste des Fürstenhofes aus dem 9. und 10. Jahrhundert, fanden Spuren der ersten Bischofskirche und legten ein heidnisches Heiligtum frei. Zusammen mit zahlreichen außergewöhnlichen Kleinfunden entstand so ein Bild von einer Siedlung, die weit mehr war als eine befestigte Ansammlung von Häusern: Starigard war Herrschaftszentrum, religiöser Mittelpunkt und ein Ort des Handels.

Im Museum werden diese Erkenntnisse zu einer Geschichte zusammengefügt, die auch ohne archäologisches Vorwissen verständlich wird. Funde und Modelle erzählen von der Einwanderung der Slawen nach Ostholstein, vom Ausbau der Burganlage und vom Leben am Fürstenhof. Es geht um Waffen und militärische Strukturen ebenso wie um Handwerk, Glauben und die Christianisierung. Schließlich führt der Rundgang bis in das 12. Jahrhundert, als die slawische Herrschaft in der Region zu Ende ging.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Dabei ist die Ausstellung ausgesprochen sinnlich angelegt. Rekonstruktionen und lebensgroße Figurengruppen geben den Fundstücken einen Zusammenhang. Modelle machen die einstige Bebauung verständlich, interaktive Stationen laden zum Ausprobieren ein. Ein Kettenhemd kann angelegt werden; an einer Riechbar lassen sich Düfte kennenlernen, die Besucher in mittelalterliche Vorstellungswelten versetzen. Gerade solche Details verändern den Blick auf die Vergangenheit: Das Mittelalter erscheint nicht mehr nur als ferne Epoche, sondern als eine Welt aus Geräuschen, Gerüchen, Materialien, Arbeit und Begegnungen.

Auch die zweite Ausstellung erweitert den Horizont. Denn Starigard war kein isolierter Ort. Das Museum stellt andere westslawische Handels- und Herrschaftszentren vor und zeigt mögliche Verbindungen zwischen den Regionen. Handelswege und Austauschbeziehungen werden ebenso thematisiert wie die unterschiedlichen Handwerke jener Zeit. Funde aus Wolin im heutigen Polen und vom Burgwall in Berlin-Spandau veranschaulichen, wie vielfältig die westslawische Welt gewesen sein muss.

Noch eindrucksvoller wird die Geschichte draußen. Auf dem weitläufigen Freigelände verteilen sich zwei Siedlungen mit insgesamt 20 rekonstruierten Gebäuden. Hier stehen nicht nur hübsch restaurierte Kulissen, sondern Häuser, die tatsächlich genutzt und betreut werden. Schmiede, Seilerei, Holzhandwerkerhütte und Händlerhaus vermitteln verschiedene Facetten des mittelalterlichen Lebens. Menschen, die sich den jeweiligen Themen widmen, arbeiten in den Gebäuden und halten sie in Gebrauch. Dadurch verändert sich das Gelände ständig. Ein Beet kommt hinzu, eine Werkstatt wird ergänzt, ein Gebäude repariert oder neu ausgestattet. Wer nach längerer Zeit zurückkehrt, entdeckt deshalb immer wieder etwas Neues.

Im Zentrum dieser rekonstruierten Welt steht die Erinnerung an die Macht von Starigard. Der nach archäologischen Erkenntnissen gestaltete Fürstenhof lässt erahnen, wie sich das politische Zentrum der Wagrier einst präsentiert haben könnte. Um die Fürstenhalle gruppieren sich Handwerkerhäuser, daneben vermittelt ein verkleinerter Verteidigungswall eine Vorstellung von den einstigen Befestigungen. An anderer Stelle liegt das slawische Heiligtum. Besonders spannend ist der Kontrast: Was heute wie ein idyllisches Freilichtmuseum wirkt, war einst Schauplatz von Macht, Handel, Religion und gesellschaftlichen Veränderungen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Bei Veranstaltungen wird aus dieser Rekonstruktion eine Bühne für lebendige Geschichte. Mittelalterliche Handwerker zeigen ihre Fähigkeiten und Besucher können verschiedene Tätigkeiten selbst ausprobieren. Doch auch an gewöhnlichen Tagen kann es passieren, dass man auf Darsteller trifft, die als Slawen oder Wikinger unterwegs sind und Fragen beantworten. Geschichte bekommt dadurch Gesichter – und manchmal auch überraschende Antworten.

Ein weiteres außergewöhnliches Exponat erinnert daran, wie wichtig Handel und Mobilität für die Menschen dieser Zeit waren: Auf dem Gelände ist der Nachbau eines frühmittelalterlichen slawischen Handelsschiffes in Originalgröße zu sehen. Das Schiff wurde nach einem Fund bei Eckernförde rekonstruiert und macht anschaulich, welche Rolle die Wasserwege für die damalige Welt gespielt haben.

Für Familien ist das Museum ebenfalls auf Entdeckungsreise eingestellt. Kinder können sich an einer eigenen Rallye durch die Ausstellungen beteiligen. Für jüngere Besucher gibt es eine Version, die ohne Lesen auskommt. Wer die Aufgaben erfolgreich löst, erhält eine kleine Belohnung. Audioguides für Kinder und Erwachsene ergänzen den Museumsbesuch; für Gäste aus dem Ausland stehen Angebote in englischer und dänischer Sprache zur Verfügung.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Und dann gibt es da noch eine zweite Geschichte, die auf dem Gelände erzählt wird und fast ein eigenes Kapitel verdient hätte. Das kleine Gildemuseum erinnert an die Sankt Johannis Toten- und Schützengilde, deren Gründung auf das Jahr 1192 zurückgeht. Die Gilde wird als älteste aktive Gilde Deutschlands bezeichnet und ist bis heute Teil des gesellschaftlichen Lebens in Oldenburg. Ihr traditionelles Vogelschießen im Juni bringt die Stadt alljährlich zusammen. Dabei geht es nicht allein um Schützenwesen: Die Gilde pflegt auch die plattdeutsche Sprache und bewahrt ihre ursprüngliche Aufgabe, Mitglieder und deren Hinterbliebene zu unterstützen.

Dass eine Institution über mehr als acht Jahrhunderte hinweg lebendig geblieben ist, macht ihren Besuch besonders interessant. Im Gildemuseum erzählen Gegenstände aus dem Vereinsleben und Schenkungen von Königen und Kaisern von dieser langen Tradition. Eine Besonderheit ist zudem die demokratische Organisation: Die Vorstandsämter werden durch Wahlen bestimmt. So begegnen sich auf dem Museumsgelände zwei ganz unterschiedliche historische Zeiträume – die slawische Welt des frühen Mittelalters und eine Gildetradition, die seit dem Hochmittelalter bis in die Gegenwart reicht.

Wer schließlich den Oldenburger Wall besucht, kann das Gelände auch unabhängig vom Museum erkunden. Der Wall liegt rund 300 Meter entfernt und ist ohne Eintritt zugänglich. Vielleicht ist gerade dieser kurze Weg der schönste Abschluss eines Besuchs: Man verlässt die rekonstruierten Siedlungen und steht wenig später an jenem Ort, an dem die Geschichte tatsächlich stattgefunden hat. Zwischen Bäumen und heutigen Straßen lässt sich erahnen, warum hier einst ein Machtzentrum entstand. Die Anlage zählt heute neben Haithabu und dem Danewerk zu den bedeutendsten archäologischen Bodendenkmälern Schleswig-Holsteins. (cs)