Am Ende der Furt beginnt das Meer

Es gibt Orte an der Ostsee, deren Reiz sich nicht auf einen schönen Strand oder eine lange Promenade reduzieren lässt. Großenbrode gehört zu ihnen. Hier liegt die Ostsee nicht einfach vor der Haustür … sie bestimmt die Landschaft, die Geschichte und bis heute das Leben der Menschen.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Wasser umschließt die Gemeinde an drei Seiten, während sich am Horizont die Fehmarnsundbrücke über die Küstenlandschaft spannt. Dahinter liegt Fehmarn, scheinbar zum Greifen nah. Wer nach Großenbrode kommt, begegnet deshalb nicht nur einem klassischen Urlaubsort, sondern einem Stück Schleswig-Holstein, in dem sich sehr unterschiedliche Zeiten begegnen. Zwischen alten Findlingsgräbern, einer mittelalterlichen Kirche, ehemaligen Militäranlagen, Fährhäfen und modernen Wassersportrevieren lässt sich eine Geschichte entdecken, die weit über die Entstehung des heutigen Seebades hinausreicht.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die geografische Lage ist dabei der Schlüssel zum Verständnis des Ortes. Großenbrode liegt auf der wagrischen Halbinsel am Fehmarnsund, am Westrand der Mecklenburger Bucht. Rund 80 Kilometer trennen die Gemeinde von Lübeck, während der Fährhafen Puttgarden auf Fehmarn etwa 20 Kilometer entfernt liegt. Die Küste erstreckt sich über rund 15 Kilometer und zeigt sich überraschend abwechslungsreich. Sandstrand, Wasserflächen, Dünen, Hafenbereiche und natürliche Küstenabschnitte wechseln einander ab. Der Südstrand ist nach Südosten ausgerichtet und bildet das Herz des touristischen Großenbrode.

Dabei ist die Verbindung zum Meer keineswegs eine moderne Erfindung. Schon der Ortsname erzählt von einer Zeit, in der die Landschaft noch ohne Brücken und moderne Verkehrstrassen auskommen musste. „Brody“, aus dem Wenden stammend, bedeutet Furt. Großenbrode war also seinem Namen nach mit einem Übergang verbunden – und tatsächlich spielte der Ort seit jeher eine wichtige Rolle auf dem Weg zur Insel Fehmarn.

Die Geschichte reicht mindestens bis ins Mittelalter zurück. Gemeinsam mit Lütjenbrode wurde Großenbrode bereits 1249 erstmals erwähnt. Schon 1640 erscheint der Ort als adliges Gut. Eine weitere Zäsur kam 1867, als Großenbrode im Zuge der Neuordnung der preußischen Verwaltung zur Landgemeinde wurde. Von diesen Jahrhunderten ist im Ortsbild noch etwas spürbar. Besonders der große Dorfplatz fällt ins Auge. Seine ungewöhnliche Form erinnert an das sogenannte „wendische Rechteck“, eine Siedlungsstruktur, die an mehreren Orten im Norden Deutschlands überliefert ist.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Nur wenige Schritte von dieser Geschichte entfernt erhebt sich die St.-Katharinen-Kirche. Ihre Ursprünge reichen bis ins 13. Jahrhundert. Bereits 1230 wurde sie erstmals genannt. Das Gebäude wirkt äußerlich eher schlicht, besitzt aber gerade dadurch eine besondere Atmosphäre. Ziegel prägen das Mauerwerk, lediglich im unteren östlichen Bereich finden sich Feldsteine. Der hölzerne Turm überragt das Gotteshaus nur wenig.

Im Inneren wird die lange Geschichte des Gebäudes besonders greifbar. Der Chor ist gewölbt, während das Langhaus von einer Flachdecke überspannt wird. Ein holzgeschnitzter Altar aus dem Jahr 1604 und eine Kanzel von 1713 gehören zu den bemerkenswertesten Ausstattungsstücken. Die Kirche ist bis heute Mittelpunkt der evangelisch-lutherischen Gemeinde. Teilweise werden die Gottesdienste in plattdeutscher Mundart gehalten – eine sprachliche Tradition, die ebenso zum norddeutschen Charakter des Ortes gehört wie Backstein, Wind und Meer.

Doch wer Großenbrodes Vergangenheit verstehen möchte, muss noch viel weiter zurückgehen. Lange bevor die ersten schriftlichen Erwähnungen entstanden, lebten Menschen in dieser Landschaft. Fünf vorgeschichtliche Hügel- und Großsteingräber befinden sich im Gemeindegebiet. Es sind stille Monumente einer Zeit, in der gewaltige Findlinge zu Grabanlagen zusammengefügt wurden.

Besonders bemerkenswert ist das Langbett Krausort, das auch unter dem Namen Langbett Kronsteinberg bekannt ist. In der Nähe des Alten Sundes gelegen, misst die Anlage ungefähr 100 Meter. Die Findlinge sind heute teilweise unter Bäumen und Sträuchern verborgen. Gerade diese Einbettung in die Landschaft macht den Besuch zu einer besonderen Entdeckung: Man muss genau hinschauen, um zu erkennen, dass sich zwischen Vegetation und Küstenlandschaft ein Bauwerk verbirgt, das mehrere Jahrtausende Geschichte in sich trägt.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Auch bei Lütjenbrode finden sich Zeugnisse der Jungsteinzeit. Zwischen der B 207 und der Ostsee liegen zwei Großsteingräber in einem Dünenstreifen. Das südliche Grab wurde stark beschädigt, während beim nördlichen noch genügend Findlinge erhalten waren, um eine Rekonstruktion des Rugenbarg zu ermöglichen.

Ein anderes Hünengrab hat dagegen die moderne Verkehrsgeschichte nicht überlebt. Es lag am sogenannten Königsweg und wurde 1960 zerstört, weil die neue Straßentrasse der Vogelfluglinie durch die Anlage führte. Einen großen Stein konnten die Verantwortlichen retten. Er steht heute mit einer Gedenktafel auf dem Dorfplatz. Kaum ein anderer Ort im Gemeindegebiet verdeutlicht so unmittelbar den Gegensatz zwischen jahrtausendealter Vergangenheit und moderner Mobilität.

Denn Verkehr ist ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte Großenbrodes. Bereits 1903 erhielt der Ort durch die Kleinbahn Lütjenbrode–Orth einen Bahnhof. Gleichzeitig entstand eine Eisenbahnfährverbindung über den Fehmarnsund. Züge konnten damit die Verbindung zur Insel Fehmarn herstellen und über die Inselstrecke bis Orth weiterfahren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Großenbrode eine zusätzliche Bedeutung für den internationalen Verkehr. Auf dem Gelände des früheren Seefliegerhorstes wurde ein Fährbahnhof eingerichtet. Ab 1951 diente Großenbrode Kai als provisorischer Ausgangspunkt für die Eisenbahnfährverbindung nach Gedser auf der dänischen Insel Falster. Die Verbindung war ein Ersatz für die nach dem Krieg unterbrochene Route zwischen Warnemünde und Gedser.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Diese Übergangsphase endete mit dem Ausbau der Vogelfluglinie. Mit der Fertigstellung der Fehmarnsundbrücke und dem neuen Fährhafen in Puttgarden verlagerte sich der Verkehr nach Norden. Was zuvor eine komplizierte Kombination aus Bahn und Fähre gewesen war, wurde zu einer leistungsfähigen Verbindung zwischen Deutschland und Dänemark.

Die Fehmarnsundbrücke wurde 1963 eröffnet und prägt seitdem die Landschaft rund um Großenbrode. Das weithin sichtbare Bauwerk ist weit mehr als eine Verkehrsverbindung. Es ist ein Wahrzeichen der Region und zugleich ein Sinnbild für den Wandel der Küste. Straßen- und Eisenbahnverkehr werden hier über den Sund geführt, zusätzlich gibt es einen Rad- und Fußweg. Seit 1999 steht die Brücke unter Denkmalschutz.

Von Großenbrode aus lässt sich dieses Wahrzeichen aus unterschiedlichen Perspektiven erleben. Wer am Wasser unterwegs ist, bekommt die Konstruktion immer wieder neu ins Blickfeld. Besonders im nördlichen Teil der Gemeinde öffnet sich der Blick auf Fehmarn, das jenseits des Sundes nur etwa einen Kilometer entfernt liegt. Je nach Wetterlage wirkt die Insel nah und klar oder verschmilzt beinahe mit dem Horizont.

Die Landschaft erzählt allerdings auch von den dunkleren Kapiteln des 20. Jahrhunderts. Von 1937 bis 1945 befand sich in Großenbrode ein Seefliegerhorst mit einer Seenotstaffel der Wehrmacht. Nach Kriegsende wurden die Kasernen zunächst als britisches Kriegsgefangenenlager genutzt. Später zog die Bundesmarine ein. Bis 1995 befand sich hier die Marineküstendienstschule.

Mit der Auflösung dieser Einrichtung veränderte sich das Gelände erneut. Rund 80 Hektar wurden frei und von der Gemeinde erworben. Aus einem militärisch geprägten Areal entstand unter anderem der Naturerlebnispfad Großenbrode. Heute befinden sich auf ehemaligen militärischen Flächen unter anderem ein Seniorenpflegeheim, ein Yachthafen mit Bootswerften, touristische Einrichtungen und ein Feriendorf.

Auch die Luftwaffe hinterließ ein markantes Bauwerk. In Klaustorf steht der ehemalige Fernmeldesektorturm A, im Volksmund „Spökenkieker“ genannt. Der etwa 75 Meter hohe Turm besitzt 16 Stockwerke und diente einst der elektronischen Aufklärung. Von hier aus konnten Informationen über Entfernungen von bis zu 600 Kilometern erfasst werden. Der Turm war Teil eines Systems von fünf Fernmeldesektortürmen entlang der damaligen deutsch-deutschen Grenze.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Heute ist der Blick von oben kein militärisches Geheimnis mehr, sondern eine touristische Attraktion. Der einstige Überwachungsturm ist zum Aussichtsturm geworden. Von hier lässt sich jene Landschaft überblicken, deren Geschichte der Turm einst aus einer ganz anderen Perspektive beobachtete.

Der Wandel vom Militärstandort zum Urlaubsziel zeigt sich auch am Wasser. Großenbrode erhielt 1966 den Titel eines Seebades, Ende 1986 folgte die Anerkennung als Ostseeheilbad. Seitdem wurde die touristische Infrastruktur Schritt für Schritt ausgebaut. Promenade und Kurpark entstanden, die Seebrücke wurde zu einem der markantesten Aufenthaltsorte am Südstrand.

Rund 300 Meter ragt sie in die Ostsee. Wer hinausgeht, lässt den Strand allmählich hinter sich und steht schließlich mitten über dem Wasser. Der Blick zurück auf Großenbrode zeigt dann die Gemeinde aus einer ungewohnten Perspektive; der Blick nach vorn gehört dem Meer.

Auch gesundheitliche Erholung spielt im Ostseeheilbad eine Rolle. Das Kurmittelzentrum bietet unter anderem klassische Massagen, Moor-Packungen, Heilgymnastik, medizinische Bäder und Inhalationen. Ein Meerwasser-Schwimmbad ergänzt das Angebot. Die Qualität des Ostseewassers wird regelmäßig kontrolliert; Großenbrode wurde für die Qualität seines Badewassers mit der „Blauen Tafel“ ausgezeichnet.

Wer nicht den ganzen Urlaub am Strand verbringen möchte, findet rund um Großenbrode eine Landschaft, die sich bestens zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden lässt. Der Ostseeküsten-Radweg führt durch die Region und verbindet den Ort unter anderem mit Lübeck und Kiel. Viele Wege eignen sich auch für Skater.

Besonders abwechslungsreich wird die Freizeitgestaltung auf dem Wasser. Tauchen, Windsurfen, Kitesurfen, Wasserski, Kanufahren und Hochseeangeln gehören zum Angebot. Dazu kommen Bootsverleihe, eine Wassersportschule und verschiedene Möglichkeiten für Ausflüge per Schiff. Insgesamt sechs Häfen beziehungsweise maritime Einrichtungen prägen den Ort und seine Umgebung, darunter der Kommunal- und Sportboothafen Großenbrode, der Yacht-Club Großenbrode, die Marina, die Yachtwerft Klemens und das Wassersportzentrum am Binnensee sowie der Sportboothafen Koch in Großenbroderfähre.

Für unterschiedliche Interessen gibt es eigene Küstenabschnitte. Am Hundestrand und Kitespot Großenbrode West trifft man auf ein anderes Publikum als am Badestrand und Kitespot Großenbrode Ost. Das Meer wird hier nicht nur betrachtet, sondern aktiv erlebt.

Eine andere Perspektive auf die Küstenregion eröffnet die Ostsee Erlebniswelt im Ortsteil Klaustorf. Seit 2012 widmet sich der touristische Komplex der Natur- und Meeresgeschichte. Die Ausstellungen führen zurück bis zur Ur- und Eiszeit und erklären die Entwicklung der Meeresregion. Eine umfangreiche Aquarium-Anlage ergänzt die Ausstellung. Seit 2017 gehört außerdem ein Aussichtsturm zum Angebot.

Maritimes Leben bedeutet in Großenbrode aber nicht nur Freizeit. Im ehemaligen Fährhafen am Großenbroder Binnensee befindet sich eine Seenotrettungsstation der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Ein Seenotrettungskreuzer ist hier stationiert, um die Sicherheit auf der Ostsee vor Fehmarn zu gewährleisten. Damit setzt sich eine jahrhundertealte Beziehung des Ortes zum Meer in moderner Form fort.

Wenn im Sommer der Tuckerscup stattfindet, wird Großenbrode schließlich zum Schauplatz eines besonderen Küstenfestes. Seit 2002 lockt die Veranstaltung Ende Juli oder Anfang August Besucher an. Katamarane treten bei einer Regatta gegeneinander an, Kinder können an Wassersportveranstaltungen teilnehmen, am Abend gibt es Open-Air-Konzerte und anschließend Tanzveranstaltungen. Für die touristische Infrastruktur der Gemeinde ist das Ereignis von erheblicher Bedeutung. (ea)