Rhizenia, kaum auf modernen Landkarten verzeichnet, birgt ein archaisches Erbe, das Reisende in die glanzvolle Vergangenheit Kretas entführt.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen / #Kreta – In der kargen Landschaft nahe des modernen Dorfes Prinias, rund 35 Kilometer südwestlich von Iraklion, erhebt sich der Geist von Rhizenia – einem Ort, der einst ein stolzer Stadtstaat war, heute jedoch fast gänzlich aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden ist. Wer inne hält und lauscht, hört vielleicht das Echo der Reiter, das Rufen der Priesterinnen, das Flüstern der Götter, die in den archaischen Tempeln verehrt wurden. Es ist ein Ort für Reisende, die nicht nur Sehenswürdigkeiten suchen, sondern in die Tiefen der Geschichte eintauchen möchten, dorthin, wo Mythos und Realität untrennbar miteinander verschmelzen.
Rhizenia, altgriechisch Ῥιζηνία, entstand in einer Epoche, in der Kreta politisch zersplittert war, aber voller kultureller Blüte. Seine Lage zwischen den mächtigen Zentren Knossos und Gortyn war strategisch bedeutsam. In archaischer Zeit erhob sich Rhizenia zu einem eigenständigen Stadtstaat, der Tempel errichtete, eigene Friedhöfe anlegte und sich durch eine reiche religiöse und künstlerische Kultur auszeichnete. Besonders im 7. Jahrhundert v. Chr. erlebte die Stadt ihre Glanzzeit. Ausgrabungen, die zwischen 1906 und 1908 von italienischen Archäologen durchgeführt wurden, brachten eindrucksvolle Zeugnisse dieser Epoche zutage.
Von herausragender Bedeutung sind die Überreste archaischer Tempel, darunter der sogenannte Tempel A, der vermutlich der Titanin Rhea geweiht war – jener Urmutter der Götter, die in der kretischen Mythologie eine zentrale Rolle spielt. Reliefs, die hier gefunden wurden, zeigen Szenen von Reitern, Hirschen, Panthern und geheimnisvollen, thronenden Gottheiten. Diese Meisterwerke der archaischen Bildkunst sind heute im Archäologischen Museum von Iraklion zu bewundern und bilden eine der faszinierendsten Brücken zwischen der kretischen Frühgeschichte und der Kunst der griechischen Antike.
Doch Rhizenias Schicksal war untrennbar mit dem Aufstieg und der Machtentfaltung Gortyns verbunden. Ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. geriet die Stadt zunehmend in dessen Abhängigkeit, verlor ihre politische Eigenständigkeit und damit auch ihre einstige Strahlkraft. Dennoch blieb das Gebiet weiterhin besiedelt. Im 3. Jahrhundert wurde nahe der Stadt eine Festung errichtet, in deren Mauern zahlreiche archaische Grabsteine als Spolien verbaut wurden – stille Zeugen einer früheren, glanzvollen Zeit, die in pragmatischer Nüchternheit recycelt wurden.
Auch die Friedhöfe rund um Rhizenia sind kulturhistorisch bemerkenswert. Hier fanden Archäologen Tholosgräber, jene charakteristischen Rundbauten, die auf Kreta seit der minoischen Epoche bekannt sind. Sie erzählen von Ritualen des Übergangs, von Bestattungspraktiken, die das Leben und den Tod eng mit der Verehrung der Götter verbanden. Jede Grabstätte ist ein Fragment der kretischen Seelenlandschaft, in der Ahnenverehrung, Mythos und Gemeinschaft eine untrennbare Einheit bildeten.
Heute sind die Ruinen von Rhizenia ein Ort der Stille, abseits der großen Touristenströme, ein Geheimtipp für Reisende, die sich auf die Spuren des Unbekannten begeben wollen. Zwischen den Steinen weht noch der Wind der Geschichte, die Sonne brennt wie seit Jahrtausenden über den Hügeln, und die Stille erlaubt es, sich die Prozessionen, Opfergaben und Gesänge vorzustellen, die hier einst das Alltägliche durchdrangen. (dt)





