Mit einem scharf formulierten Flugblatt melden sich Unterstützer der seit vielen Jahren bestehenden Besetzung des ehemaligen Matsangos-Gebäudes im griechischen Volos erneut zu Wort. Das Plakat, das derzeit an mehreren Stellen in der Stadt zu sehen ist, wirft den lokalen Behörden und der Universität Thessalien vor, die kommerzielle Nutzung des öffentlichen Raums zu fördern und die Räumung des besetzten Gebäudes politisch vorzubereiten.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Volos – In großen Lettern heißt es auf dem Flugblatt: „Lokale Behörden und die Universität Thessalien unterstützen die Aktivitäten eines Geschäfts, das den Raum der Matsangos-Arkaden missbraucht.“ Weiter wird behauptet, die Aufwertung des Viertels diene der Verdrängung selbstverwalteter Strukturen zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Besonders provokant ist die Schlusszeile: „Hände weg vom öffentlichen Raum“, begleitet von der Anschuldigung gegen „Mafiosi, Drogenhändler und Investoren“.
Die Besetzung des historischen Matsangos-Komplexes besteht seit rund zwei Jahrzehnten und gilt als einer der bekanntesten selbstverwalteten Orte der anarchistischen und linksautonomen Szene in Mittelgriechenland. Das Gebäude gehört dem Universität Thessalien und war ursprünglich Teil der traditionsreichen Tabakfabrik Matsangos. Seit Jahren wird dort ein selbstorganisiertes Kultur- und Veranstaltungszentrum betrieben, während die Universität auf ihr Eigentumsrecht verweist und eine anderweitige Nutzung anstrebt.
Die aktuelle Auseinandersetzung steht im Zusammenhang mit den Plänen der Universitätsleitung, die Besetzung zu beenden und das denkmalgeschützte Gebäude umfassend zu sanieren. Universitätsrektor Charalampos Billinis hatte im Frühjahr 2025 angekündigt, das Gebäude wieder einer universitären Nutzung zuführen zu wollen. Nach Angaben der Hochschulleitung seien umfangreiche Instandsetzungsarbeiten erforderlich, da Teile des Gebäudes sanierungsbedürftig seien. Die Arbeiten sollten möglichst in den Sommermonaten beginnen.
Die Ankündigung löste umgehend Proteste aus. Unterstützer der Besetzung erklärten, das Gebäude werde bereits „gesellschaftlich genutzt“ und dürfe nicht geräumt werden. Sie werfen der Universität vor, wirtschaftliche Interessen über soziale und kulturelle Belange zu stellen. Im Mai 2025 organisierten Aktivisten eine Protestaktion vor dem Rektorat und verlangten Antworten auf die Zukunft des Gebäudes sowie auf die Zusammenarbeit der Universität mit privaten Investoren.
Die Auseinandersetzung um das Matsangos-Gebäude steht beispielhaft für den seit Jahren in Griechenland geführten Konflikt über besetzte Häuser und selbstverwaltete Zentren. Während staatliche Stellen und Universitäten die Rückführung solcher Gebäude in eine reguläre Nutzung fordern und sich auf Eigentumsrechte sowie Sicherheitsaspekte berufen, betrachten viele linke Gruppen diese Orte als Räume politischer und kultureller Selbstorganisation.
Besetzte Häuser sind in Griechenland seit Jahrzehnten Teil der politischen Landschaft. Vor allem nach dem Ende der Militärdiktatur (1967–1974) entstanden zahlreiche selbstverwaltete Zentren, die von linken, anarchistischen oder autonomen Gruppen genutzt wurden. Neben politischen Versammlungen fanden dort Konzerte, Vorträge, Sprachkurse oder Solidaritätsprojekte statt. Während der Wirtschafts- und Schuldenkrise ab 2010 gewannen einige Besetzungen zusätzlich als soziale Anlaufstellen für Bedürftige und Geflüchtete an Bedeutung. Kritiker bemängeln dagegen die rechtswidrige Nutzung öffentlicher oder privater Gebäude sowie Sicherheitsprobleme. Seit 2019 geht der griechische Staat verstärkt gegen Hausbesetzungen vor; zahlreiche Gebäude wurden geräumt und wieder den Eigentümern oder öffentlichen Einrichtungen übergeben. Dennoch existieren in mehreren Städten weiterhin besetzte Häuser und soziale Zentren, die immer wieder Anlass politischer Auseinandersetzungen sind.
Das nun veröffentlichte Flugblatt zeigt, dass der Konflikt trotz der angekündigten Räumungspläne keineswegs beendet ist. Die Unterstützer der Besetzung sehen die Entwicklung des Viertels als Teil einer umfassenderen Aufwertungspolitik, die ihrer Ansicht nach soziale Freiräume verdrängt. Universität und Stadtverwaltung betonen dagegen die Notwendigkeit, das historische Gebäude zu sichern und künftig wieder öffentlich und institutionell nutzen zu können. (mav)





