Gortyn – Wo Kreta seine Stimme der Geschichte erhebt

Es gibt Orte, die man nicht einfach besucht, sondern erlebt – Orte, die beim Betreten eine leise Ehrfurcht auslösen, weil jeder Stein Geschichten von Jahrtausenden flüstert. Gortyn, im Herzen der fruchtbaren Messara-Ebene auf Südkreta, ist einer dieser magischen Orte.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – Hier, rund 40 Kilometer südlich von Iraklio, entfaltet sich das Echo einer antiken Stadt, die nicht nur eine Schlüsselrolle in der kretischen Geschichte spielte, sondern auch ein Zeugnis menschlicher Zivilisation in Europa darstellt.

Foto: Olaf Tausch, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

Die Wurzeln von Gortyn reichen bis in die Jungsteinzeit zurück, doch ihren ersten Glanz erhielt die Stadt in der minoischen Epoche. Bereits Homer verewigte sie in seiner Ilias als „festummauerte Gortyn“. Während der Dorischen Einwanderung überflügelte sie das benachbarte Phaistos und entwickelte sich zu einem politischen und kulturellen Zentrum Kretas. Im 3. Jahrhundert v. Chr. dominierte die Stadt mit bis zu 80.000 Einwohnern das südliche Zentralkreta – ein mächtiger Stadtstaat, der in Glanz und Größe mit Knossos konkurrierte.

Berühmt wurde Gortyn vor allem durch die „Große Inschrift“, den ältesten Gesetzescodex Europas. In kunstvoller Boustrophedon-Schrift – abwechselnd von links nach rechts und zurück – meißelten die Gesetzgeber des 5. Jahrhunderts v. Chr. auf 600 Zeilen die Regeln des Zusammenlebens in Stein: Ehe, Familienrecht, Eigentum und gesellschaftliche Normen. Diese Inschrift, heute an der Nordwand des Römischen Odeions zu bestaunen, macht Gortyn zu einem Symbol für Rechtskultur und Zivilisation in Europa.

Die Römer erkannten die Bedeutung der Stadt und machten sie nach ihrer Eroberung im Jahr 67 v. Chr. zur Hauptstadt der Provinz Creta et Cyrene. Das Prätorium, Sitz des Statthalters, zeugt noch heute von dieser römischen Blütezeit. Hier predigte auch der Apostel Paulus im Jahr 59 n. Chr., und der heilige Titus, sein Schüler, wurde zum ersten Bischof der Stadt – ein bedeutendes Kapitel der frühen Christianisierung Kretas. Später fiel Gortyn an Byzanz und geriet nach Überfällen arabischer Piraten in Vergessenheit. Doch auch als Ruinenstadt blieb sie ein geistliches Zentrum: Das heutige Dorf Agii Deka, „die Zehn Heiligen“, erinnert noch immer an die frühchristlichen Märtyrer, die hier den Tod fanden.

Wer heute durch die Ausgrabungen wandelt, begegnet eindrucksvollen Zeugnissen vergangener Epochen. Die Titus-Basilika, eine frühchristliche Kirche aus dem 6. Jahrhundert, erhebt sich mit ihrem Altarraum als stiller Wächter über das Gelände. Das Römische Odeion, einst Bühne für Aufführungen, trägt die berühmte Gesetzesinschrift. Fragmente des Apollon-Tempels, Überreste des Theaters, Spuren des Amphitheaters, ein Tempel der ägyptischen Götter und die geheimnisvolle „Labyrinth-Höhle“ erweitern das Panorama der Geschichte.

Obwohl nur ein Teil des riesigen Geländes zugänglich ist, lohnt sich der Besuch – allein schon, um inmitten der Olivenbäume und alten Mauern die Atmosphäre einer Stadt zu spüren, die einst Herz und Stimme Kretas war. Gortyn ist kein Museum hinter Glas, sondern eine lebendige Begegnung mit einer Vergangenheit, die Europa mitgeprägt hat. Wer hier verweilt, verlässt den Ort nicht einfach als Tourist, sondern als Zeuge einer Reise durch die Zeit. (sk)

Foto: Olaf Tausch, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org