Ein Stück Mittelalter mitten in Eutin

Man muss nicht lange in Eutin unterwegs sein, um zu spüren, dass diese Stadt eine ungewöhnlich enge Verbindung zu ihrer Vergangenheit besitzt. Zwischen Schloss, historischen Straßen und der Landschaft der Holsteinischen Schweiz steht ein Bauwerk, das diese Geschichte vielleicht eindrucksvoller erzählt als jeder andere Ort: die St.-Michaelis-Kirche.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Wer durch ihr Portal tritt, betritt einen Raum, in dem fast neun Jahrhunderte nicht einfach vergangen sind, sondern Spuren hinterlassen haben. Romanische Mauern, gotische Gewölbe, mittelalterliche Kunstwerke, barocke Formen und moderne Glasfenster erzählen von einer Zeit, in der Eutin vom kleinen Marktort zur Residenz der Lübecker Bischöfe aufstieg.

Der Erzengel Michael, dem die Kirche geweiht ist, wacht dabei seit Jahrhunderten über einen Ort, dessen Geschichte alles andere als geradlinig verlief. Wann genau der erste Sakralbau entstand, verliert sich im Dunkel der Überlieferung. Vermutlich gab es hier bereits zwischen 1155 und 1163 eine hölzerne Kapelle, die auf Bischof Gerold von Oldenburg und Lübeck zurückgehen könnte. Die Christianisierung der Region war zu dieser Zeit noch keineswegs selbstverständlich. Nach den slawischen Aufständen, die seit dem späten 10. Jahrhundert große Teile des Gebietes erschüttert hatten, war das Christentum weitgehend verschwunden. Der Mönch Vicelin machte es sich um 1130 zur Aufgabe, die Region erneut zu christianisieren. Es war ein mühsames und gefährliches Unterfangen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Mit der Neuordnung des Bistums gewann Eutin an Bedeutung. Bischof Gerold verlegte den Bischofssitz nach Lübeck und begann dort mit dem Bau des Domes. Gleichzeitig benötigte das Bistum kirchliche Zentren in seinem weit verstreuten Besitz. Eutin, damals noch ein kleiner Ort, lag günstig zwischen den Ländereien und Bauernstellen des Bistums. Hier entstand schließlich ein Kirchenbau, der für die Größe des Ortes erstaunlich monumental war.

Die heutige romanische Basilika dürfte frühestens um 1180 begonnen worden sein. Wahrscheinlich wurde sie erst unter Bischof Berthold zwischen 1210 und 1230 vollendet. Rund 40 Meter lang, war sie damals der größte Kirchenbau weit und breit. Ihre Größe war ein sichtbares Zeichen kirchlicher Macht und zugleich ein Hinweis darauf, dass Eutin weit mehr war als ein unbedeutender Landort.

Im 13. Jahrhundert nahm die Entwicklung der Stadt weiter Fahrt auf. 1257 erhielt Eutin das Lübsche Stadtrecht. Während andernorts die Bürger immer selbstbewusster gegenüber der geistlichen Obrigkeit auftraten, verschärften sich in Lübeck die Konflikte zwischen Bischof, Rat und Bürgerschaft. Einer der mächtigsten Akteure dieser Auseinandersetzungen war Bischof Burkhard von Serkem. Er fand in Eutin einen Ort, an den er sich zurückziehen konnte. Dort, wo heute das Eutiner Schloss steht, befand sich damals eine kleine Burganlage.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Was zunächst wie ein persönlicher Rückzugsort aussah, sollte die Entwicklung der Stadt nachhaltig verändern. 1309 gründete Burkhard von Serkem in Eutin ein Kollegiatstift. Damit schuf er einen kirchlichen Gegenpol zu Lübeck und stärkte seine Residenzstadt. Eutin wurde zum bevorzugten Aufenthaltsort der Lübecker Bischöfe und entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten zu einer fürstbischöflichen Residenz.

Für St. Michaelis bedeutete dies einen tiefgreifenden Umbau. Die romanische Kirche war für die wachsende Zahl der Geistlichen nicht mehr repräsentativ genug. Der alte Chor wurde abgetragen und durch einen größeren gotischen Chor ersetzt. Wo zuvor die strenge Formensprache der Romanik dominierte, entstanden nun hohe Gewölbe und eine aufwärtsstrebende gotische Architektur. Auch die Ausmalung des Chores stammt aus dieser Epoche.

Man kann sich den mittelalterlichen Kirchenraum als einen streng gegliederten Kosmos vorstellen. Der Chor war den Geistlichen vorbehalten, das Kirchenschiff der Gemeinde. Ein Lettner trennte beide Bereiche voneinander. Nördlich des Chores entstand ein weiterer Anbau mit Sakristei und Schatzkammer im Untergeschoss. Darüber lag der Raum der Stiftsherren, verbunden mit einer Bibliothek. Die Michaeliskirche war damit nicht allein ein Ort des Gebets. Sie war Verwaltungszentrum, Versammlungsort, Aufbewahrungsort wertvoller Gegenstände und Schauplatz kirchlicher Macht.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Wer heute durch den Innenraum geht, kann diese mittelalterliche Welt noch erahnen. Besonders kostbar ist der Marienleuchter aus dem Jahr 1322. Seine spätgotische Mondsichelmadonna gehört zu den bemerkenswerten erhaltenen Kunstwerken der Kirche. Ein weiteres Kleinod ist der siebenarmige Bronzeleuchter von 1444. In seinem Schaft erscheint der Erzengel Michael – jener Schutzpatron, dessen Name bis heute mit der Kirche verbunden ist.

Auch die Bronzetaufe von 1511 hat die Jahrhunderte überdauert. Ihre Formensprache erinnert an die späte Gotik und führt unmittelbar in jene Zeit, in der sich Europas religiöse Landschaft grundlegend verändern sollte. Denn nur wenige Jahrzehnte später erreichte die Reformation auch Eutin.

Besonders ungewöhnlich muss die Situation im 16. Jahrhundert gewesen sein. Während sich die lutherische Lehre in Norddeutschland ausbreitete, blieb Eutin zunächst ein Ort des Nebeneinanders. Im Chorraum wurde die katholische Messe gefeiert, während im Kirchenschiff bereits evangelischer Gottesdienst stattfand. Der Pastor Paulus Severini, der in Wittenberg Theologie studiert hatte und mit den Gedanken Martin Luthers vertraut war, spielte dabei eine wichtige Rolle.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

1577 war die konfessionelle Neuordnung endgültig vollzogen. Die Reformation setzte sich durch, der Lettner wurde entfernt und zahlreiche Altäre verschwanden. Die Kirche erhielt ein neues Gesicht – doch ihre mittelalterliche Vergangenheit ließ sich nicht vollständig auslöschen. Gerade die erhaltenen Kunstwerke machen heute den besonderen Reiz von St. Michaelis aus: Man blickt auf Zeugnisse einer katholischen Vergangenheit und steht zugleich in einem evangelischen Gotteshaus.

Später kamen weitere Schichten hinzu. 1653 fertigte Klaus Lille die Kanzel. 1667 stiftete Christian Cassius, Kanzleidirektor des Fürstbischofs und Dekan des Kollegiatstifts, einen Altar, der als Cassius-Altar bekannt wurde. Für dessen Ausstattung schuf der Maler Jürgen Ovens unter anderem Darstellungen des Abendmahls und der Auferstehung Christi. Der Altar selbst ist nicht vollständig erhalten. Seine Gemälde verbrachten viele Jahre im Ostholstein-Museum Eutin. Seit der Neugestaltung des Altarraums im Jahr 2007 hängen sie wieder in der Michaeliskirche – und kehrten damit gewissermaßen nach Hause zurück.

Nicht alles, was einst zum Kirchenraum gehörte, hat dieses Glück gehabt. Das neugotische Altarretabel, das 1878 geschaffen wurde, musste 1960 wieder weichen. Das Gehäuse befindet sich noch in der Sakristei, die Figuren sind jedoch verschollen. Auch daran zeigt sich, dass Kirchen keine unveränderlichen Denkmäler sind. Jede Generation gestaltet sie nach ihrem eigenen Verständnis – manchmal bewahrt sie, manchmal ersetzt sie, manchmal entdeckt sie längst Vergessenes wieder.

Selbst die Glocke besitzt ihre eigene Odyssee. Gegossen wurde sie 1594, also in jener Epoche, in der die Reformation in Eutin bereits durchgesetzt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte sie auf den Hamburger Glockenfriedhof. 1953 kehrte sie nach Eutin zurück. Zunächst hing sie ab 1962 über dem First des Kirchenschiffs und wurde als Uhrschlagglocke verwendet. Erst 1982 erhielt sie ihren heutigen Platz im Turmraum.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Wer die Kirche heute besucht, begegnet also einer erstaunlichen Ansammlung von Zeitspuren. Da sind die schweren romanischen Formen des ursprünglichen Baus, der gotische Chor mit seinen mittelalterlichen Gewölbemalereien, die spätgotischen Leuchter und die Bronzetaufe, die barocke Kanzel, die Bilder von Jürgen Ovens und die modernen Chorfenster von Siegfried Assmann aus dem Jahr 1960. Über allem liegt die stille Atmosphäre eines Gotteshauses, das über Jahrhunderte immer wieder neu interpretiert wurde.

Und dann erklingt die Orgel. Das heutige Instrument stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern aus dem Jahr 1987. Die Schweizer Orgelbaufirma Metzler baute ein Instrument mit 35 Registern und 2281 Pfeifen, verteilt auf drei Manuale und Pedal. Die mechanische Spiel- und Registertraktur verbindet dabei moderne Orgelbaukunst mit einer traditionellen Technik.

Vielleicht liegt gerade darin das Geheimnis von St. Michaelis. Die Kirche bewahrt ihre Geschichte nicht, indem sie unverändert geblieben wäre. Im Gegenteil: Sie hat sich immer wieder verändert. Aus der romanischen Basilika wurde eine gotische Stiftskirche, aus dem katholischen Gotteshaus ein evangelischer Kirchenraum, aus dem Zentrum des mittelalterlichen Kollegiatstifts ein Denkmal, das heute Besuchern offensteht.

Wer Eutin besucht, sollte deshalb nicht nur einen Blick auf das Schloss und die reizvolle Umgebung werfen. Ein Abstecher zu St. Michaelis lohnt sich besonders für diejenigen, die hinter historischen Fassaden mehr suchen als schöne Fotomotive. Hier lässt sich nachvollziehen, wie eng Architektur, Religion und Politik einst miteinander verbunden waren. Die Geschichte der Stadt steckt in diesen Mauern … von der Christianisierung Ostholsteins über die Macht der Lübecker Bischöfe und die Reformation bis in die Gegenwart. (ea)

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath