Von Eutin nach Griechenland – und zurück: Die Königin, die Eutin mit Athen verbindet

Was hat Eutin mit Griechenland zu tun? Die Antwort steht am Ufer der Eutiner Stadtbucht und sie trägt die Gesichtszüge einer Frau, deren Lebensweg vom Norden Deutschlands bis auf den griechischen Königsthron führte.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Reisen/Weltweit – Amalie, Herzogin von Oldenburg und spätere Königin von Griechenland, gehört zu jenen Persönlichkeiten, deren Geschichte Eutin weit über Schleswig-Holstein hinaus mit Europa verbindet. Ihre großformatige Kopffigur ist Teil der Bildungs- und Kulturinitiative „Eutiner Köpfe“. Das Projekt macht Menschen sichtbar, die in Eutin geboren wurden oder hier gewirkt haben und deren Namen weit über die Stadt hinaus bekannt sind. Drei Köpfe stehen inzwischen tatsächlich im Stadtbild: Carl Maria von Weber, Amalie und Wincent Weiss. Weitere Persönlichkeiten sind Bestandteil eines virtuellen Rundgangs.

Gerade Amalies Geschichte zeigt, wie international die Vergangenheit einer vergleichsweise kleinen Stadt sein kann. Eutin und Griechenland liegen geografisch weit auseinander – historisch aber gibt es eine direkte Verbindung. Amalie von Oldenburg wurde zur Königin von Griechenland und verbrachte einen Teil ihres Lebens in Eutin. Ihre Geschichte führt damit von der norddeutschen Residenzlandschaft hinein in die junge griechische Monarchie des 19. Jahrhunderts.

Heute erinnert daran kein klassisches Denkmal mit ausführlicher Inschrift, sondern ein überdimensionaler Kopf am Wasser. Wer an der Stadtbucht steht und die Skulptur betrachtet, begegnet gewissermaßen einer historischen Wegmarke zwischen Norddeutschland und Griechenland.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die „Eutiner Köpfe“ wollen genau solche Verbindungen herstellen. Die Idee dahinter: Geschichte soll nicht ausschließlich in Büchern, Museen oder Jahreszahlen stattfinden, sondern mitten im Alltag. Die großen Köpfe sollen Aufmerksamkeit erzeugen und Menschen dazu bringen, sich zu fragen, wer hinter dem Gesicht steckt und weshalb diese Person mit Eutin verbunden ist. Bei Amalie lohnt sich diese Frage besonders.

Sie wurde 1818 als Prinzessin von Oldenburg geboren. Ihr Lebensweg führte schließlich nach Griechenland, wo sie Königin wurde. Damit gehört sie zu den Persönlichkeiten des Projekts, deren Biografie weit über die regionale Geschichte hinausweist. Eutin wird durch sie Teil einer europäischen Geschichte, die von den norddeutschen Herzogtümern bis nach Athen reicht.

Der ungewöhnliche Standort ihrer Kopffigur macht diese Geschichte zusätzlich sichtbar. Sie steht an der Eutiner Stadtbucht, dort, wo Wasser, Landschaft und Stadt unmittelbar aufeinandertreffen. Der Kopf ist groß genug, um aus einiger Entfernung aufzufallen, und ungewöhnlich genug, um Fragen hervorzurufen. Wer ihn zum ersten Mal sieht, dürfte sich unweigerlich fragen: Wer ist diese Frau? Die Antwort führt nach Griechenland.

Doch Amalie ist nur eine von inzwischen 20 Persönlichkeiten, mit denen sich das Projekt beschäftigt. Sie stehen für ganz unterschiedliche Bereiche: Musik, Kunst, Literatur, Wissenschaft, Sport und weitere kulturelle Lebensbereiche. Drei von ihnen wurden bislang als großformatige Kopffiguren umgesetzt. Carl Maria von Weber machte 2021 den Anfang. 2024 folgte Amalie. Im Oktober 2025 kam Wincent Weiss hinzu.

Damit liegen zwischen den drei Gesichtern nicht nur Jahrzehnte, sondern Jahrhunderte und völlig unterschiedliche Lebenswelten.

Carl Maria von Weber wurde 1786 in Eutin geboren und machte später als Komponist und Musiker europäische Musikgeschichte. Wincent Weiss wiederum verbrachte seine Kindheit und Jugend in Eutin und entwickelte sich später zu einem erfolgreichen Sänger und Songwriter. Dazwischen steht Amalie … eine Frau, deren Lebensweg sie aus dem norddeutschen Raum bis auf den griechischen Thron führte. Genau diese Spannweite macht das Projekt ungewöhnlich.

Die Figuren sind zudem technisch keine gewöhnlichen Skulpturen. Die ersten beiden Eutiner Köpfe entstanden in Zusammenarbeit mit der Hochschule Flensburg. Die Hochschule begleitete das Vorhaben wissenschaftlich und beschäftigte sich unter anderem mit der Aufbereitung von 3D-Daten sowie der Frage, wie sich großformatige Drucke praktisch herstellen lassen.

Gedruckt werden die Köpfe zunächst als Rohlinge. Anschließend erhalten sie eine dünne Schicht aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Dadurch sollen die Figuren widerstandsfähiger gegen Witterung und mögliche Beschädigungen werden. Bei den ersten beiden Köpfen arbeitete die Initiative dafür mit einem spezialisierten Bootsbauer zusammen.

Beim dritten Kopf, dem Abbild von Wincent Weiss, wurde das Verfahren weiterentwickelt. Erstmals kam für den Großdruck ein Material zum Einsatz, das aus recyceltem Holz und biologisch abbaubaren Polymeren besteht. Auch dieser Kopf erhielt anschließend eine GFK-Beschichtung.

Für die Modellierung einer lebenden Persönlichkeit wurde zudem ein weiterer wissenschaftlicher Partner eingebunden: das Institut für Robotik und Kognitive Systeme der Universität Lübeck.

Das Projekt verbindet damit zwei Dinge, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören: historische Persönlichkeiten und moderne digitale Fertigung. Die Köpfe erzählen Geschichte, entstehen aber mit Technologien der Gegenwart.

Die Idee für die Initiative entstand nach dem Vorbild einer ähnlichen Aktivität in La Valletta, der europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2018. Im Herbst 2019 wurde das Vorhaben erstmals im zuständigen Ausschuss der Stadt Eutin vorgestellt. Der dort gefasste Beschluss ermutigte die Initiatoren, die Planungen weiterzuführen. Seitdem wächst aus der Idee ein ungewöhnlicher Parcours durch die Stadt.

Maximal fünf großformatige Köpfe sollen nach den Planungen im öffentlichen Raum aufgestellt werden. Für die übrigen Persönlichkeiten gibt es einen digitalen Weg: einen rund fünf Kilometer langen virtuellen Rundgang durch Eutin. Über QR-Codes können Informationen zu den einzelnen Menschen abgerufen werden. So lässt sich die Stadt auf den Spuren ihrer Persönlichkeiten erkunden – unabhängig davon, ob deren Kopf tatsächlich als mehrere Meter große Figur irgendwo in Eutin steht.

Und vielleicht beginnt dieser Rundgang für manche Besucherinnen und Besucher genau dort, wo Eutin und Griechenland aufeinandertreffen: an Amalies Kopf an der Stadtbucht.

Denn die Skulptur erzählt mehr als die Geschichte einer Königin. Sie erzählt davon, dass die Geschichte einer Stadt nicht an ihren Grenzen endet. Ein Name aus Eutin kann in der Musikgeschichte Europas auftauchen, ein anderer auf einem griechischen Königsthron und ein weiterer Jahrzehnte später auf den Bühnen der Popmusik.

Die Initiative „Eutiner Köpfe“ macht diese ungewöhnlichen Lebenslinien sichtbar. Ausgerechnet eine Königin liefert dabei eine besonders eindrucksvolle Verbindung: Zwischen der norddeutschen Stadt Eutin und dem Griechenland des 19. Jahrhunderts liegen viele Kilometer … doch mitten in Eutin steht ein Gesicht, das an diese gemeinsame Geschichte erinnert. Wer danach weitergeht, begegnet weiteren „Eutiner Köpfen“ und damit einer Stadtgeschichte, die deutlich größer ist, als ihr Stadtplan zunächst vermuten lässt. (ea)