Manchmal reicht ein Blick in ein Kinderzimmer, um die Zeit stillstehen zu lassen. Georg Jakobides wusste das wie kein anderer. Schon in frühen Bildern fängt er die Welt der Kleinsten mit einer Wärme und Detailtreue ein, die bis heute erstaunt.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman
Kunst & Kultur – Der gebürtige Lesbier, geboren am 11. Januar 1853 in Chidira, begann seine künstlerische Reise nicht etwa auf einer großen Akademie, sondern auf Umwegen: Mit dreizehn schickten ihn seine Eltern nach Smyrna, um die Evangelische Schule zu besuchen. Dort arbeitete er neben dem Unterricht und entdeckte früh sein Talent für Holzschnitzerei.
Sein Weg führte ihn nach Athen, unterstützt durch den Holzhändler Michail Hatziloukas. An der Athener Kunsthochschule lernte er bei Nikiforos Lytras und Leonidas Drosis Bildhauerei und Malerei, bevor der griechische Staat ihm ein Stipendium für die Münchener Akademie der Bildenden Künste gewährte. München, in den 1870er-Jahren ein Zentrum akademischer Malerei, bot Jakobides nicht nur Lehrer wie Ludwig von Löfftz und Gabriel von Max, sondern auch Inspiration: Im Sommer streifte er durch bayerische Dörfer, malte das Landleben und die vorindustriellen Strukturen – Szenen, die heute als einzigartige Dokumente ihrer Zeit gelten.
Bereits 1878 war er mit drei Werken auf der Weltausstellung in Paris vertreten. Im selben Jahr gründete er zusammen mit Toby Edward Rosenthal eine Malschule für Frauen – eine Revolution, denn an der Akademie war Frauen der Zugang verwehrt. Bis 1898 unterrichtete er hier, wobei sein Schülerkreis unter anderem den Schweizer Alexander Wolf zählte. 1883 schloss Jakobides sein Studium ab, hochgeschätzt in Münchens Gesellschaft, bekannt für seine fröhlichen Kinderbilder. Doch das Leben mischte sich ein: 1889 starb seine Frau Aglaia, und die Leichtigkeit der Kinderdarstellungen wich einer ernsteren, introspektiven Note.
1900 kehrte Jakobides endgültig nach Griechenland zurück und übernahm den Aufbau der staatlichen Kunstsammlung, die heute als Grundstock der Nationalgalerie Athen gilt. In Athen avancierte er schnell zu einem gefragten Porträtisten, seine Auftraggeber reichten von der königlichen Familie bis zu wohlhabenden Unternehmern. Gleichzeitig lehrte er an der Nationalen Technischen Universität Athen, die 1910 zur Hochschule der Bildenden Künste ausgegliedert wurde, und übernahm das Rektorat. Zu seinen Schülern zählte Giorgio De Chirico, der später zu den wichtigsten Vertretern des Metaphysischen Realismus zählen sollte.
Jakobides Werk ist von einer bemerkenswerten Klarheit geprägt: Kinder in alltäglichen Szenen, Stillleben, bayerische Landschaften und später auch Porträts der griechischen Elite. Werke wie „Kinderkonzert“ oder „Erste Schritte“ zeigen eine detailverliebte Beobachtung von Emotionen und Alltag. Trotz seiner anfänglichen Skepsis gegenüber dem Impressionismus tolerierte er die künstlerische Experimentierfreude seiner Studenten. Über 200 Ölbilder hinterließ er, die heute in internationalen Museen und Privatsammlungen zu finden sind, darunter das Art Institute of Chicago und diverse deutsche Häuser.
Nicht nur auf Leinwand, sondern auch als Medailleur hinterließ Jakobides Spuren: Die silbernen Umlaufmünzen Griechenlands von 1910 und 1911 tragen seine Handschrift. Ausgezeichnet wurde er vielfach: mit der Ludwigsmedaille 1878, Bronzemedaille in Paris 1889 und zahlreichen Goldmedaillen in Athen, Paris, Bremen, Berlin, München, Triest und Barcelona. Der griechische Staat ehrte ihn mit vier Orden, darunter der Erlöser-Orden, und 1966 widmete die griechische Post ihm eine Briefmarke.
Jakobides starb am 13. Dezember 1932 in Athen kurz vor seinem 80. Geburtstag, doch seine Werke leben weiter – als Fenster in eine Welt zwischen bayerischem Dorf und griechischer Hauptstadt, zwischen akademischem Naturalismus und menschlicher Wärme. (ea)





