Stettins steinernes Gedächtnis – Das Schloss der Pommerschen Herzöge

Von der Oder aus betrachtet wirkt Szczecin beinahe wie eine Stadt aus zwei Zeitaltern. Auf der einen Seite ragt das dunkle Rot der gotischen Kathedrale in den Himmel, auf der anderen erhebt sich das helle Schloss der Pommerschen Herzöge mit seinen grünen Turmhelmen. Dazwischen liegen Dächer, Straßen und Plätze einer modernen europäischen Stadt. Doch wer näher kommt, entdeckt hinter der repräsentativen Fassade einen Ort, an dem sich fast tausend Jahre Geschichte überlagern.
Von HB-Redakteurin Ebrua Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit – Das Zamek Książąt Pomorskich, wie das Schloss auf Polnisch heißt, war einst das Machtzentrum der pommerschen Greifenherzöge. Es wurde erweitert, umgebaut, beschädigt, als Verwaltungsgebäude genutzt, im Krieg fast vollständig zerstört und schließlich wiederaufgebaut. Heute ist es Kulturzentrum, Opernhaus, Veranstaltungsort und Aussichtspunkt zugleich. Gerade dieser Wandel macht seinen besonderen Reiz aus: Das Schloss ist kein eingefrorenes Denkmal, sondern ein historischer Ort, der bis heute mitten im Leben von Szczecin steht.

Der Platz, auf dem das Schloss steht, war schon lange besiedelt, bevor die ersten repräsentativen Mauern errichtet wurden. Im 12. Jahrhundert befand sich hier ein slawischer Burgwall. Die Herzöge von Pommern ließen ihre Herrschaft über solche Anlagen durch Kastellane ausüben. Stettin entwickelte sich gleichzeitig zu einem bedeutenden Handelsplatz an der Oder. Fluss, Hafen und Burg bildeten gemeinsam das Rückgrat der mittelalterlichen Stadt.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Doch zwischen Bürgerschaft und Herzogshaus herrschte nicht immer Einigkeit. 1249 ließ Herzog Barnim I. die Burg auf Wunsch der Stettiner Bürger abtragen und überließ ihnen den größten Teil des Burgplatzes. Nur zwei größere Grundstücke behielt er für sich. Die Entscheidung sollte jedoch nicht das Ende der herzoglichen Präsenz auf dem Schlossberg bedeuten.

Rund ein Jahrhundert später begann Barnim III. mit dem Bau einer neuen steinernen Residenz. 1345 sollten auf dem Burghügel erneut fürstliche Gebäude entstehen. Die Bürger Stettins waren davon wenig begeistert und vertrieben die Bauarbeiter. Was heute wie eine selbstverständliche Kulisse der Stadt wirkt, war damals also Gegenstand eines handfesten Machtkampfes.

Ein Schiedsspruch musste den Streit beenden. Die Stadt verpflichtete sich, dem Herzog ein steinernes Haus mit einer Umfassungsmauer und eine Kapelle zu errichten. Im Gegenzug bestätigte der Herzog den Bürgern ihre Rechte und Privilegien. Schon in dieser Episode zeigt sich, was die Geschichte des Schlosses immer wieder bestimmen sollte: das Spannungsverhältnis zwischen fürstlicher Macht und städtischer Selbstständigkeit.

1428 wurde die Anlage unter Herzog Kasimir V. erneut befestigt. Doch die eigentliche Blütezeit des Schlosses begann erst mit Bogislaw X.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Als Bogislaw X. 1490 mit einem umfassenden Neubau begann, war Stettin längst eine wichtige Residenzstadt Pommerns. Der Herzog plante den Ausbau auch im Zusammenhang mit seiner zweiten Ehe mit Anna von Polen. Die Hochzeit wurde am 2. Februar 1491 in Stettin gefeiert. Das Schloss selbst war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht fertig.

Der Ausbau erwies sich als komplizierter als gedacht. Die Stadt weigerte sich, dem Herzog die von ihm beanspruchten Grundstücke zu überlassen. Erst 1503 konnte Bogislaw X. Teile des Altböterberges erwerben. Die dort stehenden Häuser wurden abgerissen, um Platz für den Südflügel zu schaffen.

Es war der Beginn einer Baugeschichte, in der das Schloss immer wieder seine Gestalt verändern sollte. 1538 ließ Barnim IX. den Ostflügel errichten. Einige der damaligen Spuren sind bis heute sichtbar, darunter eine Stiftungstafel mit seinem Wappen.

Die entscheidende Renaissanceprägung erhielt die Residenz jedoch unter Herzog Johann Friedrich. Nach seinem Regierungsantritt 1573 beauftragte er den italienischen Baumeister Antonio Wilhelmi mit einer umfassenden Modernisierung. Aus der mittelalterlichen Burgresidenz wurde ein repräsentativer Renaissancehof.

Für diesen Umbau mussten ältere Gebäudeteile weichen. Das Haus Barnims III. und die Ottenkirche wurden abgetragen. Der Südflügel Bogislaws X. blieb dagegen weitgehend bestehen. 1576 ereignete sich ein folgenschwerer Brand, bei dem fünf Menschen starben und das Schloss erheblich beschädigt wurde.

An die Stelle der alten Ottenkirche trat die neue Schlosskirche. Sie war für das höfische Leben von großer Bedeutung und wurde zugleich zur Grablege der pommerschen Herzöge. Die wesentlichen Bauarbeiten waren bereits 1577 abgeschlossen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Residenz erhielt zunehmend den Charakter eines europäischen Fürstenhofes. Philipp II., einer der kunstsinnigsten Herrscher des Greifengeschlechts, ließ den Westflügel durch einen neuen Renaissancebau erweitern. Hier sollte seine umfangreiche Kunstsammlung untergebracht werden. Philipp starb jedoch, bevor der Bau vollendet war. Sein Nachfolger Franz führte das Projekt zu Ende.

Wer heute durch das Schloss geht, stößt immer wieder auf Wappen, Inschriften und Erinnerungstafeln. Sie sind keine bloßen Schmuckelemente. Sie erzählen von einer Herrscherfamilie, die ihre politische Stellung durch Architektur sichtbar machte. Die Renaissancefassaden waren gewissermaßen das steinerne Selbstporträt der Greifen.

Doch die Zeit der pommerschen Herzöge ging zu Ende. 1637 starb Bogislaw XIV., der letzte Herzog aus dem Greifengeschlecht. Der Dreißigjährige Krieg hatte Pommern schwer getroffen. Mit dem Tod des letzten Greifen erlosch die Dynastie, und das Land geriet endgültig unter den Einfluss größerer Mächte.

Für das Schloss begann eine neue Epoche. Schweden übernahm die Herrschaft über Pommern und nutzte die Residenz bis 1720 als Regierungssitz. Auch militärisch blieb Stettin ein umkämpfter Ort. Während des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges wurde das Schloss durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt.

Gleichzeitig wurde die Residenz zum Schauplatz eines bemerkenswerten Kapitels europäischer Geschichte. Von 1709 bis 1711 lebten hier der frühere polnische König Stanisław Leszczyński und seine Frau Katharina während ihres Exils. Die Räume, die einst für pommersche Herzöge geschaffen worden waren, wurden nun zum vorübergehenden Zuhause eines entthronten Königs.

1720 fiel Stettin an Preußen. Wieder veränderte sich die Funktion des Schlosses. Die preußische Regierung machte aus der einstigen Fürstenresidenz zunehmend ein Verwaltungszentrum. Friedrich Wilhelm I. ließ dort Regierungs- und Gerichtsstellen unterbringen. Auch die Pommersche Kriegs- und Domänenkammer, ein Arsenal und Wohnräume für den König fanden Platz in der Anlage.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

1752 kam eine Münzprägeanstalt hinzu. Der Name des Münzenflügels erinnert noch heute an diese Nutzung.

Im 19. Jahrhundert wurde das Schloss erneut umgebaut. Friedrich Wilhelm IV. kannte die Anlage aus seiner Zeit als Kronprinz und ließ verschiedene Veränderungen vornehmen. Der Nordflügel wurde erhöht, an der nordöstlichen Ecke entstand ein achteckiger Turm.

Die romantische Vorstellung vom mittelalterlichen Schloss, die im 19. Jahrhundert vielerorts zur Wiederentdeckung historischer Bauwerke führte, konnte die Veränderungen nicht rückgängig machen. Im Gegenteil: Die moderne Verwaltung benötigte andere Räume und Strukturen. Zwischen 1872 und 1874 wurde der Südflügel bis auf die unteren Umfassungsmauern abgetragen. Zahlreiche Renaissanceelemente gingen verloren.

Als die Behörden 1902 schließlich aus dem Schloss auszogen, schien eine Restaurierung möglich. 1925 begannen entsprechende Arbeiten, doch bereits ein Jahr später wurden sie wieder eingestellt. Das Schloss blieb damit ein Gebäude zwischen historischer Residenz und Verwaltungsbau.

Dann kam der Krieg.

1944 wurde Stettin von einem schweren alliierten Bombenangriff getroffen. Auch das Schloss wurde schwer beschädigt. Von dem einstigen Renaissanceensemble blieb eine Ruine. Die Zerstörung bedeutete einen tiefen Einschnitt in die Geschichte der Stadt – und stellte zugleich die Frage, was von dieser Geschichte erhalten bleiben sollte.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Nach 1945 gehörte Stettin zu Polen und wurde zu Szczecin. Bereits 1946 begannen Sicherungsmaßnahmen. Ab 1948 wurde der Innenhof archäologisch untersucht. Die Verantwortlichen standen vor einer schwierigen Aufgabe: Sollte eine Ruine konserviert oder die historische Residenz rekonstruiert werden?

Die Entscheidung fiel zugunsten des Wiederaufbaus. Historische Darstellungen halfen dabei, die verlorene Architektur zu rekonstruieren. Besonders wichtig war eine Darstellung des Schlosses von Matthäus Merian. Sein Kupferstich wurde zu einer wertvollen Grundlage für die Rekonstruktionsarbeiten.

Von 1958 bis 1980 wurde das Schloss schließlich wiederaufgebaut. Die Rekonstruktion orientierte sich vor allem an der Renaissancegestalt. Damit erhielt Szczecin einen seiner wichtigsten historischen Orientierungspunkte zurück.

Heute erhebt sich der fünf Flügel umfassende Komplex wieder über der Stadt. Seine helle Fassade, die grünen Turmhauben und die unterschiedlichen Gebäudeteile machen ihn schon aus der Ferne unverwechselbar.

Doch seine interessantesten Geschichten beginnen dort, wo die großen Fassaden enden.

In den Innenhöfen lässt sich die besondere Atmosphäre des Schlosses am besten erleben. Zwischen den historischen Mauern finden Konzerte und Theateraufführungen statt. Im Sommer wird die Architektur zur Kulisse für Veranstaltungen, bei denen die Vergangenheit nicht nur betrachtet, sondern regelrecht bespielt wird.

Eine der spektakulärsten Perspektiven bietet die Aussichtsterrasse auf dem nördlichen Flügel. Von hier oben öffnet sich der Blick über Szczecin, die Oder und die Dächer der Innenstadt. Besonders eindrucksvoll ist der Kontrast zwischen den historischen Gebäuden rund um das Schloss und den modernen Strukturen der heutigen Stadt.

Noch höher hinaus geht es im Schlossturm. Dort befindet sich ein Foucaultsches Pendel, das die Rotation der Erde sichtbar macht. Wer die 204 Stufen hinaufsteigt, erreicht schließlich einen Aussichtspunkt mit einem weiten Blick über Szczecin. Der Aufstieg ist damit nicht nur eine kleine sportliche Herausforderung, sondern auch eine Reise von der Geschichte zur Gegenwart: Unten liegen die Mauern der Greifen, oben breitet sich die moderne Stadt aus.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Im Inneren wartet eine weitere Besonderheit. Unter dem nördlichen Schlossflügel liegt die herzogliche Krypta. Sechs erhaltene Sarkophage erinnern an die Herrscherfamilie, die Pommern über Jahrhunderte regierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die sterblichen Überreste zunächst provisorisch untergebracht. Mit der Restaurierung wurde die historische Grablege wiederhergestellt.

Einen ganz anderen Eindruck vermittelt der Bogislaw-Saal. Die ehemalige Schlosskirche wurde restauriert und dient heute als Konzert- und Veranstaltungssaal. Renaissanceelemente und Polychromien schmücken die Gewölbe. Wo einst höfische Gottesdienste stattfanden, erklingt heute Musik.

Zu den besonderen Details des Schlosses gehört die astronomische Uhr aus dem 17. Jahrhundert. Solche technischen Kunstwerke waren in ihrer Zeit nicht nur praktische Instrumente. Sie demonstrierten auch Bildung, Wohlstand und den Zugang zu wissenschaftlichem Wissen.

Im Lubinschen Kabinett wird ein weiterer Aspekt der pommerschen Geschichte sichtbar. Der Name erinnert an Eilhard Lubinus, den berühmten Kartografen, dessen Darstellung Pommerns zu den herausragenden historischen Kartenwerken der Region zählt. Eine Karte kann dabei mehr erzählen als bloße Grenzen: Sie zeigt, wie Menschen einen Raum wahrnahmen, ordnet Städte, Landschaften und Herrschaftsgebiete und macht sichtbar, wie sich ein Land selbst verstand.

Mit der Hexenzelle besitzt das Schloss außerdem einen Ort, der von den dunkleren Seiten vergangener Jahrhunderte erzählt. Hier begegnet man einer Welt, in der Gerüchte, Ängste, religiöse Vorstellungen und Rechtsprechung eng miteinander verbunden waren. Die Geschichte des Schlosses besteht eben nicht nur aus Fürstenhochzeiten, Kunstsammlungen und höfischem Glanz.

Heute hat das Gebäude eine bemerkenswerte neue Rolle gefunden. Das Schloss ist Sitz verschiedener kultureller Einrichtungen und Veranstaltungsort für Konzerte, Theater, Ausstellungen, Konferenzen und Bildungsangebote. Im Südflügel befindet sich die Opera na Zamku, die Stettiner Oper.

Seit 2016 wird dort in einem modernen Musiktheater gespielt. Rund 600 Zuschauer finden im Saal Platz. Die relativ überschaubare Größe ermöglicht eine besondere Nähe zwischen Bühne und Publikum. Gleichzeitig ist es eine architektonisch ungewöhnliche Aufgabe, moderne Bühnentechnik in einen historischen Schlosskomplex zu integrieren.

Das Ergebnis ist ein Ort, an dem Renaissancearchitektur und zeitgenössisches Kulturleben unmittelbar aufeinandertreffen. Am selben Ort, an dem einst die pommerschen Herzöge ihre Hofgesellschaft empfingen, sitzen heute Besucher in einem Opernsaal.

Auch im Münzenflügel hat das Schloss eine moderne Funktion. Dort befindet sich ein Kultur- und Touristeninformationszentrum. Für Besucher ist das Gebäude damit nicht nur Sehenswürdigkeit, sondern auch Ausgangspunkt für die Erkundung der Stadt.

Im Winter verändert sich die Atmosphäre erneut. Rund um die Weihnachtszeit wird der Schlosshof zum Schauplatz eines Weihnachtsmarktes. Zwischen historischen Mauern werden regionale Spezialitäten, Handarbeiten und Weihnachtsschmuck angeboten. Lichter und Stände verleihen dem Renaissanceensemble dann einen völlig anderen Charakter.

Vielleicht ist es gerade diese Fähigkeit zur Veränderung, die das Schloss so interessant macht. Es war Burg, Residenz, Regierungssitz, Verwaltungsgebäude, Ruine und schließlich Kulturzentrum. Jede Epoche hat etwas hinterlassen – manchmal ein Gebäude, manchmal eine Inschrift, manchmal nur eine Erinnerung.

Auch die Stadt selbst lässt sich vom Schloss aus neu lesen. Szczecin liegt an der Oder, nicht weit von der Ostsee entfernt, und seine Geschichte war stets von dieser Lage geprägt. Handel und Schifffahrt machten die Stadt bedeutend; ihre Nähe zu verschiedenen politischen Machtzentren machte sie zugleich zum Schauplatz wechselnder Herrschaften.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Geschichte des Schlosses ist deshalb untrennbar mit der Geschichte Pommerns verbunden. Die Greifen, Schweden, Preußen und Polen haben jeweils ihre Spuren hinterlassen. Zugleich ist der Ort mit europäischen Persönlichkeiten verbunden – von Bogislaw X. über Stanisław Leszczyński bis zu Katharina der Großen.

Besonders erstaunlich ist dabei, wie eng sich Weltgeschichte und persönliche Schicksale an diesem Ort berühren. Eine pommersche Herzogsdynastie verschwindet nach Jahrhunderten von der politischen Bühne. Ein entthronter König findet hier vorübergehend Zuflucht. Ein Mädchen, das in der Garnisonsstadt Stettin geboren wird, besteigt später den russischen Thron. Und ein Schloss, das 1944 fast ausgelöscht wird, wird einige Jahrzehnte später wieder zum kulturellen Mittelpunkt einer Stadt.

Wer heute durch die Schlossanlage spaziert, muss deshalb nicht unbedingt ein Spezialist für pommersche Geschichte sein. Die verschiedenen Zeiten erschließen sich auch über die Architektur. Die Renaissancefassaden erzählen von fürstlicher Repräsentation, die Krypta von Dynastie und Tod, die Türme von Macht und Aussicht, die Oper von der Gegenwart.

Am schönsten ist vielleicht der Moment, wenn man nach dem Rundgang wieder hinaus in die Stadt tritt. Hinter einem liegen die Höfe, Säle, Türme und Gewölbe. Vor einem breitet sich Szczecin aus. Der Verkehr bewegt sich durch die Straßen, auf der Oder ziehen Schiffe vorbei, und zwischen historischen Gebäuden beginnt der Alltag einer modernen Stadt. (ea)

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath