Man muss in Anklam nicht lange suchen, um der Vergangenheit zu begegnen. Sie steht mitten in der Stadt, aus rotem Backstein gemauert, 32 Meter hoch und mit einem Staffelgiebel versehen. Das Steintor ist kein Denkmal, das man nur von außen betrachtet. Wer durch seine Tür tritt, betritt ein Stück mittelalterliches Anklam und zugleich eines der ungewöhnlichsten Museen Vorpommerns.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath
Weltweit – 111 Stufen führen hinauf durch fünf Etagen. Mit jeder Treppe wird die Gegenwart ein wenig kleiner. Unten liegt die Stadt, darüber öffnen sich die Räume des Museums im Steintor, und ganz oben wartet der Blick über die Dächer von Anklam bis hinaus ins Peenetal. Der Aufstieg ist damit mehr als eine sportliche Herausforderung. Er gleicht einer Reise durch die Jahrhunderte.
Seit 1989 ist das Steintor Heimat des regionalgeschichtlichen Museums. Seine Sammlung ist allerdings wesentlich älter. Die Geschichte des Museums reicht bis in die Zeit um 1900 zurück, als vor allem Lehrer des Anklamer Gymnasiums begannen, sich für die Bewahrung lokaler Zeugnisse zu engagieren. 1907 erwarb die Stadt die historische Sammlung eines Anklamer Bankiers. Damit war der Grundstock gelegt. 1927 entstand schließlich das Heimatmuseum.

Dass die Sammlung heute ausgerechnet in diesem mittelalterlichen Turm zu sehen ist, hat etwas beinahe Folgerichtiges. Das Gebäude selbst erzählt bereits von der Geschichte, die im Inneren ausgestellt wird. Vermutlich um 1250 errichtet, war das Steintor Bestandteil jener Befestigungsanlage, die Anklam einst umgab. Die Stadt besaß im Mittelalter sechs Tore. Heute ist nur noch dieses eine erhalten. Wenn man vor dem gewaltigen Backsteinbau steht, lässt sich erahnen, wie stark die Stadt einst von Mauern, Toren, Gräben und Wehrgängen geprägt gewesen sein muss.
Erstmals schriftlich erwähnt wird das Steintor 1404. Damals war Anklam längst zu einem wichtigen Ort im Handelsnetz der Hanse geworden. Kaufleute bewegten Waren über Land und Wasser, und die Peene war dabei von besonderer Bedeutung. Der Fluss verband die Stadt mit ihrem Umland und über die Ostsee mit einem weitreichenden Wirtschaftsraum. Heute wirkt Anklam ruhig. Die mittelalterliche Stadt ist längst keine befestigte Handelsmetropole mehr. Doch das Steintor macht sichtbar, wie bedeutend die Stadt einst gewesen sein muss. Seine Höhe, seine Architektur und seine Lage sind Ausdruck eines Selbstbewusstseins, das mittelalterliche Städte gern in Stein und Backstein zur Schau stellten.
Der Baustoff selbst erzählt dabei eine Geschichte. Wo Naturstein knapp oder teuer war, wurde der gebrannte Ziegel zum charakteristischen Baumaterial des norddeutschen Raumes. Kirchen, Rathäuser, Stadtmauern und Stadttore entstanden aus dem gleichen Material. Die Backsteingotik prägte ganze Landschaften rund um die Ostsee und das Steintor gehört zu ihren eindrucksvollen Zeugnissen.

Doch der Turm war nie nur ein repräsentatives Bauwerk. Seine Aufgabe war zunächst ganz praktisch: schützen, kontrollieren, überwachen. Die Spuren des einstigen Wehrgangs sind noch heute am oberen Teil des Gebäudes zu erkennen. Im 16. Jahrhundert gehörte dieser Wehrgang zur Befestigung. Später änderte sich die Verteidigungstechnik, und die Anlage wurde durch ein Vortor und einen Wassergraben erweitert. Um etwa 1570 verlor der Wehrgang seine Funktion.
Das Steintor passte sich den Zeiten an. Vielleicht ist das eine der schönsten Möglichkeiten, seine Geschichte zu verstehen. Es war nicht über Jahrhunderte unverändert, sondern wurde immer wieder neu genutzt. Aus dem Bestandteil einer mittelalterlichen Stadtbefestigung wurde ein Gefängnis. Aus dem Gefängnis wurde schließlich ein historisches Denkmal und Museum.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts saßen hier Gefangene ein. Gleich nebenan, auf dem heutigen Museumsvorplatz, spielte sich ein weiteres Kapitel der städtischen Rechtsgeschichte ab. 1853 fand dort die letzte Hinrichtung Anklams statt. Heute erinnert die ruhige Atmosphäre des Platzes kaum noch an solche Ereignisse.
Das 19. Jahrhundert hätte beinahe auch das Ende des Steintors bedeutet. Die mittelalterlichen Stadttore galten zunehmend als Hindernisse für den modernen Verkehr. 1846 wurde das Stolper Tor abgerissen. Auch das Steintor sollte verschwinden. Dass es noch heute steht, verdankt sich unter anderem dem Widerstand des damaligen Bürgermeisters. So wurde aus einem einstigen Verkehrshindernis ein Wahrzeichen.

Wer heute das Museum besucht, begegnet zunächst einer Welt, die noch älter ist als die mittelalterliche Stadt. Die Ausstellung führt zurück in die Ur- und Frühgeschichte des Peeneurstromtals. Sie erzählt von Menschen, die lange vor den Kaufleuten der Hanse in dieser Landschaft lebten. Die Peene war damals wie heute mehr als ein Fluss. Sie war Verkehrsweg, Nahrungsquelle, Orientierungslinie und Lebensraum. Wer die Landschaft rund um Anklam betrachtet, versteht schnell, weshalb sich Menschen hier niederließen. Wasserwege eröffneten Verbindungen, während die Flussniederungen Nahrung und Ressourcen boten.
Dann treten Slawen und Wikinger in die Geschichte ein. Ihre Spuren machen deutlich, dass Vorpommern schon lange vor der deutschen Stadtgründung Teil eines weitreichenden europäischen Kontaktraumes war. Erst später entsteht das mittelalterliche Anklam. Mit Stadtgründung und Stadtrecht beginnt eine neue Epoche. Die Stadt wird organisiert, befestigt und wirtschaftlich ausgebaut. Straßen entstehen, Handel entwickelt sich, Handwerker lassen sich nieder. Anklam wächst zu einer Stadt heran, die ihren Platz im Gefüge der Hanse findet.
Im Museum wird diese Entwicklung anhand von Objekten sichtbar. Kapitänsbilder erinnern an die maritime Vergangenheit, historische Zeugnisse erzählen vom Handel und vom Leben der Menschen. Die Hanse erscheint dabei nicht als abstrakter Begriff aus dem Geschichtsbuch, sondern als Netzwerk, das den Alltag einer Stadt wie Anklam prägte. Doch Wohlstand war nie selbstverständlich. Immer wieder wurde die Stadt von politischen und militärischen Konflikten getroffen. Besonders einschneidend war der Dreißigjährige Krieg. Pommern wurde zum Schauplatz wechselnder Heere und Machtinteressen. Städte, Dörfer und ihre Bewohner litten unter Einquartierungen, Plünderungen, Krankheiten und wirtschaftlichen Belastungen.
Ausgerechnet ein Schatz kann heute davon erzählen. Der Münzschatz von Anklam gehört zu den bedeutendsten archäologischen Funden aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in Pommern. Hinter einem solchen Fund steckt immer eine Geschichte, die sich nur teilweise rekonstruieren lässt. Jemand muss die Münzen einst versteckt haben. Jemand wollte Vermögen vor einer unsicheren Welt schützen. Doch der Besitzer kehrte offenbar nicht zurück, und Jahrhunderte später wurde aus dem verborgenen Geld ein archäologisches Zeugnis. Solche Funde verändern den Blick auf Geschichte. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Könige, Armeen und Verträge, sondern um einen Menschen, der in einer Zeit großer Unsicherheit um sein Eigentum fürchtete.

Auch die politische Landkarte veränderte sich. Anklam wurde zur Grenzstadt zwischen Schweden und Preußen. Pommern war ein Raum, in dem sich Herrschaftsgebiete verschoben und politische Grenzen neu gezogen wurden. Für die Menschen vor Ort bedeutete das Veränderungen, die weit über einen Eintrag in einer Landkarte hinausgingen. Das Museum macht diese wechselvolle Geschichte auf regionaler Ebene nachvollziehbar. Anklam steht dabei beispielhaft für eine Landschaft, deren Geschichte immer wieder von größeren europäischen Entwicklungen geprägt wurde.
Und dann kommt das 19. Jahrhundert. Die Welt wird schneller. Neue Verkehrswege verändern die Städte, technische Entwicklungen verändern das Leben. Was jahrhundertelang funktioniert hatte, wird plötzlich zum Hindernis. Stadtmauern verlieren ihre militärische Bedeutung, Tore werden für den Verkehr zu eng. In vielen Städten werden mittelalterliche Befestigungen abgerissen. Auch Anklam macht diese Erfahrung. Nur das Steintor bleibt. Vielleicht ist gerade das einer der Gründe, warum sein Besuch heute so eindrucksvoll ist: Es steht nicht als rekonstruierte Kulisse da. Es ist ein Überlebender städtebaulicher Veränderungen.
Das Museum führt schließlich in die dunkelsten Jahrzehnte der jüngeren Stadtgeschichte. Die Jahre von 1933 bis 1949 stehen für Nationalsozialismus, Krieg, Zerstörung und die politischen Umbrüche der Nachkriegszeit. Für Anklam bedeutete diese Zeit einen tiefen Einschnitt. Die Ausstellung zeigt, wie sich die großen Ereignisse des 20. Jahrhunderts auf die Stadt und ihre Bevölkerung auswirkten.
Damit schließt sich im Museum ein großer historischer Bogen. Von den ersten Siedlungen an der Peene bis zur modernen Stadt liegen viele Jahrhunderte. Herrschaftssysteme kamen und gingen, Handelswege veränderten sich, Kriege hinterließen Spuren, Grenzen wurden verschoben und Stadtbilder wandelten sich. Das Steintor blieb.

Seit 1989 befindet sich das Museum nun dort, wo die Geschichte selbst ihre Mauern hinterlassen hat. Und wer sich nach dem Museumsrundgang noch einmal vor dem Steintor umdreht, sieht das Gebäude mit anderen Augen. Die Öffnungen im Mauerwerk sind plötzlich keine zufälligen Details mehr. Der Staffelgiebel ist nicht nur ein dekoratives Element. Die dicken Backsteinmauern erzählen von Verteidigung, die Räume von Gefangenen, die Ausstellungen von Händlern, Soldaten, Handwerkern und Familien.
Das Peenetal liegt weit unter dem Turm. Die Dächer Anklams bilden ein Muster, Kirchen ragen aus dem Stadtbild, und hinter der Stadt beginnt die offene Landschaft Vorpommerns. Hier wird sichtbar, weshalb die Geschichte dieses Ortes ohne die Peene nicht zu verstehen ist. Für Besucher ist der Aufstieg deshalb Teil des Erlebnisses. Wer die 111 Stufen bewältigt, kann sich am Ende sogar in das Gipfelbuch eintragen, sofern er bereits 70 Jahre oder älter ist. Ein kleines Detail, das aus einem historischen Turm einen persönlichen Erinnerungsort macht. Wer nicht selbst hinaufsteigen kann oder möchte, muss dennoch nicht auf einen Blick ins Innere verzichten. Ein virtueller Rundgang macht die fünf Ausstellungsebenen digital zugänglich und ermöglicht eine barrierefreie Erkundung des Museums.
Auch die wechselnden Sonderausstellungen sorgen dafür, dass das Steintor mehr ist als eine Sammlung von Objekten aus vergangenen Jahrhunderten. Im Torwächterhaus werden unterschiedliche Themen präsentiert, während Veranstaltungen und Sonderausstellungen immer wieder neue Perspektiven auf die Region eröffnen. So ist das Museum im Steintor am Ende weder bloß ein Museum noch bloß ein mittelalterlicher Turm. Es ist eine Art begehbare Zeitschneise. (ea)




