Vergessene Stimmen: Das Schicksal der griechischen Juden im Holocaust

Während des Zweiten Weltkriegs erlebte Griechenland eine der dunkelsten Phasen seiner Geschichte. Die jüdische Bevölkerung, die seit der Antike ein integraler Bestandteil der griechischen Gesellschaft war, wurde nahezu vollständig ausgelöscht.
Von HB-Redakteurin Soula Dimitriou

Geschichte – Jüdische Gemeinden existierten in Griechenland seit vorchristlicher Zeit. Die ältesten jüdischen Gemeinden Europas wurden hier gegründet. Diese romaniotischen Juden verstanden sich, abgesehen von ihrer Religionsausübung, nicht als separate Gruppe, sondern als Bestandteil der Mehrheitsgesellschaft. Sie stellten zahlreiche Ärzte und Anwälte. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 kamen sephardische Juden hinzu, die mit Ladino auch eine eigene Sprache sprachen. Diese wohnten vornehmlich in Nordgriechenland und stellten in Thessaloniki bis ins 20. Jahrhundert auch eine große Anzahl der Bürger.

Im Griechisch-Italienischen Krieg wehrte sich Griechenland erfolgreich gegen eine italienische Invasion, bis die deutsche Wehrmacht eingriff und das Land endgültig am 21. April 1941 kapitulierte. Griechenland wurde daraufhin in Besatzungszonen aufgeteilt: Italien, Deutschland und Bulgarien teilten sich das Land. Die Regionen Saloniki-Ägäis, Athen-Piräus und der Westteil Kretas wurden der deutschen Militärverwaltung unterstellt. Bulgarien annektierte einen Landstreifen westlich des Strymon und besetzte Ostmazedonien sowie die Inseln Thasos und Samothrake.

Unter der deutschen Besatzung begann die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. In Thessaloniki, einst als „Jerusalem des Balkans“ bekannt, lebten vor dem Krieg etwa 50.000 Juden. Zwischen März und August 1943 wurden in 19 Güterzugtransporten 48.533 griechische Juden, hauptsächlich aus Thessaloniki, in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nur eine Minderheit der Deportierten wurde nach der Ankunft als Zwangsarbeiter für die umliegenden Fabriken „selektiert“ (insgesamt 11.200, davon 4.200 Frauen und 7.000 Männer) oder für Menschenversuche wie hunderte von Mädchen für Sterilisationsexperimente der SS-Ärzte ausgewählt. Alle anderen wurden direkt nach der Ankunft in den Gaskammern getötet und in den Krematorien verbrannt.

Trotz der brutalen Verfolgung gab es auch Beispiele von Mut und Menschlichkeit. In Karditsa, Katerini, Volos und besonders auf der Insel Zakynthos konnten viele Juden dank der Unterstützung der lokalen Bevölkerung und der Kirche gerettet werden. Der Bürgermeister von Zakynthos, Loukas Karrer, und der Metropolit Chrysostomos weigerten sich, den deutschen Besatzern Listen der jüdischen Einwohner zu übergeben, was vielen das Leben rettete.

Die wenigen Überlebenden kehrten in ein zerstörtes Land zurück, in dem ihre Gemeinden und Synagogen vernichtet waren. Der Wiederaufbau war mühsam, und viele entschieden sich zur Emigration. Erst Jahrzehnte später begann Griechenland, sich intensiv mit diesem Kapitel seiner Geschichte auseinanderzusetzen. 1977 wurde das Jüdische Museum Griechenlands in Athen gegründet, um die reiche Geschichte und das Erbe der griechischen Juden zu bewahren. In Thessaloniki, wo über 90 % der jüdischen Bevölkerung ermordet wurden, wurde 80 Jahre nach den Gräueltaten ein Holocaust-Museum errichtet. Dieses soll nicht nur an die Opfer erinnern, sondern auch als Bildungsstätte dienen, um zukünftige Generationen über die Schrecken des Holocausts aufzuklären.

Der Holocaust in Griechenland bleibt ein schmerzhaftes Kapitel der Geschichte, das oft im Schatten der Ereignisse in Mitteleuropa steht. Doch das Schicksal der griechischen Juden ist ein Mahnmal gegen das Vergessen. Von einer florierenden Gemeinde, die über Jahrhunderte hinweg das kulturelle Leben Griechenlands bereicherte, blieb nach dem Krieg nur ein Bruchteil übrig.

Heute erinnern Denkmäler, Museen und Gedenkveranstaltungen an die verlorenen Leben und die Zerstörung einer einzigartigen Kultur. Doch der wichtigste Beitrag zur Erinnerung ist die Bildung: Nur durch das Wissen über die Vergangenheit kann eine Zukunft ohne Antisemitismus und Hass gesichert werden. (sd)

„JUDEN UNERWUENSCHT“, Saloniki, Mai 1941 (Foto dem Atlantic Pressebilderdienst, der für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda arbeitete) – Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R99237, CC BY-SA 3.0 de, wikimedia.org

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert