Wo Athene über das Meer wacht – Griechische Spuren in der versunkenen Stadt Kamarina

Ein Blick auf die glanzvolle Vergangenheit Siziliens – und auf das griechische Erbe, das in Kamarinas Ruinen weiterlebt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Reisen – In der sanften Küstenlandschaft bei Scoglitti, wo das Licht des Mittelmeers auf die Erde fällt wie eine Erinnerung an ferne Zeiten, liegt ein Ort, der Geschichte atmet – Kamarina, eine antike Stadt, die einst von griechischem Geist und hellenistischer Kultur geprägt wurde. In den Ruinen der Stadt, die sich über drei Hügel zwischen den Flüssen Hipparis und Oanis erstreckt, begegnet man dem Echo einer Welt, die vor über zweieinhalbtausend Jahren begann.

Foto: I, LeZibou, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org

Gegründet im Jahr 599 v. Chr. von Kolonisten aus Syrakus, war Kamarina ein leuchtendes Beispiel der griechischen Expansionspolitik im westlichen Mittelmeer. Ihre Bürger verehrten die Wassernymphe Kamarina, die – wie auf Silbermünzen jener Zeit dargestellt – auf einem Schwan über den See Lacus Camarinensis reitet. In ihrer Geste vereinen sich Natur und Mythos, Symbol und Stadtgeschichte.

Doch Kamarinas Existenz war vom ständigen Wandel geprägt. Zwischen Zerstörung, Wiederaufbau und Fremdherrschaft schimmerte immer wieder der griechische Einfluss durch. Bereits 553 v. Chr. fiel die Stadt der Zerstörung durch ihre eigene Mutterstadt Syrakus zum Opfer, nur um kurze Zeit später durch den Tyrannen Hippokrates von Gela wiederaufgebaut zu werden.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. nahm Kamarina eine besondere Rolle ein: Als einzige dorische Stadt auf Sizilien verbündete sie sich während des Peloponnesischen Krieges mit Athen. In einer Zeit, in der sich das Mittelmeer zwischen Sparta und Athen aufspaltete, bekannte sich Kamarina zum Ideal der Demokratie. Doch der politische Kurs war wankelmütig – 413 v. Chr. schloss man sich erneut Syrakus an.

Spätestens ab 405 v. Chr. begann die Epoche des Niedergangs. Die Karthager verwüsteten das Umland, doch selbst in dieser Zeit blieb das griechische Stadtbild erhalten. Unter Timoleon, der 339 v. Chr. Kolonisten in die Stadt brachte, erlebte Kamarina einen letzten Wiederaufstieg.

Im Jahr 255 v. Chr. erlebte Kamarina eines der größten Marineunglücke der Antike. Eine römische Flotte geriet in einen Sturm – nahezu 300 von 400 Schiffen versanken, und 100.000 römische Soldaten fanden vor der Küste den Tod. Kamarina war Schauplatz eines Dramas, das in römischen und griechischen Quellen gleichermaßen Niederschlag fand. Nur wenige Jahre später, 258 v. Chr., wurde die Stadt von den Römern endgültig zerstört. Der letzte Akt griechischer Präsenz war beendet, die Bevölkerung versklavt.

Heute geben die Ausgrabungen faszinierende Einblicke in das Leben der antiken Griechen auf Sizilien. Der Athene-Tempel, erbaut im 5. Jahrhundert v. Chr., thront noch als Fragment über dem Land. In den Agora-Ruinen zeugen Statuetten der Demeter und Kultstätten für Zeus und Hermes vom spirituellen Kosmos der Stadt. Besonders eindrucksvoll sind die Amphoren im heutigen Museum – sie stammen aus allen Winkeln der griechischen Welt: Korinth, Attika, Chios, Lakonien – ein Netzwerk hellenischer Kultur, konserviert im sizilianischen Boden.

Die epigraphischen Funde, insbesondere Bürgertäfelchen, erzählen vom sozialen und politischen Gefüge der Polis. Und Pindars vierte und fünfte Olympische Ode preisen den Fluss Hipparis, der die Stadt nicht nur versorgte, sondern auch spirituell durchströmte.

Was bleibt von Kamarina, ist mehr als Stein und Asche. Es ist das Wissen, dass die griechische Welt nicht an den Küsten Attikas endete, sondern weit ins Herz des Mittelmeers reichte. Kamarina war – und ist – Teil dieses Erbes. Wer durch die staubigen Straßen der antiken Stadt wandert, hört vielleicht das Flüstern der Wassernymphe, sieht die Umrisse des Athene-Tempels im flirrenden Licht und erkennt: Hier wurde griechische Geschichte nicht nur geschrieben, sondern gelebt. (sk)

Foto: I, LeZibou, CC BY-SA 3.0, wikimedia.org