Es war ein Moment, in dem sich Vergangenheit und Zukunft des Kinos beinahe symbolisch berührten: Ein Dokumentarfilm – gedreht lange vor dem Zeitalter digitaler Inklusionsdebatten – wurde am Wochenende zum Mittelpunkt eines der innovativsten Experimente, das das griechische Filmwesen bislang im Bereich Barrierefreiheit gewagt hat.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Kunst & Kultur – Beim Thessaloniki Documentary Festival, das in diesem Jahr seine 28. Ausgabe feiert, erlebte der vielfach ausgezeichnete Film „Hercules, Achelous and My Grandmother“ aus dem Jahr 1997 eine besondere Wiederaufführung. Regisseur Dimitris Koutsiabasakos hatte sein Werk vor fast drei Jahrzehnten gedreht – damals als poetische, zugleich nachdenkliche Reflexion über Natur, Erinnerung und Herkunft. Nun kehrte der Film zurück auf die große Leinwand, diesmal unter Bedingungen, die das Kinoerlebnis für ein deutlich breiteres Publikum zugänglich machen sollen.
Denn die Vorführung war mehr als eine nostalgische Hommage. Sie markierte eine Premiere: Erstmals wurde in Griechenland ein Dokumentarfilm mit speziell entwickelten Piktogrammen für neurodiverse Zuschauerinnen und Zuschauer gezeigt.

Das Festival verfolgt seit Jahren das Ziel, Barrieren im Kino abzubauen. In diesem Jahr jedoch wurde das Konzept deutlich erweitert. Neben bereits etablierten Maßnahmen für Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen wurde das Angebot erstmals gezielt auf neurodiverse Menschen ausgedehnt – insbesondere auf Zuschauer aus dem Autismus-Spektrum.
Der Kinosaal war dafür bewusst anders vorbereitet als bei einer gewöhnlichen Vorstellung. Die Lautstärke wurde reduziert, das Licht im Saal blieb gedämpft eingeschaltet, um sensorische Überreizung zu vermeiden. Noch entscheidender aber war eine technische Neuerung: filmische Piktogramme, die den Film visuell begleiten.
Diese sogenannten FilmpiX übersetzen narrative und emotionale Elemente des Films in einfache grafische Zeichen. Sie helfen dabei, Handlungsschritte und Stimmungen zu verstehen, ohne dass komplexe Dialoge oder implizite Bedeutungen entschlüsselt werden müssen.
Die Entwicklung dieses Systems war aufwendig – und ungewöhnlich.
Der Experte für Barrierefreiheit Thanasis Papantonopoulos von der sozialen Organisation IRIS ACCESS ΚοινΣΕΠ erklärte dem Publikum vor Beginn der Vorführung, wie viel Arbeit hinter dem Projekt steckt. Anders als bei vielen Assistenzsystemen stammen die Piktogramme nicht aus einer standardisierten Datenbank. Sie wurden speziell für diesen Film entworfen. Dazu analysierte ein Team jede einzelne Szene des Dokumentarfilms. Aus dieser detaillierten Analyse entstanden rund 500 grafische Bilder, die in direktem Bezug zu den jeweiligen Filmsequenzen stehen.
„Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass diese Piktogramme nicht nur Informationen liefern“, erläuterte Papantonopoulos. „Sie geben auch Erklärungen – besonders für neurodiverse Menschen, denen es manchmal schwerfällt, implizite Zusammenhänge zu erkennen.“ Das Ergebnis ist eine visuelle Begleitebene, die die narrative Struktur des Films klarer macht, ohne seine künstlerische Wirkung zu zerstören.
Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte der künstlerische Leiter des Festivals, Orestis Andreadakis, das Publikum und unterstrich die Bedeutung der Initiative. Die barrierefreie Vorführung, erklärte er, sei Teil einer umfassenderen Strategie des Festivals, möglichst viele Menschen am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Er dankte insbesondere der Barrierefreiheitsexpertin Emmanuela Patiniotaki, die das Festival bei der Umsetzung entsprechender Programme unterstützt, sowie Papantonopoulos für die Entwicklung der neuen visuellen Ergänzungen für neurodiverse Zuschauer. Ermöglicht wurde das Projekt durch die Unterstützung der Alpha Bank, die als offizieller Sponsor für Barrierefreiheit des Festivals auftritt.
Für Regisseur Dimitris Koutsiabasakos selbst war die Vorführung ein emotionaler Moment. Als er die Bühne betrat, erinnerte er daran, wie lange die Entstehung des Films bereits zurückliegt. „Die Dreharbeiten liegen fast dreißig Jahre zurück“, sagte er sichtbar bewegt. „Es ist eine große Ehre und ein großer Stolz, dass der Film heute in diesem Kontext gezeigt wird.“ Der Dokumentarfilm verbindet persönliche Erinnerung mit einer universellen Geschichte über den Menschen und die Natur. Gedreht wurde er unter anderem im Dorf Armatoliko, einem Ort, der auch für spätere Arbeiten des Regisseurs eine wichtige Rolle spielen sollte. Während der anschließenden Diskussion erzählte Koutsiabasakos, wie stark Herkunftsorte das Verständnis der Gegenwart prägen können. Orte wie Armatoliko, so seine Überzeugung, spiegelten gesellschaftliche Entwicklungen oft deutlicher wider als große Städte.
Ein Teil des Films besteht aus eindrucksvollem Schwarz-Weiß-Material, das auf den ersten Blick wie klassische Dokumentaraufnahmen wirkt. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Archivbilder einer Naturkatastrophe. Der Regisseur berichtete, dass er dieses Material zufällig in einem Fernsehsender in der Stadt Arta entdeckt habe. Die Aufnahmen zeigen massive Schäden an Infrastruktur und Eigentum – glücklicherweise ohne Todesopfer. Koutsiabasakos integrierte diese Bilder bewusst in seine Erzählung, um den ewigen Konflikt zwischen menschlicher Zivilisation und Naturgewalten sichtbar zu machen. Auch drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung wirkt die ökologische Botschaft des Films erstaunlich aktuell – ein Punkt, den viele Zuschauer in der Diskussion hervorhoben.
Doch der Film ist nicht nur eine Betrachtung über Natur und Landschaft. Im Zentrum steht auch eine zutiefst persönliche Figur: die Großmutter des Regisseurs. Während der Dreharbeiten war sie bereits 87 Jahre alt. Für den jungen Filmemacher, der kurz vor dem Abschluss seines Studiums stand, bedeutete dies eine enorme emotionale Spannung. Er fürchtete, die Zeit könne nicht reichen, um ihre Geschichte festzuhalten. Doch das Leben schrieb eine andere Geschichte.
„Meine Großmutter wurde hundert Jahre alt“, erzählte Koutsiabasakos dem Publikum. „Sie konnte den Film später bei einer sehr bewegenden Vorführung in Trikala sehen. Viele Menschen waren gekommen. Sie war tief berührt.“ Als der Regisseur diese Erinnerung teilte, brach im Saal spontaner Applaus aus.
Die Vorführung war Teil eines umfassenderen Programms des Festivals, das auch andere Formen der Zugänglichkeit umfasst. So wurde das Programmheft des Festivals erstmals auch in Braille-Schrift gedruckt. Diese Ausgabe entstand in Zusammenarbeit mit dem Center for Education and Rehabilitation of the Blind (KEAT), einer zentralen Institution für Bildung und Unterstützung sehbehinderter Menschen in Griechenland. Zusätzlich wurden spezielle Untertitel für barrierefreies Kino eingesetzt, erstellt von der Organisation ATLAS EP.
Warum gerade dieser Film für das Experiment ausgewählt wurde, erklärte Papantonopoulos später noch einmal ausführlicher. Die Erzählstruktur des Dokumentarfilms sei besonders geeignet gewesen, um die neue Methode der narrativen „Dekodierung“ zu testen. Seine ruhige, klare Dramaturgie mache ihn zu einem idealen Ausgangspunkt für die Entwicklung visueller Begleitsysteme. Ob ähnliche Formate künftig häufiger eingesetzt werden, bleibt abzuwarten. Doch die Resonanz im Publikum deutete darauf hin, dass das Projekt mehr ist als ein einmaliger Versuch. Vielleicht war es sogar ein leiser Wendepunkt – ein Moment, in dem das Kino begann, seine Sprache neu zu denken. Denn wenn ein Film über Flüsse, Dörfer und Großmütter plötzlich auch zu Menschen spricht, die bislang nur schwer Zugang zum Kino fanden, dann verändert sich etwas Grundsätzliches. Oder, um es mit einem Bild aus dem Film zu sagen: Manchmal reicht ein neuer Blick auf alte Bilder, um eine ganz neue Geschichte zu erzählen. (mv)





