Per Knopfdruck ins Meer: Griechenlands Strände werden barrierefrei

Wer an einem heißen Sommertag an einem griechischen Strand ankommt, erwartet Sonne, Sand und das glitzernde Meer. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität bedeutete der Weg ins Wasser jedoch lange Zeit eine kaum überwindbare Hürde. Inzwischen setzt Griechenland an immer mehr Küstenabschnitten auf technische Lösungen, die selbstständige Badeerlebnisse ermöglichen. Mehr als 250 Strände im ganzen Land sind mittlerweile mit dem sogenannten Seatrac-System ausgestattet.
Von HB-Redakteur Vangelis Makis

Aktuell/Reisen – Die Konstruktion wirkt auf den ersten Blick unscheinbar: Ein Sitz bewegt sich auf einer schmalen Schiene langsam vom Strand ins Meer. Doch für Menschen im Rollstuhl, ältere Badegäste oder Personen mit anderen Mobilitätseinschränkungen eröffnet die Anlage neue Möglichkeiten. Über eine wasserdichte Fernbedienung können Nutzer den Sitz eigenständig steuern und sich ohne fremde Hilfe ins Wasser und wieder zurück transportieren lassen. Die Nutzung des Systems ist kostenlos.

Der Zugang beginnt bereits an Land. Feste Holzstege und spezielle Strandmatten führen vom Parkplatz bis zur Anlage und erleichtern das Überqueren von Sand oder Kies. Am Seatrac angekommen, wechseln die Nutzer vom eigenen Rollstuhl auf den solarbetriebenen Sitz. Anschließend gleitet dieser auf einer Schienenkonstruktion langsam ins Meer. Nach dem Baden bringt dieselbe Technik die Gäste wieder sicher an den Strand zurück.

Foto: Hellas-Bote

An vielen der ausgestatteten Strände endet die Barrierefreiheit nicht am Wasserrand. Häufig stehen zusätzlich reservierte Parkplätze, rollstuhlgerechte Toiletten, spezielle Umkleidekabinen sowie Duschen zur Verfügung, damit sich Badegäste nach dem Aufenthalt im Meer reinigen können. Welche Einrichtungen an den einzelnen Standorten vorhanden sind und ob die Anlagen aktuell betriebsbereit sind, lässt sich vorab über die Beach Map von Seatrac überprüfen, die sämtliche Standorte in Griechenland auflistet.

Entwickelt wurde das System von der Universität Patras. Die Installation übernahm das regionale Bauunternehmen Tobea. Die Anlagen gelten als vergleichsweise naturverträglich, da sie ohne umfangreiche Eingriffe in die Küstenlandschaft auskommen. Ihren Strom beziehen sie über Solarzellen, wodurch sie autark betrieben werden können. Nach dem Ende der Badesaison werden die Systeme wieder abgebaut und im folgenden Jahr erneut installiert.

Der Ausbau der barrierefreien Infrastruktur ist Teil eines umfassenderen Wandels im Land. Über viele Jahrzehnte hinweg spielte Barrierefreiheit in Griechenland nur eine untergeordnete Rolle. Vor allem Menschen im Rollstuhl waren im oft steilen und unebenen Gelände vieler Städte und Inseln auf Hilfe angewiesen. Seit den Olympischen Spielen 2004 in Athen hat jedoch ein Umdenken eingesetzt. Schritt für Schritt wurden öffentliche Einrichtungen und touristische Angebote stärker auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen ausgerichtet.

Nicht jede Maßnahme blieb dabei unumstritten. So sorgte die Befestigung einiger Wege auf der Akropolis mit Beton für heftige Diskussionen unter Archäologen und Denkmalschützern. Die Verantwortlichen verteidigten den Eingriff damals mit dem Hinweis, dass auch Menschen mit Handicap die Möglichkeit haben müssten, die weltberühmten Monumente aus nächster Nähe zu erleben.

Die Seatrac-Anlagen gelten inzwischen als eines der sichtbarsten Beispiele dieser Entwicklung. Das millionenschwere Projekt wurde auch mit Mitteln der Europäischen Union gefördert und hat Griechenland zu einem der Vorreiter beim barrierefreien Zugang zum Meer gemacht. Für viele Betroffene bedeutet das vor allem eines: ein Stück Unabhängigkeit zurückzugewinnen … dort, wo Urlaub und Lebensfreude unmittelbar aufeinandertreffen. (mav)

Foto: Hellas-Bote