Fast acht Jahrzehnte nach einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Besatzung Griechenlands tauchen plötzlich bislang unbekannte Bilder auf, die das Schicksal von etwa 200 Widerstandskämpfern dokumentieren.
Von HB-Redakteurin Ebru Atman
Aktuell – Auf einer internationalen Online-Auktionsplattform waren Mitte Februar zwölf vergilbte Fotografien zum Verkauf angeboten worden. Sie zeigen Männer, die in den letzten Stunden ihres Lebens in Richtung Exekutionsplatz marschieren, ihre Gesichtszüge eingefroren in einem Moment, der die Grausamkeit der Besatzung dokumentiert. Kurze Zeit nach dem Aufkommen der Auktion verschwanden die Bilder wieder; das griechische Kulturministerium hat sie mittlerweile erworben, um sie als nationales Kulturerbe zu sichern.

Die Fotos, die einem Archiv des deutschen Wehrmacht-Offiziers Hermann Hoyer entstammen, stammen aus den Jahren 1943 und 1944 und dokumentieren das Leben, die Gefangennahme und schließlich die Ermordung griechischer Partisanen in dieser Zeit. Insgesamt umfasst das Archiv mehr als 260 Fotografien, ergänzt durch Dokumente und alte Banknoten, die nun offiziell dem griechischen Staat gehören. Experten bestätigen die Authentizität der Aufnahmen, und Historiker sehen in der Sammlung eine bisher fehlende visuelle Ergänzung zu den bekannten Berichten über das Massaker von Kaisariani nahe Athen.
Am 1. Mai 1944 wurden hier etwa 200 Männer, Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung, erschossen; eine der blutigsten Vergeltungsmaßnahmen während des Zweiten Weltkriegs in Griechenland. Bisher waren die Ereignisse fast ausschließlich durch schriftliche Berichte, Tagebücher und Augenzeugen geschildert. Nun liegen erstmals Fotografien vor, die den Moment unmittelbar vor der Exekution festhalten: Die Männer auf dem Marsch, vor der Schießwand, in einem letzten, stillen Augenblick ihres Lebens. „Diese Bilder sind ein Zeugnis des Ethos und des Patriotismus der hingerichteten Griechen“, erklärte Lina Mendoni, die griechische Kulturministerin, nachdem die Übertragung der Sammlung abgeschlossen war.
Die schnelle Reaktion des Kulturministeriums zeigt den hohen Stellenwert, den Griechenland dieser historischen Quelle beimisst. Innerhalb weniger Tage mussten die Echtheit der Fotos dokumentiert, ihre Herkunft nachgewiesen, Verhandlungen mit dem belgischen Sammler geführt und die formale Überführung der Sammlung organisiert werden. In einer offiziellen Erklärung dankte Mendoni allen beteiligten Beamten und externen Partnern für ihren Einsatz. Die Sammlung umfasst neben den zwölf auf Ebay entdeckten Fotos insgesamt 262 Aufnahmen, 16 Dokumente und vier alte Banknoten.
Historiker und Journalisten betonen den einzigartigen Charakter des Fundes. Die Auktion auf Ebay hatte zunächst für internationales Aufsehen gesorgt. Einzelne der zwölf Fotos erzielten rasch Gebote von bis zu 2000 US-Dollar. Die Möglichkeit, ein so sensibles Zeugnis der Geschichte privat zu erwerben, rief in Griechenland heftige Reaktionen hervor. Die nun abgeschlossene Eigentumsübertragung bedeutet einen wichtigen Schritt für die Aufarbeitung der deutschen Besatzungszeit in Griechenland. Die Fotografien ermöglichen Historikern, Journalisten und der interessierten Öffentlichkeit einen bislang nicht verfügbaren Einblick in das Leben, den Widerstand und das tragische Ende der Opfer. Sie ergänzen die schriftlichen Zeugnisse und eröffnen neue Perspektiven auf den Widerstand gegen die Besatzung, die kollektive Erinnerung und die Aufarbeitung des Krieges. (ea)





