Analyse literarischer Fähigkeiten im Kontext moderner Herausforderungen

In einer sich rasant transformierenden Gesellschaft, werden fortschrittliche Technologien wie Digitalisierung und künstliche Intelligenz einen großen Einfluss auf die Arbeitswelt der Zukunft haben. Die aus der Spezialisierung resultierende Fragmentierung des Wissens hat zur Entwicklung unterschiedlicher akademischer Disziplinen geführt.
Von Michalis Patentalis / Dipl. für Europäische Kultur

Literatur – Diese eindimensionale Spezialisierung des wissenschaftlichen Wissens hat das Studium vom Arbeitsmarkt abgekoppelt, der heute aber mehrdimensional ist. Der Mensch von heute ist dringend aufgefordert, flexibel auf die „Wirtschaftsreformen“ zu reagieren. Er läuft ständig in Gefahr, beruflich und sozial an den Rand gedrängt zu werden, wenn er sich nicht an die Entwicklungen der Zeit anpasst. Zukünftige Hochschulabsolvent*innen benötigen daher entsprechende Future Skills, „Kompetenzen, die es Individuen erlauben, in hochemergenten Handlungskontexten selbstorganisiert komplexe Probleme zu lösen und (erfolgreich) handlungsfähig zu sein. Sie basieren auf kognitiven, motivationalen, volitionalen sowie sozialen Ressourcen, sind wertebasiert, und können in einem Lernprozess angeeignet werden“ (Ehlers 2020, S. 57). Diese Kompetenzen sind notwendig, um über das vorhandene Fachwissen hinauszugehen, das allein nicht mehr ausreicht, um den Anforderungen des Berufslebens gerecht zu werden.

Die Frage, ob diese These auch für die Kultur bzw. die Welt der Literatur gilt, ist von entscheidender Bedeutung. Lange Zeit wurden Kultur und Literatur als Einführung in eine hohe Geisteskunst verstanden, die angeblich nichts mit der Welt der Technik zu tun haben kann. Diese Auffassung hat zu einer unfruchtbaren Konfrontation zwischen Kunst und Technik geführt, wobei die Technik als technokratisch, utilitaristisch und von vergänglichem Wert angesehen wurde, der nicht mit dem ewigen Wert klassischer Texte und Kunstwerke verglichen werden kann. Es ist jedoch wichtig, diese Dichotomie zu überwinden und anzuerkennen, dass die Kultur und somit auch die Literatur in der Lage sind, sich in einer sich wandelnden Gesellschaft zu positionieren. In der Vergangenheit gab es in der europäischen Zivilisation mehrere Momente, in denen Wissenschaften und Kultur interagierten. Typische Beispiele waren die griechischen Naturphilosophen, wie Empedokles, und die Universalhumanisten der Renaissance, wie Da Vinci. Diese großen Gelehrten waren oft zugleich auch Geodäten, Astronomen, Naturhistoriker und Dichter. Es war der amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe, der in seinem Gedicht „Eureka“ erstmals eine befriedigende wissenschaftliche Erklärung für den schwarzen Nachthimmel lieferte und damit die entsprechenden Entdeckungen des 20. Jahrhundert vorhersagte.

Die Begegnung mit der Interdisziplinarität der verschiedenen kulturellen und wissenschaftlichen Disziplinen über die Zeiten hinweg, ermöglicht es uns, die modernen Konzepte von Kultur und Kreativität neu zu definieren. So wird unter Kultur heute nicht mehr die Summe von Werken der Hochkunst verstanden, sondern ein sich ständig wandelndes System von kommunikativen Beziehungen, Werten und Lebenspraktiken. In diesem Sinne ist Literatur weniger eine Einführung in die hohe Kunst oder eine Aneignung des kulturellen Erbes als vielmehr „eine Erziehung zur zeitgenössischen Kultur“ (Paschalidis 1999). Sie reflektiert häufig das, was im Geist der Zeit diffus vorhanden ist. Sie fungiert als wirksames Vehikel für angehende Schriftsteller, auch im universitären Kontext, um eine tiefere Integration in die zeitgenössische Kultur zu erreichen. Sie ermöglicht es den Studierenden, nicht nur mit den aktuellen Herausforderungen ihrer Zeit in Kontakt zu kommen, sondern auch die angewandten Medien und Kommunikationscodes zu beherrschen. Vor allem bietet die Literatur den Raum für eine kritische und kreative Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Kultur, die es den Lesern und Studenten ermöglicht, sich von passiven Konsumenten zu aktiven Produzenten kultureller Inhalte zu entwickeln.

Exemplarische Zukunftskompetenzen in der Literatur
Literatur und Digitalisierung

Zweifellos leben wir in einer Ära, in der das Schreiben und Lesen von Literatur stark von den neuesten Technologien beeinflusst wird. Das digitale Zeitalter bringt eine frische Art des Lesens mit sich, begleitet von neuen Gewohnheiten und Praktiken, die einen dynamischen Wandel mit sich bringen. Diese moderne Lesekultur entwickelt sich kontinuierlich weiter und prägt die Art und Weise, wie Texte täglich produziert, ausgetauscht, erlebt, verbreitet und rezipiert werden. Diese Transformation hat tiefgreifende Auswirkungen auf den kulturellen und literarischen Bereich und schafft eine völlig neue Realität für die Schaffung und den Ausdruck von Inhalten. Das Internet beherbergt verschiedene Gemeinschaften von Lesern, die ihre Leseerfahrungen austauschen, gemeinsam Geschichten schreiben, ihre Texte veröffentlichen und kritisieren. Es handelt sich um Online-Leseclubs, Foren, persönliche oder kollektive Blogs. Zusammen bilden sie einen neuen digitalen sozialen Raum für literarisches Lesen und Schreiben. Das Internet ist ein Raum mit spezifischen Merkmalen, zum Beispiel der Pseudo-anonymität der Teilnehmer an Online-Diskussionen. Diese Eigenschaft gibt jedem Leser und Autor das Recht, ohne die mächtigen Institutionen der Literaturkritik und der akademischen Literaturwissenschaft mit anderen zu kommunizieren.

e-books

Wenn wir von „E-Books” sprechen, beziehen wir uns auf die digitalisierte Form von literarischen Originalbüchern, ob alt oder modern, die über das Internet erworben und auf Computern oder digitalen Lesegeräten gelesen werden können. E-Books sind in erster Linie kommerzielle Produkte, die den Buchmarkt verändern und das Potenzial haben, die Lesegewohnheiten der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Sie ermöglichen einen einfachen und kostengünstigen Zugang zu einer unbegrenzten Anzahl von Büchern. Ein großer Vorteil von E-Books ist ihre Umweltfreundlichkeit: Sie benötigen weder Papier noch Tinte, und die Transportkosten sind im Vergleich zu gedruckten Büchern gering. Natürlich können die niedrigen Produktions- und Vertriebskosten zu Arbeitsplatzverlusten im Verlagswesen führen, und es besteht die Gefahr von Urheberrechtsverletzungen.

digital storytelling

Der Begriff “Digital Storytelling” bezieht sich auf kurze digitale Filme, die von gewöhnlichen Menschen erstellt werden, um ihre eigenen Lebensgeschichten oder Fantasiegeschichten mit anderen zu teilen. Diese Praxis hat sich in den letzten Jahren stark verbreitet. Die Werkzeuge zur Erstellung digitaler Geschichten sind einfach zu bedienen und auf jedem Computer verfügbar. Digitale Geschichten haben eine starke Wirkung und können für pädagogische, soziale, politische und sogar therapeutische Zwecke eingesetzt werden. Ähnlich wie traditionelle Geschichten konzentrieren sich digitale Geschichten auf bestimmte Themen, die aus einem individuellen Blickwinkel erzählt werden. Die Erzählung erfolgt häufig in der ersten Person mit der Stimme des Autors selbst. Die Themen können von persönlichen Erlebnissen bis hin zur Schilderung historischer Ereignisse, lokaler Gemeinschaftsprobleme oder sogar Weltraumforschung reichen. Besonders bemerkenswert ist der soziale Nutzen des digitalen Geschichtenerzählens. Solche Geschichten können Menschenrechtsverletzungen aufdecken, Einwandererporträts zeichnen oder anderen Mut machen, indem sie von Heilung und Überwindung berichten.

Künstliche Intelligenz

In den letzten Jahren hat sich die künstliche Intelligenz (KI) im Internet rasant entwickelt. Künstliche Intelligenz ermöglicht es Maschinen, ihre Umgebung zu „verstehen“, indem sie menschliche kognitive Funktionen, wie Lernen, Planung und Kreativität, nachahmen, ihr Verhalten anpassen, die Folgen früherer Handlungen analysieren und Probleme selbstständig lösen. Diese Entwicklung wird von vielen als potenzielle Bedrohung für das traditionelle literarische Schreiben wahrgenommen. Die Literatur, die seit Jahrhunderten ein Produkt menschlicher Vorstellungskraft und Kreativität ist, könnte durch die Entwicklung der KI-Technologie beeinflusst werden.

Die Befürchtung, dass Maschinen in der Lage sein könnten, Fiktion eigenständig zu analysieren und zu konstruieren, hat die literarische Welt erfasst. Es ist jedoch wichtig anzuerkennen, dass der technologische Fortschritt schon immer eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des geschriebenen Wortes und der Künste im Allgemeinen gespielt hat. Die Technologie hat die Literatur nicht nur beeinflusst, sondern auch bereichert und neue Möglichkeiten eröffnet. Die Rezension, die Chronik und alle Varianten des journalistischen Wortes sind entstanden, weil die Entdeckung der Typographie dies ermöglichte.
Aber auch die Fotografie hat die Malerei nicht abgeschafft, im Gegenteil, sie hat die Entstehung der Visual Art begünstigt, die ihrerseits nunmehr zu den bildenden Künsten zählt. Auch das Kino hat das Theater nicht ausgelöscht, und das Fernsehen hat das Kino nicht ersetzt.

Die Befürchtung, dass verschiedene Softwareprogramme ihre Schöpfer ersetzen könnten, erscheint daher zumindest mittelfristig übertrieben. Diejenigen, die voraussagen, dass KI Bücher schreiben und Drehbücher trainieren wird, könnten Recht haben, und dies wird dazu beitragen, dass neue Meisterwerke schneller entstehen und unangefochtene Anerkennung finden. Vielleicht brauchen wir gar keine neuen Meisterwerke. Sophokles, Shakespeare, Dostojewski, Allan Poe, haben genug geschrieben. Um die Kompetenzen für die Zukunft zu stärken, ist es unerlässlich, dass die Studierenden nicht nur lernen, wie sie den Herausforderungen der Zukunft begegnen können, sondern auch, dass sie auch eine ausgeprägte Neugier entwickeln. Sie sollten auch in der Lage sein, ihre Vorstellungskraft zu nutzen, um Visionen zu entwickeln. Darüber hinaus ist es wichtig, dass sie über ein hohes Maß an Resilienz und ein Selbstbewusstsein verfügen. Sie müssen in der Lage sein, eigenständig zu handeln und gleichzeitig die Ideen, Perspektiven und Werte anderer zu verstehen und zu respektieren. Darüber hinaus müssen sie in der Lage sein, Fehler und Rückschläge zu akzeptieren und dennoch beharrlich und achtsam voranzuschreiten, auch wenn sie dabei auf Schwierigkeiten stoßen.

Βιβλιογραφία

Bolter, David Jay. (2006).
Οι μεταμορφώσεις της γραφής: Υπολογιστές, υπερκείμενο και αναμορφώσεις της τυπογραφίας.
Μετάφραση Δημήτρης Ντούνας. Αθήνα: Μεταίχμιο. (Πρωτότυπη έκδοση: The Transformation of Writing: Computers, Hypertext, and the Reformation of Typography.)

Ehlers, Ulf-Daniel. (2020).
Future Skills. Lernen der Zukunft – Hochschule der Zukunft. Wiesbaden: Springer VS. (Ελληνική απόδοση τίτλου: Δεξιότητες του μέλλοντος. Η μάθηση του μέλλοντος – Το πανεπιστήμιο του μέλλοντος.)

Πασχαλίδης, Γρηγόρης. (1999).
«Γενικές αρχές ενός νέου προγράμματος για τη διδασκαλία της λογοτεχνίας». Στο Βενετία Αποστολίδου και Ελένη Χοντολίδου (επιμ.), Λογοτεχνία και Εκπαίδευση, σσ. 319–333. Αθήνα: Τυπωθήτω Γ. Δαρδανός. (Γερμανική έκδοση: Paschalidis, Grigoris. (1999). Allgemeine Grundsätze eines neuen Programms für den Literaturunterricht, in Venetia Apostolidou & Eleni Chondolidou (Hg.), Literatur und Bildung. Athen: Typotheto G. Dardanos, 319–333.)


Quelle: Die „LOGOGRAPHIA“ ist seit 2018 die offizielle Zeitschrift der Gesellschaft Griechischer Autor:innen in Deutschland e.V. (GGAD). Das Literaturmagazin erscheint unregelmäßig und stellt Autorinnen und Autoren vor, die mit der griechischen und deutschen Sprache experimentieren, trotz schwieriger Zeiten schreiben und literarische Brücken zwischen Deutschland und Griechenland schlagen. Zugleich versteht sich die „LOGOGRAPHIA“ als gemeinschaftliche Plattform für neue Stimmen, Ideen und literarische Impulse.

Die GGAD wurde im Dezember 2006 gegründet, um einen offenen Raum für alle zu schaffen, die sich mit der Literatur von Griechen in Deutschland beschäftigen oder sie fördern möchten. Zu ihren Mitgliedern zählen Schriftsteller:innen, Übersetzer:innen, Essayist:innen, Journalist:innen, Kritiker:innen sowie Lehrende und Wissenschaftler:innen. Sie engagieren sich für den Austausch und die Verbreitung griechischer und deutscher Literatur im deutschsprachigen Raum. Weitere Informationen unter: www.ggad.info. (opm)

Foto: Kohji Asakawa/Pixabay