Manchmal braucht es einen weiten Horizont, um die eigene Heimat besser zu sehen. Nikolaus Gysis, geboren am 1. März 1842 in Sklavochori auf der griechischen Insel Tinos, trug das Licht Griechenlands in sich, selbst als er die meiste Zeit seines Lebens in München verbrachte.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman
Kunst & Kultur – Sein Weg führte ihn von den staubigen Straßen einer kleinen Insel im Ägäischen Meer zu den glanzvollen Hallen der Münchener Akademie der Bildenden Künste, wo er nicht nur lernte, sondern selbst Lehrer und Mentor für die nächste Generation wurde.
Als Sohn eines Zimmermanns wuchs Gysis in einem Umfeld auf, das handwerkliches Geschick und Kreativität vereinte. Schon in der Volksschule zeigte sich seine Liebe zum Zeichnen, und trotz seines jungen Alters überzeugte seine Mutter gemeinsam mit der Nachbarschaft den Vater, den talentierten Jungen auf die Polytechnische Schule Athens zu schicken. Dort begann ein intensives Studium bei namhaften Lehrern wie Philippos Margaritis, Georgios Margaritis, Agathangelos Triantaphyllou und Ludwig Thiersch. Ein Stipendium des Evangelistria-Klosters auf Tinos ermöglichte ihm 1865 schließlich den großen Schritt nach München – eine Stadt, die damals als Zentrum europäischer Kunst neben Paris galt.
Die Akademie der Bildenden Künste in München öffnete Gysis Türen zu einer neuen Welt. Unter Hermann Anschütz erlernte er die klassischen Techniken, bevor er 1868 in das Meisteratelier von Karl von Piloty aufgenommen wurde, wo er drei Jahre lang studierte und seine künstlerische Handschrift verfeinerte. Während dieser Zeit beeinflusste ihn der Besuch von Gustave Courbet 1869 nachhaltig, dessen realistische Darstellungskraft die Münchener Kunstszene elektrisierte.
Gysis kehrte 1872 kurz nach Griechenland zurück, wo er bereits als gefeierter Künstler empfing. Eine Reise durch Kleinasien mit Nikiphoros Lytras folgte, doch München blieb seine Wahlheimat. In der bayerischen Metropole entwickelte er nicht nur seine Technik weiter, sondern knüpfte auch enge Freundschaften, etwa mit Franz von Defregger, mit dem er gemeinsam reiste und arbeitete.
Die 1870er Jahre brachten nicht nur künstlerischen Erfolg, sondern auch das Familienglück: 1877 heiratete er Artemis Nasos, die ihm fünf Kinder schenkte, obwohl das Leben ihm auch früh Verlust und Trauer bescherte. Der Tod von Kindern und Eltern prägte die menschliche Seite des Malers, die sich oft in seinen einfühlsamen Porträts und Genrebildern widerspiegelt.
Sein Schaffen war vielseitig. Gysis widmete sich Genremalerei, Stillleben, Porträts, mythologischen, historischen und religiösen Themen. Er illustrierte Bücher, schuf Karikaturen, Tonstatuetten und Reliefs und entwarf Plakate. Berühmt wurde er besonders durch „Die geheime Schule“ (1885/86), ein Werk, das in Griechenland zum Symbol nationaler Identität avancierte. Es zeigt Schüler, die heimlich unterrichtet werden – eine Hommage an die Klöster, die während der osmanischen Besatzung griechisches Wissen bewahrten. Ein anderes bekanntes Werk ist „Alter Bauer“ von 1883, das den schelmischen Charme eines oberbayerischen Alten einfängt und auf der Leipziger Jahresausstellung für 1.600 Reichsmark verkauft wurde – ein beachtlicher Preis für die damalige Zeit.
Sein Ruhm wuchs, internationale Ausstellungen und Verkäufe nach England, in die USA und nach Griechenland machten ihn zu einem der prominentesten Genremaler der Münchener Schule. 1878 wurde er zum Professor an der Akademie berufen, ab 1888 „ordentlicher Akademieprofessor“, und unterrichtete eine ganze Generation von Künstlern, darunter Georgios Jakobides, Ernst Oppler und Fritz Osswald.
Doch das Leben des Künstlers war nicht ungetrübt. 1900 erkrankte Gysis schwer und verbrachte die letzten Monate seines Lebens im Krankheitsurlaub, bevor er am 4. Januar 1901 in München an Leukämie verstarb. Seine Beerdigung fand auf dem Münchener Nordfriedhof statt. Gysis hinterließ ein Werk, das die Verbindung von griechischer Herkunft und deutscher Kunsttradition meisterhaft vereint. (ea)





