Ein leiser Gedanke geht voraus, bevor das erste Wort fällt: Sprache ist Erinnerung, Atem, Klang und Brücke. Sie durchzieht die Jahrtausende wie ein unsichtbarer Faden, der Kulturen verbindet. Am 26. September richtet sich dieser Faden mit besonderem Glanz in das Bewusstsein der Menschen – es ist der Europäische Tag der Sprachen.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Aktuell – Dieser Tag, eine Initiative des Europarates, trägt seit 2001 die Idee in sich, Vielfalt nicht nur zu benennen, sondern zu feiern. Er erinnert an die rund 200 Sprachen des Kontinents, die in ihrer Unterschiedlichkeit ein gemeinsames Erbe tragen. Ob in Schulen, auf Plätzen, in Museen oder auf den Bildschirmen: In bis zu 45 Ländern wird an diesem Tag gesprochen, gesungen, vorgelesen, gespielt – und das in der ganzen Breite sprachlicher Ausdrucksformen. Die Koordination liegt im Europäischen Fremdsprachenzentrum in Graz, wo seit 2013 jährlich ein großes Sprachenfest stattfindet, das sich längst zu einem beliebten Treffpunkt für Lehrende, Lernende und Liebhaber des Wortes entwickelt hat.
Dass die Würdigung der Sprachen in Europa mehr ist als eine pädagogische Maßnahme, zeigt ein Blick zurück. Schon im Sommer des Jahres 2000 beschlossen die Staaten, dem Sprachenlernen einen festen Tag zu widmen. Die Resonanz war so groß, dass am 6. Dezember 2001 entschieden wurde, den 26. September dauerhaft zum „Europäischen Tag der Sprachen“ zu erheben. Seitdem lädt er jedes Jahr dazu ein, die eigenen sprachlichen Horizonte zu erweitern – ob durch neue Vokabeln, das Wiederentdecken einer fast vergessenen Muttersprache oder das Staunen über ungewohnte Schriftzeichen.
In diesem Panorama der Sprachen erhebt sich eine Stimme, die älter ist als alle anderen noch lebendigen Schriften: die griechische. Mit über 3400 Jahren schriftlicher Überlieferung gilt sie als die älteste kontinuierlich genutzte Schriftsprache der Welt. Von den mykenischen Tontafeln des 14. Jahrhunderts v. Chr. über die klassische Blütezeit Athens bis hin zu den gedruckten Bibelausgaben der Neuzeit zieht sich eine Linie, die nicht nur Sprachgeschichte, sondern europäische Geistesgeschichte verkörpert.
Die Griechen übernahmen im 8. Jahrhundert v. Chr. das phönizische Schriftsystem und ergänzten es um Vokale – eine bahnbrechende Erfindung, ohne die unser Alphabet heute anders aussähe. Die homerischen Epen, die Dramen von Sophokles oder die Philosophie Platons wären ohne diese Schrift nicht erhalten geblieben. In der Koiné, der „gemeinsamen Sprache“ des Hellenismus, wurde das Neue Testament verfasst – eine Tatsache, die den Einfluss des Griechischen auf Religion und Kultur Europas kaum deutlicher illustrieren könnte.
Auch die sprachwissenschaftliche Einordnung ist bemerkenswert: Griechisch bildet einen eigenständigen Zweig innerhalb der indogermanischen Sprachfamilie. Mit Armenisch und Albanisch wird es oft zu einer hypothetischen Balkan-Gruppe in Beziehung gesetzt. Zahlreiche Lehnwörter bezeugen die tiefe Verankerung des Griechischen in modernen Sprachen: Demokratie, Philosophie, Musik, Theater, Energie, Kosmos – Begriffe, die heute global genutzt werden, haben ihre Wurzeln in Athen und auf der Ägäis.
Dass das Griechische trotz aller Umbrüche überlebt hat, grenzt fast an ein Wunder. Nach der mykenischen Zeit verfiel die Linear-B-Schrift in Vergessenheit, später erlebte das Altgriechische eine Phase der „Reinigung“ (Attizismus), die eine sprachliche Distanz zwischen Literatursprache und Alltagssprache schuf. In Byzanz wurde Griechisch endgültig zur dominierenden Amtssprache, ehe es nach dem Fall Konstantinopels 1453 im Westen eine Renaissance erlebte. Humanisten wie Erasmus von Rotterdam brachten die alten Texte erneut ans Licht und legten damit einen Grundstein der europäischen Bildungstradition.
Auch in der Neuzeit blieb die griechische Sprache von Konflikten geprägt: Die Diglossie zwischen der gelehrten Katharévousa und der gesprochenen Dimotikí führte über Jahrzehnte zu Sprachstreitigkeiten, die erst 1976 offiziell zugunsten der Volkssprache beendet wurden. Heute lebt das Neugriechische in einer „Koine“ fort – einer modernen Gemeinsprache, die gleichsam Erbe und Gegenwart vereint.
Wenn Europa am 26. September Sprachen feiert, dann ist es auch ein stilles Erinnern an diese griechische Grundlage. Denn ohne die Worte, die auf den Ägäisinseln geformt wurden, gäbe es kein „Europa“ – schon der Name des Kontinents ist griechischen Ursprungs. In jedem „Dialog“, in jeder „Metapher“ und in jedem „Symposium“ hallt die Sprache nach, die einst den Klang der westlichen Kultur geprägt hat.
Die Vielfalt Europas zeigt sich damit nicht nur in der Anzahl der Sprachen, sondern in der Tiefe ihres Erbes. Der Europäische Tag der Sprachen ist damit nicht nur ein Anlass zum Lernen, sondern ein Innehalten im Bewusstsein, dass jedes Wort ein Stück Geschichte trägt – sei es auf Finnisch, Portugiesisch, Irisch oder Griechisch. (mv)





