Nur rund 500 Meter vom Bahnhof Milies entfernt liegt eines der markantesten Bauwerke der Pilionbahn: die De-Chirico-Brücke, auch Taxiarhis-Brücke genannt.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Pilion – Wer den Weg vom Bahnhof zu Fuß nimmt, erreicht ein Ingenieurbauwerk, das in Griechenland wie in der internationalen Eisenbahngeschichte eine Sonderstellung einnimmt. Die Brücke gilt als weltweit einzigartig, weil die Schienen nicht auf einem geradlinigen Brückenträger verlaufen, sondern im Inneren der Konstruktion geführt werden und der Zug die Überquerung in einem Bogen vollzieht. Damit verbindet sich technische Raffinesse mit einer Gestaltung, die sich auffallend behutsam in die Landschaft einfügt.

Benannt ist die Brücke nach ihrem Konstrukteur Evaristo De Chirico, dem Vater des Malers Giorgio de Chirico. Der zweite Name, Taxiarhis-Brücke, verweist auf den Bach, der unter ihr hindurchfließt. Errichtet wurde das Bauwerk von dem deutschen Schmied Snyder. Gerade die Verbindung dieser Namen verweist auf die internationale Prägung jener Eisenbahnlinie, zu der die Brücke gehört: Die Pilionbahn, griechisch Trenaki Piliou, ist eine Schmalspurbahn mit 600 Millimetern Spurweite auf der Pilion-Halbinsel in Thessalien.
Die Strecke selbst entstand in mehreren Abschnitten. Die Bauarbeiten an diesem Teil der Thessalischen Eisenbahnen begannen 1886, der erste Abschnitt zwischen Volos und Agria wurde 1892 fertiggestellt, 1896 erreichte die Linie Ano Lechonia. Erst 1904 war der letzte Abschnitt bis Milies vollendet, womit das Bergdorf im Inneren des Pilion mit der Hafenstadt Volos verbunden wurde. Insgesamt entstanden auf der Strecke zwei Tunnel und neun Brücken. Unter ihnen nimmt die De-Chirico-Brücke eine besondere Stellung ein: Sie überquert die Taxiarhis-Schlucht in einem engen U-förmigen Bogen und ist bis heute das am stärksten wiedererkennbare Bauwerk der Linie.
Auffällig sind auch die Stützkonstruktionen aus Stein, die den Hang sichern und sich zugleich mit bemerkenswerter Zurückhaltung in das Gelände einfügen. Die Bauweise zeugt von handwerklicher Präzision und einem ungewöhnlich sensiblen Umgang mit der Berglandschaft. Gerade dieser Aspekt verleiht der Strecke ihren besonderen Reiz: Die Eisenbahn wirkt nicht als Fremdkörper, sondern als Teil des Ortes.
Die Pilionbahn war darüber hinaus das erste multinationale Projekt dieser Art in Griechenland. Über drei Jahre arbeiteten griechische und italienische Arbeiter, belgische und deutsche Ingenieure sowie französische und italienische Konstrukteure und Designer an der 16 Kilometer langen Strecke. Die Zusammenarbeit verschiedenster Nationalitäten prägte ein Vorhaben, das nicht nur verkehrstechnisch, sondern auch kulturgeschichtlich Bedeutung gewann.
Die Strecke war von Beginn an eingleisig angelegt, mit Ausweichstellen in allen Bahnhöfen außerhalb von Volos. Der Abschnitt innerhalb von Volos war als Vierschienengleis ausgeführt, sodass Züge aus Larissa mit Regelspur und aus Kalambaka mit Meterspur bis zum Haltepunkt Vlachava am Stadtrand von Volos fahren konnten. Für die Wasserversorgung der Dampflokomotiven wurden in Agria, Ano Lechonia und Milies Wasserkräne errichtet; in Volos und Milies gab es Drehscheiben, wobei die Anlage in Milies später nach der Beschaffung der Schöma-Lokomotiven vergrößert wurde. In Agria und Ano Lechonia existierten Gleisdreiecke zum Umsetzen der Lokomotiven.
Bis in die 1950er Jahre diente die Schmalspurbahn zwischen dem Bahnhof Volos und Anavros zudem als Straßenbahn. 1951 übernahm die Griechische Staatseisenbahn (SEK) den Betrieb. Nach deren Auflösung zum 31. Dezember 1970 ging die Strecke an die neu gegründete Griechische Eisenbahnorganisation OSE über. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde der Betrieb bald darauf eingestellt, die Gleise jedoch nicht vollständig abgebaut. Teilweise wurde die Trasse später überasphaltiert, etwa in den Ortsdurchfahrten von Volos an der Dimitriados-Straße und in Lechonia sowie auf Abschnitten der Küstenstrecke zwischen Agria und Ano Lechonia, wo die Bahn unmittelbar neben der Straße verlief.

1985 stellte man die Bahn unter Denkmalschutz. In der Folge reaktivierte der Verein griechischer Eisenbahnfreunde die Bergstrecke zwischen Ano Lechonia und Milies. Seit 1996 verkehrt auf diesem Abschnitt regelmäßig Museumsbetrieb für Besucher. In den Sommermonaten fährt der Zug samstags und sonntags vormittags von Ano Lechonia nach Milies und am Nachmittag wieder zurück. Für diese historischen Fahrten stehen seit 1999 zwei neue Schöma-Diesellokomotiven zur Verfügung, die äußerlich an Dampflokomotiven erinnern. Die verbliebene betriebsfähige Dampflokomotive wurde bis 2010 gelegentlich noch von Ano Lechonia aus eingesetzt.
Die Küstenstrecke zwischen Anavros am Stadtrand von Volos und Agria nahm 2004 nochmals den Betrieb auf, wurde jedoch bei einem Unwetter im Jahr 2007 schwer beschädigt und ist seither außer Betrieb. (mav)




