Es ist ein warmer Vormittag in Volos, und wer aufmerksam durch die Dimitriados-Straße schlendert, entdeckt sie noch – unscheinbar, fast verloren im Asphalt: schmale, rostige Linien, die einst das Rückgrat einer ganzen Region bildeten. Kaum jemand ahnt, dass hier, mitten im modernen Stadtverkehr, einst eine Straßenbahn rollte. Eine Straßenbahn, die zugleich Teil einer der ungewöhnlichsten Bahnstrecken Griechenlands war – der Pilionbahn.
Von HB-Redakteur Vangelis Makris
Aktuell – Geboren aus dem Geist des Fortschritts im späten 19. Jahrhundert, begann die Geschichte dieser Schmalspurbahn im Jahr 1881. Unter der Leitung des italienischen Ingenieurs Evaristo de Chirico entstand bis 1904 eine technische Meisterleistung: Eine nur 600 Millimeter schmale Spur, die sich von der Hafenstadt Volos hinauf in das abgelegene Bergdorf Milies wand. 28 Kilometer lang, mit engen Kurvenradien von nur 30 Metern und Steigungen bis zu 30 Promille, war sie weniger eine Bahnlinie als vielmehr ein kunstvoll gelegtes Band durch eine der wildesten Landschaften Thessaliens.

Doch die Pilionbahn war mehr als nur eine Gebirgsbahn. In Volos selbst wurde sie zum urbanen Verkehrsmittel – zur Straßenbahn einer wachsenden Stadt. Bis in die 1950er-Jahre hinein teilte sie sich den Raum mit Fußgängern, Händlern und Fuhrwerken, ein Symbol der Moderne in einer Zeit des Umbruchs.
1971 wurde der Betrieb eingestellt. Wirtschaftliche Zwänge, der Siegeszug des Automobils und veränderte Verkehrsbedürfnisse besiegelten das Schicksal der Strecke. Anders als vielerorts blieb jedoch ein vollständiger Rückbau aus. Stattdessen verschwand die Bahn schleichend unter Asphaltdecken – etwa in Volos selbst oder in den Ortsdurchfahrten von Lehonia. Die Fahrzeuge wurden abgestellt, die Gleise überdeckt, aber nie ganz ausgelöscht.
Es ist diese Unvollständigkeit des Verschwindens, die der Pilionbahn ihre besondere Aura verleiht. Sie war nie ganz weg – nur vergessen.
Erst 1985 kam die Wende: Die Strecke wurde unter Denkmalschutz gestellt. Ein Jahrzehnt später, 1996, kehrte das Leben zurück auf die Gleise – zumindest teilweise. Der Abschnitt zwischen Ano Lehonia und Milies wurde reaktiviert und fortan als Museumsbahn betrieben. Heute schnauft dort wieder der „Mountzouris“, ein kleiner historischer Zug, durch Olivenhaine, über steinerne Brücken und entlang steiler Berghänge.

Zwei Diesellokomotiven, seit 1999 im Einsatz und bewusst im Stil alter Dampfloks gestaltet, ziehen die Wagen gemächlich mit maximal 20 Stundenkilometern. In den Sommermonaten – besonders im Juli und August – fährt das liebevoll „Trenaki“ genannte Bähnchen täglich: morgens um 10 Uhr von Ano Lehonia nach Milies, nachmittags um 15 Uhr zurück. Außerhalb der Hochsaison verkehrt es an Wochenenden und Feiertagen. Für Gruppen werden sogar originale Dampflokomotiven wieder zum Leben erweckt – ein seltenes Schauspiel, das Technikgeschichte sinnlich erfahrbar macht. Auch die Küstenstrecke zwischen Anavros und Agria wurde 2004 wieder in Betrieb genommen, ein weiteres Fragment, das sich dem Vergessen widersetzt.
Und doch bleibt die eigentliche Straßenbahn von Volos ein Phantom. Ihre Gleise sind Narben im Stadtbild, ihre Geschichte ein Flüstern unter dem Lärm der Gegenwart. Vielleicht liegt gerade darin ihre Faszination: in der Gleichzeitigkeit von Verschwinden und Fortbestehen. Die Pilionbahn ist heute ein touristisches Erlebnis, ein technisches Denkmal – und ein Stück lebendige Erinnerung. Sie erzählt von einer Zeit, in der selbst die schmalsten Gleise große Verbindungen schufen. Zwischen Meer und Bergen, zwischen Stadt und Dorf, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (mav)





