Das Omalos-Plateau – Wo Geschichte, Mythos und Natur Kreta vereinen

Wer im Morgengrauen auf der Hochebene von Omalos steht, spürt, wie sich die klare Bergluft mit dem Duft wilder Kräuter vermischt und die aufgehende Sonne die Gipfel der Weißen Berge in ein sanftes Gold taucht.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen

Reisen / #Kreta – Hier, fernab der Küstenhektik Kretas, öffnet sich eine Landschaft, die wie geschaffen scheint, um Geschichten zu erzählen – von Widerstand und Freiheit, von mythischen Göttern und von einer Natur, die seit Jahrhunderten den Rhythmus des Lebens bestimmt. Das Omalos-Plateau ist nicht nur ein geografischer Ort, sondern ein Sinnbild für die Seele Kretas.

Auf 1100 Metern Höhe, eingebettet in die Levka Ori, entfaltet sich eine nahezu kreisrunde Hochebene, die wie ein grünes Amphitheater zwischen den schroffen Felsen liegt. Mit einem Durchmesser von vier bis fünf Kilometern und einer Fläche von rund 15 Quadratkilometern bietet das Plateau fruchtbare Böden, auf denen bis heute Gemüse, Äpfel und Getreide gedeihen. Zwischen den Weideflächen stehen die traditionellen mitata, kleine Steinhütten, die seit Generationen der Käseproduktion dienen. Hier entsteht der berühmte Graviera, ein fester, würziger Käse, der den Geschmack Kretas in sich trägt.

Die geografische Lage macht Omalos zu einem natürlichen Tor zu einigen der spektakulärsten Wanderungen der Insel. Am südlichen Rand der Ebene beginnt bei Xyloskalo der Abstieg in die weltberühmte Samaria-Schlucht, deren wilde Schönheit jedes Jahr Tausende Besucher in ihren Bann zieht. Von Norden führt eine kurvenreiche Straße aus Chania herauf, während alte Maultierpfade im Westen und Osten das Plateau mit abgelegenen Dörfern verbinden. Besonders eindrucksvoll erheben sich die Gipfel Gingilos und Volakias, die wie steinerne Wächter über die Ebene thronen. Letzterer gilt in der Mythologie sogar als Sitz des Zeus, der laut Überlieferung auf Kreta geboren wurde.

Auch die Geschichte des Omalos-Plateaus ist geprägt von Freiheitsdrang und Unbeugsamkeit. Während der langen osmanischen Herrschaft bot die abgeschiedene Hochebene den kretischen Rebellen Schutz. Tzanis’ Höhle, ein weit verzweigtes Karstsystem, war Unterschlupf des Widerstandskämpfers Tzanis Markos, dessen Beiname „Fovos“ – die Furcht – den Respekt seiner Gegner verrät. Später machte der aus dem nahegelegenen Lakki stammende Chatzimichalis Giannaris von sich reden, der nach Aufständen, Gefangenschaft und Exil schließlich ins griechische Parlament gewählt wurde. Sein Wunsch, in Omalos begraben zu werden, unterstreicht die enge Bindung zwischen diesem Landstrich und dem kretischen Freiheitsgedanken.

Selbst in jüngerer Zeit schrieb das Plateau Geschichte: Im Zweiten Weltkrieg nutzten die Alliierten die Ebene als provisorischen Flugplatz. Noch heute erinnern Spuren und Erzählungen älterer Bewohner daran, dass Omalos immer wieder Schauplatz weltgeschichtlicher Ereignisse war.

Doch nicht nur Historie und Natur, auch Legenden haben hier ihren Platz. Die Berge Psilafi und Agathopi galten als Rennbahn des Zeus, und über Tzanis’ Höhle wird berichtet, dass dort einst ein Hirte mit seinem Leierspiel Elfen bezauberte, die ihn schließlich mit sich nahmen. In mondlosen Nächten, so heißt es, könne man den Klang seiner Leier noch heute hören – ein Hauch von Magie, der die karge Landschaft in ein mythisches Licht taucht.

Heute ist Omalos ein Ort, an dem Tradition und Moderne nebeneinander bestehen. Wanderer aus aller Welt beginnen hier ihre Routen, während die Hirten mit ihren Schafen den Jahreszeiten folgen. Wer nach Omalos reist, taucht nicht nur in eine atemberaubende Natur ein, sondern in ein Stück lebendige Kulturgeschichte, das Herz und Seele Kretas widerspiegelt. (dt)

Foto: Hellas-Bote/KI