In der nordostgriechischen Stadt Komotini, wo sich die Ebenen Thrakiens bis an die Ausläufer des Rhodopengebirges erstrecken, gehört der Duft von Anis und frisch destilliertem Alkohol seit Generationen zur lokalen Identität. Hier hat die Brennerei Thrakis ihren Sitz – ein Unternehmen, dessen Geschichte tief in das ausgehende 19. Jahrhundert zurückreicht und das heute zugleich als Beispiel für die Verbindung von überliefertem Handwerk und industrieller Moderne gilt.
Von HB-Redakteurin Claudia Brandt
Wirtschaft – Die Ursprünge der Produktion führen in das Jahr 1893, als das damalige Unternehmen „Gebr. Chatzinestoros – Spyridon Mousouris“ eine Rezeptur entwickelte, die bis in die Gegenwart fortlebt. Aus einfachsten Bedingungen heraus entstand ein Produkt, das über Jahrzehnte hinweg in Familienbetrieben gepflegt und weitergegeben wurde. Dieses Wissen, das von Generation zu Generation weitergereicht wurde, bildet bis heute den Kern der Identität des Unternehmens.

Die heutige Struktur geht auf eine tiefgreifende Zäsur im Jahr 1977 zurück. In einer Phase wirtschaftlicher Neuorientierung schlossen sich mehrere lokale Brennereien in Komotini zusammen, bündelten ihre Erfahrungen und gründeten die moderne Thrace Distillery – Winery S.A. Dieser Schritt markierte den Übergang von kleinteiliger Produktion hin zu einer organisierten industriellen Fertigung, ohne die traditionellen Verfahren aufzugeben. Vielmehr entstand aus der Fusion ein Gefüge, das die handwerklichen Ursprünge bewahrte und zugleich Raum für Innovation eröffnete.
Bereits wenige Jahre später machte sich die steigende Nachfrage bemerkbar. 1982 wurde im Industriegebiet von Komotini ein neues Werk errichtet, das bis heute das Zentrum der Produktion bildet. Mit der Modernisierung der Anlagen und dem Aufbau eines ersten Vertriebsnetzes begann eine Phase kontinuierlichen Wachstums. Die Expansion über die Region hinaus folgte rasch: 1983 wurde eine Niederlassung in Thessaloniki gegründet, wodurch sich neue Märkte erschlossen.
Der Schritt über die Landesgrenzen hinweg gelang bereits ein Jahr später. 1984 fanden die ersten Flaschen ihren Weg in deutsche Geschäfte – ein frühes Zeichen für die internationale Ausrichtung, die das Unternehmen bis heute prägt. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Portfolio konsequent erweitert: Neben Ouzo kamen Eigenmarken für europäische Handelsketten hinzu, später auch Wodka und Tsipouro. Mit der Installation moderner Technologien in den 1990er-Jahren wurde die Grundlage für eine diversifizierte Produktion geschaffen.

Gleichzeitig entwickelte sich die Qualitätssicherung zu einem zentralen Pfeiler der Unternehmensstrategie. Zertifizierungen nach internationalen Standards, darunter ISO 9001, HACCP und IFS, dokumentieren den Anspruch, jeden Produktionsschritt lückenlos zu kontrollieren – von der Auswahl der Rohstoffe bis zur Abfüllung. In einem firmeneigenen Chemielabor werden die Produkte täglich überprüft, jede einzelne Flasche durchläuft strenge Kontrollen. Die Kombination aus technischer Präzision und traditioneller Destillation gilt als entscheidender Faktor für die gleichbleibende Qualität.
Eine besondere Rolle spielt der sogenannte „Thrakische Ouzo“, der 2008 als geschützte geografische Angabe anerkannt wurde. Diese Klassifizierung hebt die enge Verbindung zwischen Herkunft, Herstellung und Produkt hervor. Innerhalb dieser Kategorie nimmt der Ouzo 7 eine Sonderstellung ein: Er ist der einzige Vertreter, der diese spezifische Herkunftsbezeichnung trägt. Damit wird nicht nur ein regionales Erbe bewahrt, sondern auch ein klar definiertes Qualitätsversprechen gegeben.
Die Produktionsanlagen in Komotini spiegeln diese Verbindung von Tradition und Moderne wider. Sechs klassische Brennblasen für Ouzo und vier für Tsipouro stehen neben hochmodernen Abfüllanlagen, die bis zu 12.000 Flaschen pro Stunde verarbeiten können. Edelstahl-Lagertanks mit einem Gesamtvolumen von 1,5 Millionen Litern sichern die kontinuierliche Versorgung. Auf einem weitläufigen Betriebsgelände, das mehrere tausend Quadratmeter umfasst, arbeiten heute rund 75 Mitarbeiter – bemerkenswert konstant auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen das Unternehmen ohne Entlassungen auskam.
Der Blick richtet sich jedoch längst über die Region hinaus. Der Export bildet das Rückgrat des Geschäftsmodells. Ein Großteil der Produktion wird in mehr als 30 Länder geliefert, wobei Deutschland traditionell als wichtigster Absatzmarkt gilt. Millionen von Flaschen erreichen jährlich internationale Märkte, ergänzt durch Lieferungen in weitere europäische Länder sowie in Regionen wie den Nahen Osten, Nordamerika und Australien. Diese internationale Präsenz ist das Ergebnis eines über Jahrzehnte gewachsenen Vertriebsnetzes und einer konsequenten Markenentwicklung.
Parallel dazu hat sich das Unternehmen auch im Premiumsegment positioniert. Mit Produkten wie Ouzo 7 Gold oder gereiften Tsipouro-Varianten wurden neue Kategorien erschlossen, die gezielt auf anspruchsvolle Konsumenten ausgerichtet sind. Limitierte Editionen, darunter ein gereifter Spiritus mit Honig in streng begrenzter Auflage, zeigen die Experimentierfreude und Innovationskraft innerhalb eines traditionsgebundenen Rahmens.
Neben wirtschaftlichem Erfolg rückt zunehmend die Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft in den Fokus. Die Brennerei verfolgt einen strukturierten Ansatz im Bereich Nachhaltigkeit und orientiert sich dabei an internationalen ESG-Kriterien. Zertifizierungen in den Bereichen Umweltmanagement, Arbeitssicherheit und Korruptionsprävention sind ebenso Teil dieses Ansatzes wie die kontinuierliche Bewertung durch externe Ratings.
Diese Entwicklung blieb auch außerhalb des Unternehmens nicht unbeachtet. Im Rahmen eines Neujahrsempfangs in Thessaloniki wurde die Thrace Distillery – Winery gemeinsam mit anderen nordgriechischen Unternehmen für ihr langjähriges Engagement und ihre enge Zusammenarbeit mit der griechisch-deutschen Wirtschaft ausgezeichnet. Die Veranstaltung versammelte Vertreter aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft und Wissenschaft und unterstrich die Bedeutung regional verwurzelter Unternehmen für die internationale Vernetzung.
So steht die Brennerei Thrakis (Distillery-Winery of Thrace S.A., Industrial Area of Komotini, 69100 Komotini | Greece) heute exemplarisch für einen Weg, der von handwerklichen Anfängen über industrielle Konsolidierung hin zu globaler Präsenz führt. In den Destillationsräumen von Komotini verbinden sich Geschichte und Gegenwart – getragen von einer Tradition, die nicht als statisches Erbe verstanden wird, sondern als Grundlage für kontinuierliche Entwicklung, die auch ihren Weg auf den deutschen Markt gefunden hat. (cb)





