Griechenland und der Rum – Beginn einer neuen destillierten Identität

In einem Land, dessen alkoholische Identität über Jahrzehnte hinweg fast untrennbar mit Wein, Ouzo und Tsipouro verbunden war, vollzieht sich derzeit eine bemerkenswerte, in ihrer Tragweite noch kaum abschließend zu bewertende Verschiebung.
Von HB-Redakteurin Claudia Brandt

Aktuell/Thessaloniki – Griechenland, das in der internationalen Wahrnehmung vor allem als Herkunftsland klar definierter, historisch gewachsener Spirituosenkategorien gilt, öffnet sich einer Produktionsform, die bislang außerhalb seiner kulturellen und wirtschaftlichen Selbstbeschreibung lag: der Rumherstellung. Mit der im Oktober 2025 geschaffenen rechtlichen Grundlage für die Produktion von Rum ist nicht lediglich eine neue steuer- und lebensmittelrechtliche Kategorie entstanden. Vielmehr deutet sich ein struktureller Wandel an, der die Position des Landes in der europäischen Destillationslandschaft neu ordnen könnte.

Im Norden des Landes, unweit von Thessaloniki, in der industriell geprägten Flughafenregion von Neo Risio, arbeitet eine der ersten Brennereien innerhalb dieses neuen Rahmens: die Dorodouli Distillery. Die Brennerei, die bislang vor allem für Tsipouro und Brandy bekannt war, versteht sich selbst nicht als bloßer Produzent eines weiteren alkoholischen Erzeugnisses, sondern als Ort der Transformation traditioneller Destillationskultur in ein neues Segment. Ihr ETHOS-Rum-Projekt gilt als einer der frühesten ernsthaften Versuche, Rum nicht nur zu produzieren, sondern ihn innerhalb griechischer klimatischer, handwerklicher und kultureller Bedingungen neu zu definieren.

Foto: Dorodouli-Brennerei

Dass ein solcher Schritt gerade jetzt erfolgt, ist kein Zufall. Die europäische Spirituosenlandschaft befindet sich seit einigen Jahren in einer Phase der stillen Expansion. Nationale Traditionen, die lange als stabil und abgegrenzt galten, werden zunehmend durch experimentelle Produktionsformen ergänzt, die sich bewusst zwischen Kategorien bewegen. Whisky wird in Skandinavien hergestellt, Grappa-ähnliche Produkte entstehen außerhalb Italiens, und selbst klassische Cognac- oder Rumdefinitionen werden in ihrer geografischen Eindeutigkeit zunehmend relativiert. Griechenlands Eintritt in diese Bewegung ist daher weniger eine Provokation als eine logische Fortsetzung eines größeren Trends: der Entgrenzung traditioneller Spirituosenkategorien zugunsten einer stärker terroir-orientierten Interpretation.

Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass Griechenland diesen Schritt nicht aus einer industriellen Volumenerweiterung heraus vollzieht, sondern aus einer bereits tief verankerten Kultur der Kleinproduktion. Die Destillation im Land war historisch nie primär auf Masse ausgerichtet, sondern auf Präzision, Auswahl und handwerkliche Kontrolle. Tsipouro, das aus Trester gewonnen wird, ist in seiner regionalen Ausprägung ohnehin ein Produkt, das stark von familiären Rezepturen, lokalen Rohstoffen und individuellen Brenntraditionen geprägt ist. Diese Struktur schafft eine ungewöhnliche Ausgangslage für die Einführung einer neuen Kategorie: Rum wird nicht als Bruch, sondern als Erweiterung bestehender destillationskultureller Logiken verstanden.

Im Zentrum der aktuellen Entwicklung steht das ETHOS-Projekt der Dorodouli-Brennerei. Die Selbstbeschreibung der Produktion folgt einer klaren Linie: ausgewählte Zuckerrohrmelasse, kontrollierte Fermentation innerhalb Griechenlands, Destillation in kleinen Kupferbrennblasen sowie der konsequente Verzicht auf Zusatzstoffe oder Zuckerzugaben. Diese Parameter verorten das Produkt deutlich in einer europäischen „New World Rum“-Bewegung, die sich weniger an karibischen Massenstandards orientiert als an struktureller Reinheit und sensorischer Differenzierung.

Foto: Dorodouli-Brennerei

Doch die eigentliche Frage, die sich aus dieser Entwicklung ergibt, reicht über technische Parameter hinaus. Sie betrifft die Definition dessen, was Rum im 21. Jahrhundert überhaupt ist. Historisch war Rum untrennbar mit bestimmten geographischen und ökonomischen Räumen verbunden – insbesondere der Karibik und Teilen Lateinamerikas, wo Zuckerrohranbau, koloniale Handelsstrukturen und klimatische Bedingungen eine spezifische Produktionslogik hervorgebracht haben. Wenn nun ein Mittelmeerland mit völlig anderen klimatischen Bedingungen in diese Kategorie eintritt, verschiebt sich zwangsläufig auch die semantische Grundlage des Begriffs.

In Thessaloniki, einer Stadt, die seit jeher als Schnittstelle zwischen Balkan, Mittelmeerraum und kontinentalem Europa fungiert, erhält diese Frage eine zusätzliche symbolische Dimension. Das lokale Klima – geprägt von ausgeprägten Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter sowie einer saisonal stark variierenden Luftfeuchtigkeit – erzeugt Reifebedingungen, die sich deutlich von tropischen Standardannahmen unterscheiden. Für die Fasslagerung bedeutet dies eine andere Dynamik der Holzinteraktion, eine veränderte Verdunstungsrate und letztlich eine andere Entwicklung aromatischer Komplexität. Während klassische Rumregionen oft mit konstant hoher Temperatur arbeiten, entsteht im Norden Griechenlands ein Rhythmus der Reifung, der stärker von saisonaler Differenz geprägt ist.

Diese klimatische Besonderheit wird in der Argumentation der Brennerei nicht als Nachteil, sondern als produktives Element verstanden. Der Rum soll nicht die Karibik imitieren, sondern eine eigenständige mediterrane Interpretation darstellen. Damit verschiebt sich die Perspektive: Nicht die Frage nach Authentizität im Sinne geografischer Herkunft steht im Vordergrund, sondern jene nach Authentizität im Sinne eines konsistenten Ortsausdrucks.

Die Dorodouli-Brennerei selbst verweist in ihrer Unternehmensphilosophie auf eine lange Tradition experimenteller Destillation. Ausgehend von klassischen griechischen Tresterbränden wurde über Jahre hinweg ein systematischer Forschungsansatz entwickelt, der sich ungewöhnlich stark an analytischen Verfahren orientiert. Nach Angaben des Hauses wurden über 120 Rezeptvarianten entwickelt, archiviert und über einen längeren Zeitraum beobachtet, bevor eine Auswahl von 32 Varianten in die engere Bewertung gelangte und schließlich 15 in die Produktionslogik integriert wurden. Diese Vorgehensweise deutet auf eine Rationalisierung eines ursprünglich stark handwerklich geprägten Feldes hin, ohne dessen sensorische Dimension aufzugeben.

Die Vision der Brennerei ist dabei klar auf Kontinuität und Transformation zugleich ausgerichtet. Die familiäre Tradition der Tsipouro-Produktion bildet das kulturelle Fundament, während gleichzeitig neue Standards für Nachhaltigkeit, Transparenz und Ressourcennutzung eingeführt werden. Der Anspruch, lokale Rezepte in hochwertige, international anschlussfähige Produkte zu überführen, ohne deren Herkunft zu verwässern, zieht sich dabei als leitendes Motiv durch die gesamte Produktionsphilosophie.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die kommunikative Öffnung der Brennerei hin zu Erlebnisformaten. Verkostungen, Workshops und geführte Touren sind nicht nur touristische Angebote, sondern Teil eines umfassenderen Versuchs, Destillation als kulturellen Prozess sichtbar zu machen. Formate wie strukturierte Masterclasses, sensorisch-audiovisuelle Verkostungen oder praxisnahe Cocktail-Workshops zeigen, dass hier nicht allein ein Produkt verkauft wird, sondern ein Verständnis von Handwerk und Wahrnehmung vermittelt werden soll. Der Besucher wird dabei nicht als Konsument adressiert, sondern als Teilnehmer eines interpretativen Prozesses.

Diese Entwicklung ist insofern bemerkenswert, als sie die klassische Trennung zwischen Produktion und Rezeption teilweise aufhebt. Die Brennerei wird zum Erfahrungsraum, in dem die Grenzen zwischen industrieller Herstellung und kultureller Vermittlung bewusst durchlässig gestaltet werden. Dies entspricht einem breiteren Trend in der europäischen Genussmittelindustrie, in der Transparenz und narrative Einbettung zunehmend Teil der Produktidentität werden.

Gleichzeitig bleibt offen, wie sich diese frühen Experimente langfristig in einem globalen Markt behaupten werden, der nach wie vor stark von etablierten Herkunftsregionen geprägt ist. Die Karibik wird ihre historische Rolle als Referenzraum für Rum nicht verlieren, doch sie könnte künftig nicht mehr alleinige Definitionsinstanz sein. Griechenlands Beitrag besteht dabei weniger in der Skalierung als in der Differenzierung: in der Einführung eines mediterranen Blicks auf eine traditionell tropisch konnotierte Kategorie.

Mit Projekten wie ETHOS entsteht ein neuer kreativer Raum innerhalb der internationalen Spirituosenwelt, in dem Herkunft nicht als Begrenzung, sondern als Ressource verstanden wird. Griechenland bringt dabei eine besondere Kombination aus handwerklicher Tiefe, kultureller Kontinuität und innovativer Offenheit ein, die der Kategorie Rum zusätzliche Facetten verleihen kann. Der Beitrag des Landes liegt weniger in der Konkurrenz zu bestehenden Traditionen als vielmehr in ihrer Erweiterung – und damit in der Bereicherung eines globalen Handwerks, das sich gerade neu definiert.

Foto: Dorodouli-Brennerei