Wer #Kreta jenseits der Strände und Badeorte entdecken möchte, wird in den Bergen von Rethymno auf ein verborgenes Paradies stoßen: die Hochebene Gious Kambos.
Von HB-Redakteur Dietmar Thelen
Reisen – Schon die Anfahrt über kurvige Straßen, vorbei an Olivenhainen und kleinen Bergdörfern, wirkt wie eine Reise in eine andere Zeit. Oben, auf fast 800 Metern Höhe, öffnet sich ein Plateau, das in seiner stillen Weite und seiner einzigartigen Natur eine beinahe mystische Atmosphäre ausstrahlt. Wer den Blick schweifen lässt, spürt sofort, dass dieser Ort nicht nur landwirtschaftlich genutzt, sondern seit Jahrhunderten tief in der Kultur und Geschichte Kretas verwurzelt ist.
Gious Kambos, das „Feld der Io“, trägt einen Namen, der direkt mit der griechischen Mythologie verknüpft ist. Der Sage nach verwandelte Zeus seine Geliebte Io in eine Kuh, um sie vor den eifersüchtigen Blicken seiner Gattin Hera zu schützen. Schon dieser Ursprung deutet darauf hin, dass die Ebene mehr ist als nur ein fruchtbares Landstück: Sie ist ein Ort, an dem Legende und Realität ineinanderfließen. Auf rund 2,5 Quadratkilometern erstreckt sich die Schwemmebene, durchzogen von kleinen Hügeln aus Kalkstein und Schiefer, die wie Inseln aus dem satten Grün herausragen.
Die Lage zwischen den Dörfern Spili und Gerakari verleiht der Ebene eine besondere Rolle. Historisch bildete sie die Grenze zweier Bezirke, Agios Basileos und Syvritos, wodurch sie auch im sozialen und wirtschaftlichen Leben der Region eine Brückenfunktion einnahm. Die Berge Agio Pnevma und Kedros im Süden sowie die Hänge des Soros im Norden rahmen Gious Kambos ein und schützen es zugleich. Über Jahrhunderte hinweg nutzten Bauern die fruchtbaren Böden für den Anbau von Gemüse, Getreide und Kräutern, die das Leben in den umliegenden Siedlungen sicherten.
Doch Gious Kambos ist nicht nur ein Zentrum traditioneller Landwirtschaft. Botaniker und Naturliebhaber zieht es hierher, weil die Ebene eine erstaunliche Vielfalt an Pflanzen beherbergt. Besonders im Frühling verwandelt sie sich in ein buntes Blütenmeer. Berühmt ist die Region für das größte bekannte Vorkommen der seltenen Tulpe Tulipa doerfleri, die ausschließlich auf Kreta wächst. Hinzu kommt eine reiche Orchideenvielfalt, die das Plateau zu einem wahren Schatzkästchen der kretischen Flora macht. Die Felder werden oft von Hecken geschützt, die nicht nur den rauen Winden trotzen, sondern auch eine traditionelle Landschaftsgestaltung bewahren, wie sie seit Generationen weitergegeben wird.
Die Ebene ist jedoch nicht nur ein Naturidyll. Auch menschliche Dramen haben sich hier abgespielt. Noch im Jahr 2008 erschütterte eine Vendetta, eine blutige Familienfehde um Weiderechte, die Region. Solche Ereignisse erinnern daran, dass Kreta mit seiner bewegten Geschichte immer wieder Schauplatz intensiver Auseinandersetzungen war – und dass Orte wie Gious Kambos nicht nur romantische Kulissen, sondern auch Schauplätze menschlicher Schicksale sind.
Für Reisende bietet sich ein Besuch von Gious Kambos besonders im Frühling oder Frühsommer an, wenn die Ebene in voller Blüte steht und das Spiel aus Farben, Düften und Licht ihre ganze Pracht entfaltet. Wer den Weg über den Pass bei Kissos nimmt, erlebt die Annäherung wie eine Enthüllung: Hinter jeder Kurve öffnet sich ein Stück mehr von diesem verborgenen Plateau, bis man schließlich den ganzen Reichtum dieses „Feldes der Io“ vor sich sieht. Und während die Zikaden zirpen, die Berge in der Ferne bläulich schimmern und die Felder im Wind rauschen, wird spürbar, warum Kreta nicht nur Insel, sondern Mythos ist. (dt)





