Die Vermessung des Himmels

Es ist ein ungewöhnlicher Gedanke: Man steht in einem Museum in einer kleinen Stadt im Nordosten Deutschlands und blickt auf jene Konstruktionen, mit denen ein Mensch vor mehr als 130 Jahren versucht hat, etwas scheinbar Unmögliches zu schaffen.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit – Kein Motor, kein Cockpit, kein Propeller. Nur Holz, Stoff, Draht und ein Mensch, der sich dem Wind anvertraut. Die Fluggeräte von Otto Lilienthal wirken heute beinahe zerbrechlich. Und doch steckt in ihnen der Beginn einer Entwicklung, die den Menschen innerhalb weniger Jahrzehnte von den ersten Gleitflügen bis zu motorisierten Flugzeugen und schließlich in den Weltraum führen sollte.

Genau hier setzt das Otto-Lilienthal-Museum in Anklam an. Es ist kein klassisches Luftfahrtmuseum, in dem eine Reihe historischer Maschinen nebeneinandersteht. Sein Thema ist größer: Es geht um den Menschen hinter der Erfindung, um die jahrtausendealte Sehnsucht nach dem Fliegen und um den Moment, in dem aus einem Traum eine technische Möglichkeit wurde.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Anklam ist dafür der passende Ort. Hier, in der vorpommerschen Stadt an der Peene, wurde Otto Lilienthal 1848 geboren. Mehr als vier Jahrzehnte später sollte sein Name weltweit mit dem Fliegen verbunden sein. Heute erinnert das Museum an einen Mann, dessen Lebenswerk sich nicht auf seine Gleiter reduzieren lässt.

Wer die Ausstellung betritt, trifft zunächst auf eine Welt, die mit der heutigen Luftfahrt kaum etwas gemein hat. Die Flugapparate wirken wie riesige Skelette aus Holz und Stoff. Ihre Tragflächen sind filigran, ihre Konstruktion erstaunlich leicht. Ein moderner Passagierjet vermittelt Sicherheit durch Masse, Technik und Elektronik. Lilienthals Fluggerät dagegen wirkt beinahe so, als könne ein kräftiger Windstoß es auseinandernehmen. Und dennoch waren diese Gleiter ihrer Zeit weit voraus.

Lilienthal hatte verstanden, dass der entscheidende Schlüssel zum Fliegen nicht allein darin lag, Flügel zu bauen. Der Mensch musste lernen, mit der Luft zu arbeiten. Er musste wissen, wie ein Tragflügel Auftrieb erzeugt, welche Form günstig ist und wie sich ein Fluggerät stabilisieren lässt. Deshalb beobachtete, maß und experimentierte Lilienthal. Aus dem scheinbar romantischen Traum vom Fliegen wurde ein Forschungsprojekt.

Seine Beschäftigung mit dem Vogelflug führte ihn zu einer Frage, die bis heute im Zentrum der Aerodynamik steht: Wie muss eine Fläche beschaffen sein, damit sie einen Körper tragen kann?

Lilienthal untersuchte unterschiedliche Flügelprofile und führte systematische Versuche durch. Er veröffentlichte seine Erkenntnisse und machte sie damit anderen Konstrukteuren zugänglich. Seine Arbeit war nicht nur praktisch, sondern auch wissenschaftlich von großer Bedeutung. Er entwickelte eine Grundlage, auf der spätere Flugpioniere aufbauen konnten.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

1891 kam es zu jenem Schritt, der ihn endgültig in die Geschichte eingehen ließ. Lilienthal begann mit Gleitflügen, die nicht nur zufällig gelangen, sondern sich wiederholen ließen. Er hatte damit einen entscheidenden Übergang geschafft: Der Mensch konnte tatsächlich mit einem Fluggerät kontrolliert durch die Luft gleiten.

Das Museum macht diesen Wandel anschaulich. Es zeigt Rekonstruktionen aller bekannten Lilienthalschen Flugapparate und stellt sie in den Zusammenhang seiner aerodynamischen Untersuchungen. Dadurch lässt sich erkennen, wie sich seine Konstruktionen veränderten. Aus frühen Versuchsmodellen wurden immer ausgefeiltere Gleiter.

Besonders charakteristisch ist der sogenannte „Normalsegelapparat“. Seine Konstruktion wurde zum vielleicht bekanntesten Bild der frühen Luftfahrt. Der Pilot stand beziehungsweise hing unter den Tragflächen und beeinflusste die Fluglage durch Gewichtsverlagerung. Es war eine direkte, körperliche Form des Fliegens. Zwischen Mensch und Maschine gab es keine komplizierte Steueranlage. Der Körper selbst wurde zum Teil des Steuerungssystems. Das macht Lilienthals Flüge aus heutiger Sicht so faszinierend und so unheimlich. Jeder Start bedeutete ein Experiment am eigenen Körper.

Die Ausstellung verschweigt deshalb auch die Schattenseiten dieser Entwicklung nicht. Lilienthal wusste, dass seine Versuche gefährlich waren. Dennoch flog er immer wieder. Seine Erfahrung wuchs mit jedem Flug, und seine Flugstrecken wurden länger. Manche seiner Flüge führten über mehrere hundert Meter.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Seine Flugplätze lagen unter anderem im Berliner Umland. Dort entstanden die charakteristischen künstlichen Hügel, von denen Lilienthal in den Wind startete. Heute sind viele dieser Orte erstaunlich unspektakulär. Keine großen Hallen erinnern dort an die Geburtsstunde des modernen Gleitflugs, sondern Landschaften, Felder und stille Erhebungen. Gerade dieser Kontrast ist bemerkenswert. Die Geschichte der Luftfahrt begann nicht zwangsläufig an monumentalen Orten. Sie entstand auf Wiesen und Hügeln, in Werkstätten und Versuchsräumen. Das Museum in Anklam holt diese Geschichte aus der Landschaft zurück in einen musealen Zusammenhang.

Dabei richtet sich der Blick immer wieder auf die Person Lilienthals. Er war Maschinenbauingenieur, aber ebenso Erfinder und Unternehmer. Gemeinsam mit seinem Bruder Gustav entwickelte er zahlreiche technische Projekte. Die beiden waren eng miteinander verbunden. Gustav war nicht einfach ein Helfer im Hintergrund, sondern ein wichtiger Partner in Lilienthals Denken und Arbeiten.

Das Museum bezeichnet ihn deshalb sinngemäß als Ottos „zweites Ich“. Diese Perspektive verändert den Blick auf die Biografie. Der berühmte Flugpionier erscheint nicht mehr als einsamer Erfinder, der allein gegen die Grenzen seiner Zeit kämpfte. Vielmehr wird ein Netzwerk aus Familie, Mitarbeitern, technischen Partnern und wissenschaftlichen Ideen sichtbar. Auch das Leben der Brüder jenseits des Fliegens ist Teil der Ausstellung. Sie beschäftigten sich mit Maschinenbau, Bauwesen, sozialen Fragen und der Entwicklung von Spielzeug. Otto Lilienthal war ein Mensch, der sich für die technischen und gesellschaftlichen Möglichkeiten seiner Zeit interessierte.

Eine besondere Kostbarkeit ist eine erhaltene Dampfmaschine aus Lilienthals eigener Produktion. Sie erinnert daran, dass der spätere Flugpionier zunächst und zugleich ein Maschinenbauer war. Das Stück kam 2004 aus Australien nach Anklam zurück. Damit bekommt der Rundgang eine zweite Ebene. Wer nur nach historischen Flugzeugen sucht, könnte meinen, Lilienthals Geschichte beginne mit dem ersten Gleiter. Tatsächlich begann sie wesentlich früher … mit Metall, Dampf, Mechanik und der Frage, wie sich technische Prozesse verbessern lassen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Auch die Geschichte des Museums selbst ist eng mit der Erinnerungskultur der Stadt verbunden. Bereits 1927 gab es in Anklam ein Heimatmuseum, das sich unter anderem mit dem berühmten Sohn der Stadt beschäftigte. Zu den Exponaten gehörte ein Nachbau eines Lilienthal-Gleiters.

1972 zog das Museum in die Villa in der Ellbogenstraße 1. Zunächst war es weiterhin ein regionalgeschichtliches Heimatmuseum. Der Wunsch nach einer eigenständigen Präsentation des Flugpioniers gewann jedoch zunehmend an Bedeutung. 1980 fiel im Zusammenhang mit dem Besuch der Besatzung von Sojus 31 die Entscheidung, ein eigenständiges Otto-Lilienthal-Museum aufzubauen. 1989 wechselte das regionalgeschichtliche Museum in das Anklamer Steintor. Zwei Jahre später konnte schließlich das neue Spezialmuseum eröffnet werden. Das Jahr 1991 war dafür symbolträchtig: Genau 100 Jahre waren seit Lilienthals ersten reproduzierbar sicheren Gleitflügen vergangen. 1996 erhielt das Museum eine markante Erweiterung. Die zusätzliche Ausstellungshalle mit ihrer Glaspyramide schuf rund 300 Quadratmeter neue Fläche. Heute ist dort die Gleiterhalle untergebracht – jener Ort, an dem die Rekonstruktionen der Flugapparate ihre ganze Wirkung entfalten.

Wer dort zwischen den Tragflächen steht, kann sich der eigentlichen Faszination kaum entziehen. Die Apparate sind groß, aber nicht massiv. Sie wirken eher wie überdimensionierte Fledermäuse, die mitten im Flug erstarrt sind. Ihre Konstruktion verrät, wie wenig Material notwendig war, um eine Tragfläche zu bauen und wie viel Wissen dahintersteckte. Das Museum belässt es jedoch nicht beim Staunen. An zahlreichen Stationen kann man selbst experimentieren. Luft ist unsichtbar, besitzt aber physikalische Eigenschaften, die für jedes Fluggerät entscheidend sind. Auftrieb, Widerstand und Strömung werden durch Versuche verständlich. Besucher können ausprobieren, beobachten und unmittelbar erleben, warum ein Flugzeug überhaupt fliegen kann. Das ist eine der schönsten Ideen des Museums: Es erklärt das Fliegen nicht nur über historische Fakten, sondern über Erfahrung.

Noch unmittelbarer wird es an den Flugsimulatoren. Das selbst entwickelte „Lilienthal-Cockpit“ lässt Besucher ausprobieren, wie sich ein Fluggerät steuern lässt. Die Distanz zwischen dem Menschen des 19. Jahrhunderts und dem heutigen Besucher schrumpft für einen Moment. Aus dem historischen Objekt wird ein persönliches Erlebnis. Auch die Sammlung moderner Hängegleiter zeigt, dass Lilienthals Prinzip keineswegs mit seinem Tod verschwand. Seit 1999 wurde in Anklam eine Sammlung aufgebaut, die inzwischen mehr als 150 Fluggeräte umfasst. Sie führt vor Augen, wie sich der Gleitflug technisch verändert hat.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Das Museum bewahrt darüber hinaus eine bedeutende Sammlung von Originalzeugnissen. Neben dem Deutschen Museum in München gehört sie zu den wichtigen Sammlungen über Otto Lilienthal und sein Werk. Der Bestand reicht von persönlichen Dokumenten bis zu technischen Zeugnissen. Besonders aufwendig war die Digitalisierung des Lilienthal-Nachlasses. Über elf Jahre wurde der bekannte Bestand digital erfasst, darunter auch Objekte, die sich heute in anderen Ländern befinden. Damit entstand ein digitales Gedächtnis, das die Forschung und Beschäftigung mit Lilienthal unabhängig vom Museumsbesuch ermöglicht. (ea)