Anklam – Zwischen Hanse, Peene und dem Traum vom Fliegen

Wer nach Anklam kommt, ist meist unterwegs: zur Insel Usedom, an die Ostseeküste oder weiter durch das stille Vorpommern. Doch wer anhält, entdeckt eine Stadt, die sich nicht mit einem schnellen Blick erschließt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit – Anklam liegt an der Peene, dort, wo der Fluss nur wenige Kilometer von seinem Übergang in den Peenestrom entfernt ist. Wasser und Landschaft geben der Stadt ihren besonderen Rhythmus und erzählen zugleich von einer Vergangenheit, in der Schiffe, Händler, Fischer und Soldaten über Wohl und Wehe des Ortes entschieden.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Über Jahrhunderte war die Peene Anklams Lebensader. Schon im Mittelalter profitierte die Stadt von ihrer Lage zwischen dem pommerschen Hinterland und der Ostsee. Slawische Siedler hatten sich hier bereits im frühen Mittelalter niedergelassen; im 12. Jahrhundert kamen flämische Siedler hinzu und entwickelten einen Marktflecken. Straßen wie die Wollweberstraße und der Marktplatz entstanden in dieser Zeit. Als Anklam 1243 erstmals urkundlich auftauchte, war aus der Siedlung längst ein bedeutender Ort geworden. 1244 verlieh Herzog Barnim I. der Stadt das Lübische Stadtrecht, weitere Privilegien folgten. Freie Schifffahrt, Fischerei und Zollfreiheit ließen Handel und Wohlstand wachsen.

Dann kam die Hanse. 1283 trat Anklam dem mächtigen Handelsverbund norddeutscher Städte bei. Der Reichtum der Stadt beruhte zu einem erheblichen Teil auf dem Hering. Anklamer Fischer erhielten das Recht, vor Schonen und später vor Bornholm zu fischen. Die „Bornholmer Burse“ vertrat ihre Interessen – ein frühes Beispiel dafür, wie organisiert das Wirtschaftsleben der Hansestadt bereits war. Auf dem Markt entstand ein stattliches gotisches Rathaus, Bürgerhäuser erhielten repräsentative Giebel. Anklam war eine Stadt, die sich ihren Platz im Ostseeraum erarbeitet hatte.

Von dieser mittelalterlichen Stadt ist heute nur noch ein Bruchteil erhalten. Das liegt nicht an mangelnder Bedeutung, sondern an der zerstörerischen Kraft der Geschichte. Feuer gehörte über Jahrhunderte zu den größten Gefahren. 1377 wurde Anklam fast vollständig zerstört, 1384 folgte eine weitere verheerende Feuersbrunst. 1424 brannte die Stadt erneut nieder. Selbst das Rathaus blieb nicht verschont und musste nach Bränden, Kriegen und Vernachlässigung immer wieder verändert und repariert werden. 1841/42 wurde das mittelalterliche Gebäude schließlich abgebrochen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Wer heute durch Anklam spaziert, sollte deshalb nicht nur nach geschlossenen historischen Straßenzügen suchen. Die Geschichte steckt oft in einzelnen Bauwerken – wie im 32 Meter hohen Steintor. Es ist das letzte erhaltene Stadttor und gehört zu den markantesten Wahrzeichen der Stadt. Dahinter stehen die Marienkirche, eine dreischiffige Hallenkirche der Backsteingotik aus dem 13. Jahrhundert, und das gotische Giebelhaus in der Frauenstraße. Der Marktplatz selbst erinnert mit den archäologischen Spuren des einstigen Rathauses daran, dass die heutige Stadt auf einer viel älteren liegt.

Besonders eindrucksvoll ist die Geschichte der Nikolaikirche. Der Backsteinbau aus dem 14. Jahrhundert wurde 1945 schwer beschädigt und brannte aus. Heute ist die Kirche gesichert und wird für Konzerte und Ausstellungen genutzt; zugleich wird an ihrem Wiederaufbau gearbeitet. Damit ist sie mehr als ein historisches Denkmal: Sie steht sinnbildlich für den Umgang Anklams mit seiner Vergangenheit.

Denn kaum eine andere Epoche hat das Stadtbild so radikal verändert wie das Ende des Zweiten Weltkriegs. Zwischen 1943 und 1945 wurden große Teile Anklams durch Luftangriffe, Kämpfe und Brände zerstört. Rund 80 Prozent der Innenstadt gingen verloren. Backsteingotische Giebelhäuser, barocke Fassaden und Fachwerkbauten verschwanden; auch die historische Nikolaikirche fiel den Ereignissen von 1945 zum Opfer.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Stadt musste sich danach neu erfinden. In der DDR entstanden neue Wohnviertel, darunter die Südstadt und später der Stadtteil Stadtwald. Am Marktplatz prägten zeitweise Plattenbauten das Bild. Nach 1990 begann wiederum ein anderer Wandel: Das historische Zentrum wurde saniert, spätere Bauten wurden teilweise zurückgebaut und durch kleinteiligere Neubauten ersetzt, die sich an der verlorenen historischen Bebauung orientieren.

Anklam ist aber nicht nur eine Stadt der Steine. Seine vielleicht bekannteste Geschichte handelt vom Fliegen. Hier wurde 1848 Otto Lilienthal geboren, der gemeinsam mit seinem Bruder Gustav bereits als junger Mann mit Flugapparaten experimentierte. 1867 und 1868 konstruierten die Brüder Geräte, mit denen sie sich mit der Erzeugung von Auftrieb durch Flügelschlag beschäftigten. Otto Lilienthal wurde später durch seine erfolgreichen Gleitflüge weltberühmt und zu einem wichtigen Wegbereiter der modernen Luftfahrt.

Sein Name ist in Anklam bis heute präsent. Am Pferdemarkt steht das 16 Meter hohe Lilienthal-Denkmal des Bildhauers Walther Preik. Der Satz „Die Macht des Verstandes wird auch im Fluge dich tragen“ verbindet dabei wissenschaftlichen Forschergeist mit einer fast poetischen Vorstellung vom Überwinden der Schwerkraft. Das Otto-Lilienthal-Museum widmet sich dem Leben und Wirken des Flugpioniers und zählt zu den national bedeutenden kulturellen Gedächtnisorten.

Doch auch unter der Erde schlummert Geschichte. 1995 stießen Archäologen bei Ausgrabungen in der Wollweberstraße auf einen Schatz von 2579 Silbermünzen. Die Stücke stammen aus der Zeit vom 13. Jahrhundert bis 1629 und geben einen ungewöhnlichen Einblick in die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt. Wer den Fund im Stadt- und Regionalmuseum im Steintor betrachtet, bekommt eine Ahnung davon, wie eng Anklams Geschichte einst mit Handel, Geld und den Fernverbindungen des Ostseeraums verbunden war.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Auch außerhalb des Zentrums lohnt sich die Suche nach historischen Spuren. Am Peendamm steht die sogenannte Schwedenmühle, eine Holländerwindmühle von ungewöhnlicher Bauart: Die Mühle sitzt gewissermaßen auf einem Wohnhaus. Der Name erinnert an jene Zeit, als Anklam nach dem Westfälischen Frieden teilweise zum schwedischen Herrschaftsgebiet gehörte. Im Süden der Stadt erhebt sich der Hohe Stein, ein mittelalterlicher Landwehrturm, der einst zu einem System von Kontrollpunkten rund um das Stadtgebiet gehörte.

Wer Natur sucht, findet sie unmittelbar vor den Toren der Stadt. Das Peenetal ist eine Landschaft der stillen Wasserläufe, Moore und offenen Flächen. Der Naturpark Flusslandschaft Peenetal schützt eine der größten zusammenhängenden Niedermoorlandschaften Mitteleuropas. Das nahe Anklamer Stadtbruch gehört ebenso zu den bedeutenden Naturräumen der Umgebung. Hier wird verständlich, warum die Peene für Anklam niemals bloß ein Fluss war: Sie ist Landschaft, Verkehrsweg, Lebensraum und bis heute ein wesentlicher Teil der Identität der Stadt.

Eine besondere Atmosphäre bietet schließlich der Bluthsluster Park im Nordosten. Um 1820 auf Initiative des Kaufmanns Friedrich Bluth angelegt, gehört er zu den historischen Grünanlagen der Stadt. Zwischen solchen stilleren Orten, den Backsteinkirchen, dem Steintor und den modernen Spuren des Wiederaufbaus zeigt sich das eigentliche Wesen Anklams: Diese Stadt hat vieles verloren, aber ihre Geschichte nicht. Sie liegt sichtbar in den erhaltenen Mauern und unsichtbar in den Schichten unter dem Marktplatz, in den Geschichten der Hansekaufleute und Fischer, in den Erinnerungsorten des 20. Jahrhunderts und im Namen eines Mannes, der von hier aus gedanklich bereits den Himmel eroberte.

Bei aller Schönheit … wer Anklam heute besucht, begegnet allerdings nicht nur einer Stadt zwischen Hansegeschichte, Peenetal und Otto Lilienthals Flugpioniergeist, sondern auch einer gesellschaftlichen Realität, die in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder eine Rolle spielt. Anklam gilt nach verschiedenen Medienberichten seit Jahren als ein Zentrum der rechtsextremen Szene in Vorpommern. Neben offen auftretenden Neonazi-Strukturen scheinen sich dort auch weniger offensichtliche Netzwerke entwickelt zu haben, die über soziale Angebote, wirtschaftliche Verbindungen und Vereine Einfluss auf das gesellschaftliche Umfeld zu nehmen versuchen. Für Besucher ist diese Seite der Stadtgeschichte und Gegenwart durchaus erwähnenswert, gerade weil sie zeigt, dass Anklam nicht nur ein historischer Ort, sondern auch Schauplatz gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ist. Gleichzeitig gibt es eine engagierte demokratische Gegenbewegung: Initiativen gegen Rechtsextremismus, der Demokratieladen der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und der am Bahnhof entstandene Demokratiebahnhof setzen Zeichen für eine offene Stadtgesellschaft. (sk)

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath