Es gibt Orte an der Ostsee, die vor allem vom Strand erzählen. Und es gibt Heiligenhafen. Hier beginnt die Geschichte nicht mit Strandkörben und Sonnenuntergängen, sondern mit Schiffen, Salz, Sturm und Handel.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath
Weltweit – Das Meer war für die Menschen dieses kleinen Ortes an der Spitze Wagriens über Jahrhunderte Segen und Bedrohung zugleich. Es brachte Wohlstand, verband die Stadt mit dem Norden Europas und zerstörte immer wieder, was die Bewohner mühsam aufgebaut hatten.

Wer heute durch Heiligenhafen geht, muss diese Vergangenheit nicht lange suchen. Sie steckt in den alten Häusern rund um den Marktplatz, im Kirchturm, in den schmalen Straßen und natürlich im Hafen. Dazwischen hat sich längst ein modernes Ostseebad entwickelt, mit Promenaden, Ferienwohnungen, Yachten und einer weithin sichtbaren Seebrücke. Doch anders als an vielen Küstenorten hat der Tourismus die alte Stadt nicht vollständig überformt. Heiligenhafen trägt seine verschiedenen Epochen nebeneinander … manchmal harmonisch, manchmal überraschend.
Schon die Lage erklärt viel. Die Stadt liegt an einer geschützten Bucht, deren abgetrennter Bereich heute als Binnensee bezeichnet wird und dennoch mit der Ostsee verbunden ist. Davor schieben sich Steinwarder und Graswarder wie ein natürlicher Schutzriegel ins Meer. Dahinter liegt die Stadt. Der Graswarder gehört heute zu den wertvollen Naturräumen der Region und steht als Vogelschutzgebiet unter besonderem Schutz. Zwischen Strand, Dünen und Salzwiesen findet sich hier eine Landschaft, die sich deutlich von den belebteren Bereichen des Seebades unterscheidet.
Im Westen wiederum zeigt die Ostsee ihre rauere Seite. Dort fällt die Küste als Steilküste zum Meer ab. Wind, Wellen und Wetter formen das Ufer ständig neu. Wer hier unterwegs ist, erlebt die Ostsee nicht als dekorative Kulisse, sondern als Naturgewalt, die diesen Landstrich seit Jahrtausenden prägt.
Der Name Heiligenhafen, plattdeutsch Hilligenhaven, gibt Historikern bis heute Rätsel auf. Seine genaue Herkunft ist nicht zweifelsfrei geklärt. Fest steht dagegen, dass der Ort bereits im 13. Jahrhundert in schriftlichen Quellen auftaucht. 1305 wurde Heiligenhafen mit dem Lübschen Recht belehnt. Für die Bewohner war das ein wichtiger Schritt: Sie erhielten damit eine rechtliche Stellung, die sie von der Landbevölkerung im Umland unterschied. Heiligenhafen war auf dem Weg zur Stadt.

Und die Stadt wusste ihre Lage zu nutzen. Der Hafen wurde zum wirtschaftlichen Mittelpunkt. 1325 erlaubte Graf Johann III. den Heiligenhafenern die zollfreie Ausfuhr ihrer Erzeugnisse. Das Geschäft florierte, Heiligenhafen entwickelte sich zum Hauptausfuhrhafen des Oldenburger Landes. Das Marktrecht stärkte die Bedeutung zusätzlich. Aus dieser Zeit stammt auch das Stadtsiegel, dessen Gestaltung bis heute im Stadtwappen und in der Stadtflagge weiterlebt.
Doch die Erfolgsgeschichte verlief keineswegs geradlinig. 1320 setzte eine Überschwemmung dem Ort zu. 1391 brannte Heiligenhafen nahezu vollständig nieder. Nur acht Häuser blieben stehen. 1428 folgte die Zerstörung durch dänische Truppen unter König Erik VII. Immer wieder mussten die Menschen ihre Häuser und ihre wirtschaftliche Existenz neu aufbauen.
Besonders hart traf die Stadt das 17. Jahrhundert. Der Dreißigjährige Krieg brachte Not und Unsicherheit. Noch schlimmer wurde es, als zwischen 1627 und 1630 die Pest ausbrach. Die Krankheit stürzte Heiligenhafen beinahe in den Ruin. Brände und Sturmfluten sorgten auch danach dafür, dass die Bewohner dem Meer und den Naturgewalten niemals vollkommen vertrauen konnten. Erst ab 1720 begann eine längere Phase relativer Ruhe.
Vielleicht ist es gerade diese Geschichte, die den alten Stadtkern heute so interessant macht. Er wirkt nicht wie eine künstlich geschaffene Kulisse. Zwischen Bergstraße, Thulboden, Mühlenstraße und Brückstraße sind Strukturen erhalten geblieben, die an die Jahrhunderte alte Hafenstadt erinnern. Die Stadtkirche, deren Geschichte mehr als 750 Jahre zurückreicht, bildet einen markanten Mittelpunkt. Rund um den Marktplatz stehen Bürgerhäuser, viele davon aufwendig restauriert. Das Rathaus aus dem Jahr 1882 fällt ebenfalls ins Auge … bemerkenswert ist, dass es ursprünglich als Wohnhaus errichtet wurde.

Eine andere Geschichte erzählt der Alte Salzspeicher. Salz war für Hafenstädte einst weit mehr als ein gewöhnliches Handelsgut. Es war unverzichtbar für die Konservierung von Lebensmitteln und damit eng mit Fischerei und Seefahrt verbunden. Solche Gebäude erinnern daran, dass der Hafen früher in erster Linie Arbeitsplatz und Handelsplatz war und erst sehr viel später zur Urlaubskulisse wurde.
Diese Entwicklung begann erst im späten 19. Jahrhundert. Als der traditionelle Seehandel an Bedeutung verlor, mussten sich die Menschen neue Einkommensquellen erschließen. Landwirtschaft, Handwerk und Fischerei blieben wichtig, doch 1872 kam eine neue Branche hinzu: der Fremdenverkehr.
Zunächst war der Erfolg überschaubar. 1895 wurde die Deutsche Badegesellschaft Heiligenhafen gegründet. Sie wollte das Seebad systematisch entwickeln und pachtete für hundert Jahre den Küstenstreifen vom Hohen Ufer bis zur Ostspitze des Graswarders. Doch der Erste Weltkrieg setzte den Ambitionen ein vorläufiges Ende. Erst nach 1945 begann der Fremdenverkehr nachhaltig zu wachsen.
Dabei veränderte der Zweite Weltkrieg die Stadt zunächst auf dramatische Weise. Bereits ab 1935 waren am westlichen Stadtrand umfangreiche Kasernenanlagen errichtet worden; 1938 wurde Heiligenhafen Garnisonsstadt. Nach Kriegsende wurden die Kasernen als Krankenhaus genutzt. Die gesamte Region wurde von den britischen Besatzungstruppen zum Gefangenengebiet erklärt. Deutsche Soldaten wurden in Kasernen und Scheunen festgesetzt. Um Fluchten zu verhindern, versenkte man sogar die Boote der Heiligenhafener Fischer auf der Reede.
Gleichzeitig stand die Stadt vor einer völlig anderen Herausforderung: Tausende Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kamen nach Heiligenhafen. Die Einwohnerzahl schnellte von rund 3500 auf etwa 10.700 Menschen hoch. Für eine kleine Stadt war das eine gewaltige Belastungsprobe. Viele Neuankömmlinge mussten zunächst in Barackenlagern untergebracht werden. In den folgenden Jahren entstanden mit Unterstützung von Bund, Land und Kreis neue Wohnungen und ganze Siedlungsbereiche. Heiligenhafen wuchs und musste sich neu erfinden.
Heute erinnert wenig an die Not jener Jahre, wenn im Sommer Besucher mit Fahrrädern entlang der Küste fahren, Kinder am Strand spielen und Segler im Hafen ihre Leinen lösen. Dennoch gehört auch diese Nachkriegsgeschichte zum Charakter des Ortes.

Der große Wandel zum modernen Ferienziel setzte vor allem ab den 1960er Jahren ein. Zwischen 1969 und 1972 entstand westlich der eigentlichen Ortslage der Ferienpark mit rund 1700 Appartements. Heiligenhafen wurde zu einem Urlaubsziel für Familien, Wassersportler und Erholungssuchende. Der Strand wurde erschlossen, Freizeiteinrichtungen kamen hinzu und die touristische Infrastruktur wuchs.
Einer, der diesen Wandel besonders prägte, war der Reeder Willy Freter. Ab 1960 baute er die Seetouristik in Heiligenhafen auf. In den 1970er Jahren waren zeitweise bis zu elf Schiffe für Ausflugs-, Angel- und Butterfahrten im Einsatz. Die kurzen Reisen über die Ostsee gehörten damals für viele Urlauber zum festen Ferienprogramm. Heute erinnert ein nach Freter benannter Platz im Hafen an diese Zeit.
Das moderne Heiligenhafen präsentiert sich inzwischen deutlich vielseitiger. In den vergangenen Jahren wurden Millionenbeträge in die Infrastruktur investiert. Neue Promenaden führen entlang des Binnensees sowie am Yacht- und Fischereihafen. Das Aktiv-Hus bietet Freizeit- und Wellnessangebote, am Hauptstrand gibt es Sport- und Veranstaltungsflächen. Auch die Bedürfnisse älterer Menschen und von Menschen mit Behinderungen wurden bei der Gestaltung berücksichtigt.
Das wohl auffälligste Bauwerk der jüngeren Vergangenheit ist jedoch die Seebrücke. 435 Meter ragt sie seit 2012 hinaus in die Ostsee. Sie ist Aussichtspunkt, Spazierweg und Treffpunkt zugleich. Vor allem aber verändert sie den Blick auf Heiligenhafen: Von hier aus liegt die Stadt plötzlich hinter einem, während vor einem nur noch Wasser und Horizont bleiben.
Unten am Hafen erzählt dagegen weiterhin das alltägliche Leben vom Meer. Fischereiboote liegen neben modernen Yachten, Ausflugsschiffe bringen Besucher aufs Wasser. Der Yachthafen verfügt über rund 1000 Liegeplätze und zieht jedes Jahr zahlreiche Gastlieger an. Heiligenhafen ist damit nicht nur Ferienort, sondern bis heute ein maritimer Wirtschaftsstandort.
Auch wer sich für noch ältere Geschichte interessiert, findet in der Umgebung Spuren. Die bronzezeitlichen Grabhügel Struckberg und Tweltenberge liegen außerhalb der Stadt und gehören zu den geschützten Naturdenkmalen. Sie führen gedanklich weit zurück, in eine Zeit, in der es weder Hafenpromenaden noch Ferienwohnungen gab und die Menschen diese Küstenlandschaft unter ganz anderen Bedingungen bewohnten.
Heute schließlich zeigt sich Heiligenhafen besonders während seiner großen Veranstaltungen von seiner geselligen Seite. Seit 1977 werden die zehntägigen Hafenfesttage gefeiert. Musik, maritime Tradition und Volksfeststimmung ziehen Besucher in den Hafenbereich. Seit 1982 gehört auch „Rock am Kirchberg“ zum Programm.
Und doch muss man nicht auf ein Fest warten, um den besonderen Charakter der Stadt zu erleben. Manchmal reicht ein Spaziergang am frühen Morgen. Wenn die ersten Boote den Hafen verlassen, die Altstadt noch ruhig ist und draußen auf dem Graswarder die Vögel über dem Wasser kreisen, wirkt Heiligenhafen beinahe zeitlos. Dann liegen Mittelalter, Fischerei, Seebadgeschichte und moderner Ostseeurlaub erstaunlich dicht beieinander. (sk)




