Heiligenhafens Herz schlägt am Kai

Noch bevor die ersten Urlauber mit dem Fernglas am Wasser stehen, hat der Tag im Heiligenhafener Hafen längst begonnen. Ein Motor springt an, Leinen werden gelöst, Schritte hallen über den Kai. Die ersten Boote bewegen sich langsam aus dem geschützten Hafenbecken in Richtung Ostsee. Über allem liegt dieser unverwechselbare Geruch aus Meer, Fisch und Hafenluft.
Von HB-Redakteurin Ebru Ataman und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Wer hier unterwegs ist, erlebt Heiligenhafen von einer Seite, die sich nicht zwischen Souvenirläden und Urlaubskulisse versteckt. Der Fischereihafen ist ein Ort, an dem maritime Geschichte nicht hinter Glas liegt. Sie schwimmt auf dem Wasser, hängt an Leinen, steckt in alten Booten und begegnet Besuchern manchmal in Gestalt eines Fischers, der seit Jahrzehnten weiß, wie sich die Ostsee bei wechselndem Wetter verhält.

Der Hafen liegt nördlich der Heiligenhafener Altstadt zwischen dem Festland und der Halbinsel Graswarder. Seine Lage macht ihn zu einem besonderen Übergang zwischen Stadt und Meer. Hier treffen die unterschiedlichen Gesichter des Küstenortes aufeinander: Fischerei und Tourismus, historische Boote und moderne Yachten, tägliche Arbeit und entspannte Urlaubstage.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Besonders eindrucksvoll ist ein Besuch, wenn die Fischer zurückkehren. Dann wird aus dem ruhigen Hafenbecken für kurze Zeit ein geschäftiger Arbeitsplatz. Boote legen an, der Fang kommt an Land, und aus dem Wasser, das vom Ufer aus beinahe idyllisch wirkt, wird wieder ein Wirtschaftsfaktor. Dorsch, Hering und Scholle stehen beispielhaft für eine Fischereitradition, die Heiligenhafen über Jahrhunderte geprägt hat.

Dabei hat sich der Hafen immer wieder neu erfinden müssen. Seine Geschichte beginnt im Mittelalter. Wie die Stadt selbst reichen seine Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurück. Fischerei und Güterverkehr machten den Hafen zu einem wichtigen Bestandteil des Ortes. Auch die Verbindung zur Insel Fehmarn spielte eine bedeutende Rolle.

Die Natur stellte den Menschen dabei immer wieder Aufgaben. Die Hafenzufahrt drohte zu versanden, größere Schiffe konnten nicht zuverlässig bis in das Hafenbecken gelangen. Waren mussten deshalb teilweise vor der Ortmühle auf kleinere Schiffe umgeladen und weitertransportiert werden. Für eine Stadt, deren wirtschaftliches Leben vom Wasser abhing, war das eine erhebliche Herausforderung.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Im 19. Jahrhundert begann die große Ausbauphase. Die Südmole wurde zwischen 1809 und 1834 errichtet, 1838 folgte die Nordmole. 1870 kam die Westmole hinzu. Für deren Befestigung wurde ein mit Steinen beladenes Schiffswrack versenkt. Auch die Verbindung zum Graswarder wurde in dieser Zeit verbessert. Eine Holzbrücke führte über das Wasser, und neue Fährverbindungen sorgten dafür, dass Heiligenhafen stärker mit dem regionalen Verkehrsnetz verbunden wurde.

Damit änderte sich auch der Blick auf den Hafen. Er war nicht mehr ausschließlich Arbeitsort. Mit den ersten Reisenden kam der Fremdenverkehr hinzu. Fährverbindungen nach Fehmarn und Nysted machten den Hafen zu einem Tor zur Küstenregion. Was für Fischer Alltag war, wurde für Reisende zum Erlebnis.

Ende des 19. Jahrhunderts folgte der nächste Modernisierungsschub. 1898 wurde Heiligenhafen an die Kreis Oldenburger Eisenbahn angeschlossen. Die Bahn verband den Ort über Großenbrode mit Fehmarn und Oldenburg. Bis Anfang der 1980er Jahre gehörten Schienen und Hafen damit eng zusammen.

Die Geschichte des Hafens kennt jedoch auch dramatische Kapitel. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er 1945 von der britischen Besatzungsmacht gesperrt. Die örtlichen Fischerboote wurden versenkt, um eine Flucht von Kriegsgefangenen zu verhindern. Für die Heiligenhafener Fischerei war dies ein schwerer Schlag.

Bereits im folgenden Jahr begann der mühsame Neubeginn. Mit Unterstützung von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten wurde das Fischereiwesen wieder aufgebaut. 1949 entstand die Fischereigenossenschaft. Nur wenige Jahre später hatte sich Heiligenhafen zu einem bedeutenden Fischereistandort entwickelt. 1953 war der Ort der größte Fischlandeplatz der westdeutschen Ostseeküste.

Die Hafenanlagen wuchsen weiter. 1954 wurden Nord- und Ostmole vergrößert und erhöht. Der frühere Übergang zum Graswarder wurde durch einen Damm ersetzt. 1955 entstand das 30 Meter hohe Hochsilo am Hafenbecken … ein weithin sichtbares Zeichen für die wirtschaftliche Bedeutung des Hafens.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Doch während die Fischerei ihre Spuren hinterließ, begann sich eine zweite Welt am Wasser zu entwickeln. Heiligenhafen wurde zunehmend zum Urlaubsort. Angel- und Ausflugsfahrten kamen hinzu, später auch weitere touristische Angebote. Zwischen Nordmole und Graswarder entstand ein Yachthafen. Der Hafen bekam dadurch ein neues Publikum, ohne seine maritime Vergangenheit vollständig abzulegen.

1975 wurde erstmals das Hafenfest gefeiert. In den 1970er Jahren erreichte die Fischerei eine besondere Größenordnung: Bis zu 90 Betriebe wickelten ihre Fänge über die Fischereigenossenschaft ab. Der Hafen war damals für viele Menschen Arbeitsplatz, Treffpunkt und wirtschaftliches Zentrum zugleich.

Heute ist das Bild vielfältiger. Zwischen den historischen Spuren und den touristischen Angeboten lässt sich noch immer erkennen, welche Bedeutung das Wasser für Heiligenhafen besitzt. Wer aufmerksam über den Kai geht, entdeckt Details, die leicht übersehen werden: alte Beschläge, Taue, Netze, Boote mit sichtbaren Gebrauchsspuren und Gebäude, deren Funktion sich erst auf den zweiten Blick erschließt.

Eine besondere Ergänzung zur Hafengeschichte ist der Museumshafen. Seit 2019 liegen an einem eigens errichteten Steg an der Nordmole historische Boote und Schiffe. Der Verein Museumshafen am Warder kümmert sich um diesen maritimen Erinnerungsort. Hier wird sichtbar, wie unterschiedlich die Schiffe waren, mit denen Menschen früher auf der Ostsee unterwegs waren.

Der Museumshafen passt damit zu einem Ort, dessen Geschichte sich ohnehin über viele Generationen erstreckt. Wer zwischen den historischen Booten steht, sieht nicht nur alte Schiffe. Er sieht Arbeitsplätze vergangener Zeiten, technische Entwicklungen und die Lebenswelt einer Küstenstadt, in der das Meer über Jahrhunderte den Takt vorgab.

Und dann ist da noch eine ganz andere Form, den Hafen zu betrachten: durch die Augen einer Künstlerin.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

In der Werftstraße 9 befindet sich das Atelier Keen von Marie-Anne Keen. Die freischaffende Künstlerin lebt und arbeitet in Heiligenhafen und widmet sich unter anderem Landschaften, Blumen und maritimen Motiven. Die Ostsee und Heiligenhafen spielen in ihren Arbeiten eine besondere Rolle. Häufig entstehen die Bilder in Acryl auf Leinwand.

Damit führt der Weg vom Hafenbecken direkt in einen kreativen Raum. Draußen verändern Wind, Licht und Wasser ständig ihre Wirkung. Drinnen werden solche Eindrücke zu Farbe und Form. Die maritime Umgebung ist dabei nicht bloß Hintergrund, sondern ein wiederkehrendes Motiv.

Gerade diese Verbindung macht den Besuch interessant. Heiligenhafen lässt sich nicht auf ein einziges Bild reduzieren. Der Ort kann nach Fisch riechen und gleichzeitig Inspiration für Kunst liefern. Er kann laut und geschäftig sein, wenn die Kutter anlegen, und wenige Minuten später wieder ruhig wirken. Historische Hafenanlagen stehen neben touristischer Infrastruktur, Fischerboote neben Yachten.

Am Kai entscheidet letztlich jeder selbst, wie lange er bleiben möchte. Vielleicht beginnt der Spaziergang mit einem Blick auf die Boote und endet in einem kleinen Fischlokal. Vielleicht führt der Weg zum Museumshafen oder in das Atelier Keen. Vielleicht bleibt man einfach auf einer Bank sitzen und beobachtet, wie sich das Licht auf dem Wasser verändert.

Denn gerade darin liegt der besondere Charakter des Heiligenhafener Fischereihafens: Er muss nichts vorspielen. Seine Geschichte ist sichtbar, seine Arbeit hörbar und seine Nähe zur Ostsee unmittelbar spürbar. Zwischen Möwen, Masten und Kaikanten begegnen sich Vergangenheit und Gegenwart … und manchmal reicht ein einziger Blick auf einen auslaufenden Kutter, um zu verstehen, warum das Meer für Heiligenhafen niemals nur Landschaft gewesen ist. (ea)