Wenn Kunst zur Therapie wird

Beim Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki diskutieren Experten über die heilende Kraft der Kultur – und ein Pilotprojekt, das Kunst als Ergänzung zur medizinischen Behandlung etablieren soll.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou

Kunst & Kultur – Im Saal herrscht jene gespannte Aufmerksamkeit, die man sonst eher bei Filmvorführungen erwartet. Doch an diesem Abend geht es nicht um einen neuen Dokumentarfilm, sondern um ein Thema, das weit über die Leinwand hinausweist: die Frage, ob Kultur nicht nur bildet und unterhält, sondern auch heilt. Beim 28. Thessaloniki Documentary Festival wurde am Dienstag, dem 10. März, eine offene Diskussionsrunde mit dem programmatischen Titel „Kultur und Gesundheit – Zeit zum Handeln“ veranstaltet. Anlass war eine neue europäische Studie, die den Einfluss kultureller Aktivitäten auf das geistige und körperliche Wohlbefinden untersucht hat.

Schon der Auftakt der Veranstaltung deutete an, dass hier mehr als nur eine akademische Debatte geführt werden sollte. Marktmanager Thanos Stavropoulos begrüßte das Publikum mit einer Feststellung, die zunächst schlicht klingt, deren Bedeutung jedoch weitreichend ist. „Wir wissen es: Kunst ist gut“, sagte er. „Dank wissenschaftlicher Belege wissen wir nun auch, dass sie zur Gesundheit beiträgt.“ Es ist dieser Übergang von Intuition zu Evidenz, der die Diskussion an diesem Abend prägt.

Dass Kultur mehr sein kann als ästhetischer Genuss, sondern auch eine Ressource für das Wohlbefinden, ist in der Wissenschaft längst kein exotischer Gedanke mehr. Zahlreiche Studien verweisen darauf, dass künstlerische Aktivitäten – vom Museumsbesuch über Theater bis hin zu kreativen Workshops – Stress reduzieren, soziale Bindungen stärken und sogar körperliche Genesungsprozesse unterstützen können. Doch zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und politischer Umsetzung liegt oft eine beträchtliche Strecke. Genau hier setzt die Initiative an, die an diesem Abend vorgestellt wird.

Anna Kasimati, Leiterin des MEDIA Office – Creative Europe, ordnete die Diskussion in einen größeren gesellschaftlichen Kontext ein. Während die Wissenschaft täglich Fortschritte mache und immer neue Lösungen entwickle, entstünden gleichzeitig durch die von Menschen geschaffene Umwelt neue Probleme. „Deshalb müssen wir die Instrumente, die wir zum Schutz unserer Gesundheit benötigen, neu erfinden“, sagte sie. Ihr Hinweis zielte auf einen grundlegenden Wandel im Verständnis von Gesundheit: Weg von der reinen Behandlung von Krankheiten, hin zu einem umfassenderen Konzept von Wohlbefinden.

Im Mittelpunkt des Abends steht schließlich Margarita Alexomanolaki, Leiterin der Direktion für Darstellende Künste und Film im griechischen Kulturministerium. Sie gehört zu denjenigen, die den politischen Rahmen für eine engere Zusammenarbeit von Kultur- und Gesundheitssektor gestalten wollen. Ihre Ausführungen beginnen mit einem Blick nach Brüssel. 2023 habe die Europäische Kommission alle Mitgliedstaaten aufgefordert, Expertengruppen einzurichten, die sich mit dem Dialog zwischen Kultur und Gesundheit befassen.

„Gesundheit ist nicht nur die Abwesenheit von Krankheit“, sagte Alexomanolaki. „Sie ist auch das Vorhandensein von Wohlbefinden.“ Dieser Satz bildet gewissermaßen das Leitmotiv der Veranstaltung. In einer Zeit, in der psychische Belastungen zunehmen und die Gesellschaft gleichzeitig älter wird, gewinnt diese Perspektive an Bedeutung.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben diesen Wandel beschleunigt. Die Corona-Pandemie hat nicht nur medizinische Systeme unter Druck gesetzt, sondern auch das Bewusstsein für mentale Gesundheit geschärft. Isolation, Unsicherheit und die wachsende Digitalisierung des Alltags haben neue Formen der Einsamkeit hervorgebracht. Immer mehr Menschen verbringen einen großen Teil ihres Tages vor Bildschirmen – verbunden mit der Welt, aber oft getrennt von unmittelbarer menschlicher Begegnung.

In diesem Kontext erscheint die Idee, Kultur stärker in Gesundheitsstrategien einzubeziehen, nicht mehr nur als kulturelles Anliegen, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit. Alexomanolaki beschreibt es als Versuch, ein „Ökosystem gegenseitiger Unterstützung“ zu schaffen. Die Ziele sind ambitioniert: das Gesundheitssystem entlasten, den Medikamentenverbrauch reduzieren, individuelle Betreuung ermöglichen und zugleich das Gesundheitspersonal besser integrieren.

Kunsttherapie spiele dabei eine besondere Rolle. Sie ermögliche nicht nur kulturelle Bildung, sondern habe auch einen direkten Einfluss auf die psychische, körperliche und sogar spirituelle Gesundheit. „Wir gestalten eine andere Gesellschaft“, sagt Alexomanolaki, „indem wir Stigmatisierung bekämpfen, soziale Inklusion stärken und die Lebensqualität verbessern.“

Die europäische Studie, auf die sich die Diskussion stützt, hat zunächst die sogenannten Best Practices in verschiedenen Ländern untersucht. Dabei ging es vor allem um erfolgreiche Kooperationen zwischen kulturellen Einrichtungen und dem Gesundheitswesen. Ein Konzept stach dabei besonders hervor: die sogenannte kulturelle Verschreibung.

Der Begriff klingt zunächst ungewohnt. Gemeint ist eine Praxis, bei der Ärzte oder Gesundheitseinrichtungen ihren Patienten kulturelle Aktivitäten empfehlen – etwa Museumsbesuche, Theaterworkshops oder kreative Kurse – als Ergänzung zu medizinischen Behandlungen. Diese Programme richten sich häufig an Menschen mit psychischen Belastungen, chronischen Erkrankungen oder sozialer Isolation.

Genau dieses Modell hat das griechische Kulturministerium nun aufgegriffen. Alexomanolaki erläutert, dass das entsprechende Projekt sich bereits in der finalen Phase eines Pilotprogramms befindet. Von Anfang an sei es ein politisch abgestimmtes Vorhaben gewesen, entwickelt in enger Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium.

Ein entscheidender Faktor für seinen bisherigen Erfolg sei die Einbindung in den nationalen Wiederaufbau- und Resilienzplan „Griechenland 2.0“. Dadurch erhielt das Projekt nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch eine klare strategische Einbettung. Anders als viele kulturelle Initiativen entstand es nicht aus vereinzelten privaten Ideen, sondern als koordinierte staatliche Maßnahme.

Besonders wichtig sei dabei gewesen, die Programme nicht nur auf große Städte zu beschränken. Vielmehr wurden sie bewusst auch in Regionen außerhalb der großen Ballungszentren ausgeweitet. Zugleich achtete man darauf, unterschiedliche Kunstformen zugänglich zu machen – für Menschen verschiedener Altersgruppen und sozialer Hintergründe.

Denn die kulturelle Verschreibung verfolgt nicht nur therapeutische Ziele, sondern auch ein gesellschaftliches. Sie soll Menschen dazu motivieren, sich aktiv mit Kunst auseinanderzusetzen – auch jene, die sonst vielleicht nie den Schritt in ein Museum oder Theater gewagt hätten.

Die praktische Umsetzung solcher Ideen liegt jedoch nicht allein in den Händen von Ministerien. Ohne die Bereitschaft kultureller Institutionen, neue Rollen zu übernehmen, blieben viele Konzepte Theorie. Genau darüber spricht Maria Kokorotskou, Kuratorin für Bildungsprogramme im MOMus, dem Metropolitan Organisation of Museums of Visual Arts of Thessaloniki.

Kokorotskou ist Museologin, Theatrologin und Theaterpädagogin – eine Kombination von Perspektiven, die gut zu dem interdisziplinären Charakter des Projekts passt. Sie erinnert daran, dass viele Museen bereits seit Jahren Programme anbieten, die auf persönliche Entwicklung und Selbstreflexion abzielen.

„Als wir noch ein Fotomuseum waren, sprachen wir von Programmen zur persönlichen Selbstfindung“, sagt sie. Heute habe sich der Begriff verändert. Nun spreche man von kultureller Verschreibung. Das Wort „Verschreibung“ wecke zunächst Assoziationen mit Krankheit. Tatsächlich gehe es aber um etwas anderes.

Die Programme, die im Rahmen des Projekts entwickelt wurden, bezeichnet sie als „Workshops zur künstlerischen Anwendung“. Der Begriff Therapie werde dabei bewusst in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendet – als Fürsorge und soziale Intervention, die vor allem Linderung verschaffen soll.

Dabei gehe es nicht nur um Behandlung, sondern auch um Prävention. Viele psychische Belastungen entstünden aus komplexen Lebenssituationen: Stress, Unsicherheit, gesellschaftlicher Druck. Kunst könne hier Räume schaffen, in denen Menschen sich ausdrücken, reflektieren und mit anderen in Kontakt treten.

Ein entscheidender Faktor sei die Zusammenarbeit verschiedener Institutionen. Krankheiten – ob psychischer oder körperlicher Natur – hätten viele Ursachen und Einflussfaktoren. Deshalb seien Synergien unverzichtbar. Ohne die Kooperation von Kulturinstitutionen, Gesundheitseinrichtungen und politischen Entscheidungsträgern wäre die Umsetzung solcher Programme kaum möglich gewesen.

Kokorotskou betont außerdem, dass die Angebote nicht nur für Menschen mit diagnostizierten psychischen Erkrankungen gedacht seien. „Wir alle sind potenziell krank“, sagt sie. Gerade in einer Gesellschaft, die immer komplexer und anspruchsvoller werde, nähmen psychische Belastungen zu.

Ein Beispiel dafür ist die weit verbreitete Angststörung, die oft unsichtbar bleibt. Viele Menschen erleben solche Zustände, ohne dass sie sofort als Krankheit erkannt werden. Gerade hier könnten kulturelle Aktivitäten eine wichtige Rolle spielen – als niedrigschwellige Möglichkeit, Stress abzubauen und neue Perspektiven zu entwickeln.

Die Diskussion an diesem Abend zeigt, wie sehr sich das Verständnis von Kulturpolitik verändert hat. Lange Zeit wurde Kultur vor allem als Bereich der Bildung oder Unterhaltung betrachtet. Heute rückt sie zunehmend in den Mittelpunkt sozialer und gesundheitlicher Strategien.

Das bedeutet jedoch nicht, dass Kunst zu einem bloßen Instrument der Medizin werden soll. Vielmehr geht es um eine neue Form der Zusammenarbeit, in der kulturelle Erfahrung als eigenständiger Wert anerkannt wird – und gleichzeitig als Ressource für das Wohlbefinden dient.

Am Ende des Abends bleibt der Eindruck, dass hier ein Experiment begonnen hat, dessen Folgen weit über Griechenland hinausreichen könnten. Die Verbindung von Kultur und Gesundheit gehört zu jenen politischen Ideen, die zunächst überraschend wirken, bei näherem Hinsehen jedoch eine erstaunliche Plausibilität entfalten. (mv)

Foto: TiDF/Media Desk Greece