Wer an die Südküste Kretas reist, spürt oft schon beim ersten Blick auf das tiefblaue Meer und die sonnenbeschienenen Hügel die besondere Magie dieser Landschaft. Doch über der weiten Küstenlinie von Myrtos erhebt sich ein Ort, der nicht nur Schönheit, sondern auch jahrtausendealte Geschichten in sich trägt.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler
Reisen – Fournou Koryfi, eine archäologische Ausgrabungsstätte von einzigartiger Bedeutung, entführt seine Besucher in eine Welt, die im 3. Jahrtausend v. Chr. entstand und noch heute durch ihre Funde fasziniert. Hier weht der Atem der Frühzeit, als die ersten minoischen Gemeinschaften auf Kreta ihre Siedlungen gründeten und ein Kulturerbe schufen, das bis in die Gegenwart nachhallt.

Die Siedlungsreste von Fournou Koryfi liegen auf einer 66 Meter hohen Erhebung, die wie ein Wächter über der Küste thront. Von hier aus blickten die Bewohner einst über das Meer, während sie ihre zellenartig gebauten Häuser mit Lehmziegeln und unregelmäßigen Steinen errichteten. Diese Gebäude, innen weiß gekalkt und teilweise mit roter Bemalung verziert, erzählen noch heute von einem Leben voller handwerklicher Kunstfertigkeit und gemeinschaftlicher Strukturen. Umgeben von einer schützenden Steinmauer mit zwei Toren, wirkte die Anlage fast wie eine kleine Festung, deren Südeingang zusätzlich durch eine Bastion gesichert war.
Die Ausgrabungen unter Leitung der British School at Athens brachten faszinierende Details ans Licht. So fanden Archäologen neben Wohn- und Lagerräumen auch Werkstätten für Keramikherstellung, Textilverarbeitung sowie Anlagen zur Wein- und Olivenproduktion – ein eindrucksvolles Zeugnis des frühen kretischen Alltagslebens. Besonders spektakulär sind die Funde von Keramik im Koumassa- und Vassiliki-Stil, darunter zahlreiche charakteristische Schnabelkannen, die den Einfluss verschiedener regionaler Stile dokumentieren.
Ein Höhepunkt der Entdeckungen ist die „Göttin von Myrtos“, ein 21 Zentimeter hohes Terrakotta-Weihgefäß in Gestalt einer Frau mit überlangem Hals und einer Miniaturkanne im Arm. Sie gilt als Kultobjekt von unschätzbarem Wert und ist heute im Archäologischen Museum von Agios Nikolaos zu bewundern. Ihr Fund in der Nähe zweier auffälliger Altarsteine deutet auf rituelle Handlungen hin, die möglicherweise der Ahnenverehrung dienten. Die Faszination dieser Figur liegt in ihrer Mischung aus kunstvoller Gestaltung, geheimnisvoller Symbolik und der Tatsache, dass sie einen direkten Blick in die religiöse Welt der Minoer erlaubt.
Archäologen sind sich uneinig, ob es sich bei Fournou Koryfi um eine Siedlung einer erweiterten Familie, um mehrere Haushalte oder um die Residenz einer bedeutenden lokalen Persönlichkeit handelte. Doch gerade diese Vielschichtigkeit der Interpretationen macht den Ort lebendig, denn sie öffnet Raum für Spekulationen über das soziale Gefüge der minoischen Zeit. Sicher ist jedoch, dass die Bewohner ein enges Verhältnis zu ihrer Umgebung pflegten: Knochen- und Muschelfunde zeugen von Jagd, Viehzucht und Fischfang, während Keramikreste die Bedeutung von Handel und Austausch widerspiegeln.
Besucher, die heute nach Myrtos reisen, können im dortigen Museum ein maßstabsgetreues Modell der Siedlung betrachten, das die damalige Anlage detailgetreu nachbildet. Wer jedoch den Hügel selbst erklimmt, spürt zwischen den alten Steinen und der mediterranen Vegetation eine Atmosphäre, die Vergangenheit und Gegenwart auf besondere Weise verbindet. Fournou Koryfi ist mehr als nur ein Ort der Archäologie – es ist ein Fenster in die frühminoische Seele Kretas, ein Platz, an dem Geschichte greifbar und zugleich geheimnisvoll bleibt. (sk)





