In einer Welt, in der die Wege der Frauen selten in die Geschichtsbücher führten, ist Lydia von Philippi ein leuchtender Name im Mosaik der frühen Christenheit. Ihre Geschichte beginnt im antiken Thyatira, dem heutigen Akhisar in der Türkei, und reicht bis an die Ufer eines kleinen Baches bei Philippi in Griechenland, wo der Funke des christlichen Glaubens zum ersten Mal europäischen Boden berührte.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou
Zum Gedenktag der apostelgleichen Heiligen
am 7. Mai, 20. Mai und 3. August in der griechisch-orthodoxen Kirche.
Götter & Gelehrte – Lydia war Purpurhändlerin – ein Beruf, der mit dem edelsten Stoff jener Zeit verbunden war, einem Symbol von Wohlstand, Status und königlicher Macht. Doch ihr eigentlicher Glanz liegt in einem anderen Purpur: dem des Glaubens, den sie in sich trug und in ihrer Umgebung verbreitete. Die griechisch-orthodoxe Kirche ehrt sie deshalb nicht nur als Heilige, sondern mit dem ehrwürdigen Titel ισαπόστολος – apostelgleich.
Die Apostelgeschichte (16,14-15) berichtet von der Begegnung der Purpurhändlerin mit dem Völkerapostel Paulus in Philippi. Lydia, eine „Gottesfürchtige“, gehörte zu jenen heidnischen Griechen, die sich dem jüdischen Glauben annäherten – neugierig, offen, suchend. Als Paulus das Evangelium predigte, „öffnete der Herr ihr das Herz“, sodass sie und ihr ganzes Haus sich taufen ließen – ein heilsgeschichtlicher Moment: die erste Taufe auf europäischem Boden.
Diese Taufe fand der Überlieferung nach an einem kleinen Bach vor den Toren der Stadt statt – heute ein Ort des Gedenkens, an dem sich Pilgerinnen und Pilger aus aller Welt versammeln. In der Nähe befindet sich eine neue Lydia-Kirche, die ihr geweiht ist, ebenso wie die Reste einer frühchristlichen Basilika.
Doch Lydia war nicht nur Hörerin, sondern Handelnde: Sie nahm Paulus und seinen Begleiter Silas in ihr Haus auf – in einer Zeit, in der Gastfreundschaft Mut erforderte. Ihr Haus wurde zum ersten christlichen Hauskreis Europas – vielleicht gar zur Keimzelle der Gemeinde von Philippi, der Paulus später in seinem berühmten Brief dankbar für ihre Unterstützung gedachte. Lydia erscheint hier als geistliche Mutter und Beschützerin der jungen Kirche.
Lydia starb vermutlich gegen Ende des 1. Jahrhunderts. Ihre Spuren verlieren sich im Dunkel der Zeit, doch ihre geistige Präsenz blieb hell: In der Ikonographie wird sie oft mit Purpurstoff in der Hand dargestellt – als Symbol ihrer irdischen Tätigkeit und ihrer himmlischen Berufung. Neben ihr stehen manchmal Silas oder eine Diakonisse namens Posidonia – ein Hinweis auf die frühe Rolle der Frauen im Gemeindeleben.
In der griechisch-orthodoxen Kirche wird ihrer mit großer Ehrfurcht gedacht – und das gleich an drei Tagen: am 7. Mai, 20. Mai und 3. August. Diese Gedenktage bieten Gläubigen Anlass, nicht nur der Heiligen zu gedenken, sondern auch ihre eigene Berufung zu prüfen: Offen zu sein für das Wort, gastfreundlich im Glauben, mutig in der Tat.
Lydia von Philippi ist nicht nur Schutzpatronin der Färber und Textilarbeiter, sondern auch der Suchenden und derer, die inmitten des Alltags nach dem Höheren greifen. Ihre Geschichte zeigt, dass selbst eine Geschäftsfrau aus Kleinasien, fernab von Machtzentren und ohne kirchliches Amt, durch ihr offenes Herz und ihren festen Glauben zur Apostolin Europas werden konnte.
Ein Purpurgewand des Glaubens, gewoben aus Offenheit, Mut und Hingabe – das ist das Vermächtnis der heiligen Lydia von Philippi. (mv)





