Im Schatten der Geschichte: Der Völkermord an den Pontos-Griechen

In der bewegten Geschichte des östlichen Mittelmeerraums ist ein düsteres Kapitel lange Zeit übersehen worden: der Völkermord an den Pontos-Griechen, ein systematisch geplanter Vernichtungsfeldzug, der zwischen 1916 und 1923 im Osmanischen Reich zehntausende Opfer forderte.
Von HB-Redakteur Jorgos Kontos

Aktuell/Geschichte – Der 19. Mai, heute offizieller Gedenktag der pontischen Griechen, erinnert an den Beginn dieser Gräueltaten – ein Datum, das für viele Nachfahren der Opfer nicht nur ein Symbol des Verlustes, sondern auch der Überlebenskraft ihrer Kultur ist.

Griechische Opfer der smyrneischen Katastrophe und trauernde Angehörige (Photo des amerikanischen Roten Kreuzes). Foto: http://www.greece.org/genocide/quotes/q-he-smyrna-vict-families.html, Gemeinfrei, wikimedia.org

Die pontischen Griechen, eine alteingesessene griechischsprachige Bevölkerungsgruppe an der südlichen Schwarzmeerküste in der Region Pontos – im heutigen Nordosten der Türkei – blicken auf über 2.700 Jahre Geschichte zurück. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. gründeten ionische Griechen hier Handelskolonien wie Trapezunt (heute Trabzon), Sinope und Amisos (heute Samsun). Über Jahrhunderte hinweg entstand in dieser abgeschiedenen Region eine eigene kulturelle Identität: mit eigenem Dialekt, byzantinisch-orthodoxem Glauben und engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland, Georgien und dem übrigen griechischen Kulturraum.

Mit dem Niedergang des Osmanischen Reiches und dem Aufstieg nationalistischer Bewegungen Anfang des 20. Jahrhunderts begann sich die Situation der nicht-muslimischen Minderheiten drastisch zu verschärfen. Nach dem Vorbild des bereits begonnenen Genozids an den Armeniern ab 1915 gerieten auch die griechisch-orthodoxen Gemeinschaften in den Fokus der osmanischen Politik, die zunehmend unter dem Einfluss der jungtürkischen Bewegung stand. Ab 1916 kam es in Pontos zu massenhaften Deportationen, Zwangsarbeit, Zwangsislamisierungen und gezielten Massakern an der Zivilbevölkerung.

Insbesondere während des Griechisch-Türkischen Krieges (1919–1922) eskalierte die Gewalt. Unter dem Kommando von Mustafa Kemal Atatürk begann am 19. Mai 1919 mit seiner Landung in Samsun eine großangelegte „Säuberungsaktion“, die sich gezielt gegen die pontischen Griechen richtete. Männer wurden in sogenannte „Arbeitsbataillone“ gepresst, in denen sie unter unmenschlichen Bedingungen starben. Frauen, Kinder und Alte wurden auf Todesmärsche durch das anatolische Hinterland geschickt, viele von ihnen verhungerten, erfroren oder wurden ermordet. Zeitzeugenberichte und internationale Beobachtungen, etwa durch US-amerikanische und skandinavische Missionare, zeichnen ein erschütterndes Bild der systematischen Gewalt, die sich über Jahre hinzog.

Schätzungen zufolge kamen während der Völkermordphase etwa 350.000 pontische Griechen ums Leben. Mit dem Vertrag von Lausanne 1923 wurde der Völkermord nicht nur nicht aufgearbeitet, sondern durch den „Bevölkerungsaustausch“ zwischen Griechenland und der Türkei nachträglich legitimiert: Die Überlebenden wurden gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen und in Griechenland ein neues Leben zu beginnen – entwurzelt, oft verarmt, aber mit dem starken Willen, ihre Traditionen zu bewahren.

Heute erinnern neben Gedenkveranstaltungen in Griechenland, Zypern und weltweit auch zahlreiche Denkmäler, wie in Thessaloniki oder München, an das Schicksal der pontischen Griechen. Ihre Kultur – Musik, Tanz, Sprache und christlich-orthodoxe Bräuche – lebt im Exil weiter. Doch der Völkermord selbst ist bis heute nicht international anerkannt. Während Staaten wie Griechenland, Zypern, Schweden und Armenien ihn offiziell als solchen einstufen, fehlt bis heute eine entsprechende Anerkennung durch Deutschland oder internationale Gremien wie die Vereinten Nationen.

Ein Besuch in der Schwarzmeerregion heute bietet dem Reisenden atemberaubende Natur, pittoreske Bergdörfer und Spuren byzantinischer Geschichte wie das Sumela-Kloster. Doch unter der Oberfläche dieser landschaftlichen Schönheit liegt eine schmerzvolle Vergangenheit verborgen. Wer sich auf diese Reise begibt, begegnet nicht nur der kulturellen Vielfalt Anatoliens, sondern auch den Schatten eines ungesühnten Verbrechens. Der 19. Mai mahnt uns, dieses Kapitel nicht zu vergessen – nicht nur als Akt des Gedenkens, sondern auch als Verpflichtung für die Zukunft. (jk)

Kränze nach einer Gedenkveranstaltung von thrakischen und Pontos-Griechen in Stuttgart. Foto: Ikar.us, CC0, wikimedia.org