Wo endet ein Zuhause?

Eine Anthologie muss nicht eine gemeinsame Stimme haben. „Grenzenloses Erzählen“ zeigt, wie unterschiedlich die Antworten auf Herkunft, Erinnerung und Zugehörigkeit ausfallen können.
Von HB-Redakteurin Maria Vlachou

Literatur – Es gibt Bücher, die ein Thema behandeln. Und es gibt Bücher, in denen ein Thema sich erst beim Lesen langsam herausbildet.

„Grenzenloses Erzählen“ gehört zur zweiten Kategorie. Die Anthologie der Gesellschaft Griechischer AutorInnen in Deutschland und des Kater Literaturverlags versammelt zahlreiche literarische Stimmen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit Griechenland verbunden sind. Gedichte stehen neben Erzählungen, autobiografisch anmutende Texte neben poetischen Miniaturen. Manche Beiträge wirken wie Erinnerungsstücke, andere wie kleine literarische Versuchsanordnungen.

Und doch entsteht zwischen ihnen ein Zusammenhang: die Erfahrung, dass ein Mensch mehr als einen Ort, mehr als eine Sprache und manchmal auch mehr als eine Vorstellung von sich selbst in sich tragen kann.

Schon die Zweisprachigkeit des Bandes – alle Texte sind auf Deutsch und Griechisch zugänglich – macht diesen Gedanken unmittelbar erfahrbar. Die Anthologie ist damit nicht nur eine Sammlung deutsch-griechischer Literatur, sondern selbst ein Buch des Übergangs.

Foto: Hellas-Bote

Einer der interessantesten Einstiege in dieses Zwischenland ist Philipp Ammon. Sein Gedicht „Transitzone“ beginnt mit einem Aufbruch: Ein alter Reisepass, ein Fell aus Schafshaar, die Tischdeckchen der Großmutter, ein Liebesbrief und eine Handvoll Kirschkerne werden eingepackt. Es sind keine großen historischen Symbole, sondern Dinge, die ein Mensch tatsächlich mitnehmen könnte. Gerade dadurch wird der Abschied greifbar. Was nimmt man mit, wenn eine Zeit zu Ende geht? Und was lässt sich überhaupt einpacken?

Bei Elena Mpei wird der Bahnhof ebenfalls zum Ort des Abschieds. In ihrem Text stehen zwei Menschen vor einer Trennung, während Koffer, Kirschbäume und die Angst vor einer neuen Zeit zwischen ihnen stehen. Besonders eindringlich ist dabei die Vorstellung, die eigene Sprache könne an der Grenze zur neuen Welt unverständlich werden. Die „Transitzone“ ist hier nicht nur ein geografischer Ort. Sie wird zu einem inneren Zustand: Man ist unterwegs, aber noch nicht angekommen.

Solche Bilder machen die Anthologie stärker als jede abstrakte Definition von Migration. Denn plötzlich geht es nicht mehr um Statistiken oder politische Begriffe, sondern um einen Reisepass, einen Koffer, einen Bahnhof, einen Satz, den vielleicht niemand mehr versteht.

Ganz anders verfährt Kyro Ponte. In „Briefe an die Thessalonicher“ spricht eine Figur über ihr Leben in Thessaloniki, über Erinnerungen, enttäuschte Erwartungen und den schmerzhaften Vergleich zwischen dem Menschen, der man einmal war, und dem, der man geworden ist. Die Figur trägt sogar unterschiedliche Namen: „Lilly“ und „Marlen“. Allein darin steckt bereits ein kleines Drama der Identität. Wer sind wir – und wer sind wir an den verschiedenen Orten, an denen wir leben?

Ponte treibt diese Frage an anderer Stelle auf überraschende Weise weiter. Ein Goldfisch wird zum Bild für einen Menschen, der sich nicht mit einem begrenzten Lebensraum abfinden will. Aus dem Glaskolben führt der Weg in den Ozean – und damit in eine Welt der Erinnerung und der Freiheit. Das ist eine poetische, beinahe märchenhafte Form, über Begrenzung zu sprechen.

Überhaupt ist es bemerkenswert, wie selten die Autorinnen und Autoren des Bandes bei einer einzigen Tonlage bleiben.

Bei Sigune Schnabel wird Heimat zu einem widersprüchlichen Wesen. In ihrem Gedicht erscheint sie als „sanftes Tier“ mit schwarzen Zähnen – zugleich vertraut und gefährlich, verbunden mit dem Horizont der Kindheit und doch mit einem fremden Blick. In einem weiteren Gedicht geht die Sprecherin in ein Land, dessen Sprache sie nicht versteht, und beginnt dort, neue Worte zu pflanzen. Sprache wird so nicht nur zum Mittel der Verständigung, sondern zu etwas, das erst wachsen muss.

Noch konkreter wird diese Verbindung von Sprache, Erinnerung und Familie in „Der Trenchcoat von Humphrey Bogart“. Alte Kleidungsstücke, die die Mutter aus gespendeten Stoffen näht, und alte Fotografien führen in die Geschichte einer Familie zurück, deren Eltern das Dorf verlassen haben und nach Deutschland ausgewandert sind. Was zunächst wie eine persönliche Kindheitserinnerung wirkt, wird zu einem Stück Migrationsgeschichte – erzählt nicht über große historische Begriffe, sondern über Kleidung, Schränke, Bilder und Dinge, die zurückgelassen wurden.

Vielleicht ist gerade das eine der großen Qualitäten dieser Anthologie: Die großen Fragen kommen häufig durch die Hintertür.

Bei Parthéna Pérez etwa wird die Frage nach Zugehörigkeit über familiäre Erwartungen erzählt. Eine Tochter fühlt sich von der Rolle eingeengt, die ihr zugeschrieben wird: die „Studierte“, die viele Sprachen spricht und scheinbar alles weiß. Erst eine Umarmung löst die Spannung. Plötzlich ist da ein Gefühl von Zuhause. Nicht als geografische Kategorie, sondern als menschliche Erfahrung. Pérez’ eigene Biografie – geboren auf Samothraki, Migration der Familie nach Deutschland, langjährige Arbeit als Lehrerin – gibt diesem Motiv zusätzliches Gewicht.

Und dann ist da Anna Tastsoglou, deren Text ganz anders klingt. Bei ihr werden Worte beinahe zu lebendigen Wesen: Sie werden zu Stimmen, Tränen, Lachen, Liebe, Tod, Traum, Hoffnung und Leben. Das Schreiben selbst wird zum Vorgang der Selbstverständigung. Am Ende steht der Wunsch nach einer Versöhnung mit dem Leben.

Damit verschiebt sich der Blick noch einmal. Es geht nicht mehr nur darum, wo jemand lebt oder woher jemand kommt. Es geht darum, was Sprache mit einem Menschen macht.

Genau hier wird die Zweisprachigkeit des Buches besonders interessant. Deutsch und Griechisch stehen sich nicht wie zwei abgeschlossene Räume gegenüber. Vielmehr entsteht der Eindruck eines ständigen Übergangs. Ein Gedanke kann in der einen Sprache beginnen und in der anderen eine andere Färbung bekommen. Erinnerung ist schließlich niemals neutral – und Sprache ist ein Teil dieser Erinnerung.

Dass die Sammlung dabei nicht nur leise und nachdenklich ist, macht ihren Reiz aus. Manche Texte sind surreal, manche philosophisch, manche unmittelbar erzählerisch. Es gibt Ironie, Melancholie, politische Untertöne und poetische Verdichtung. Der Band will nicht alle Stimmen auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Und das ist gut so.

Denn die Vorstellung, Menschen mit griechisch-deutscher Biografie hätten zwangsläufig eine ähnliche Erfahrung, wäre selbst eine Art Grenze. „Grenzenloses Erzählen“ widerspricht dieser Vereinfachung durch seine Vielfalt.

Besonders deutlich wird das bei den Gedichten. Philipp Ammon greift auf historische und kulturelle Bilder zurück, während Stefan Tikatsch in einer viel freieren, teilweise spröden Sprache arbeitet. In seinem Gedicht „Nicht Homer“ erscheinen kulturelle Brüche, Zeit, Zerfall und die Frage nach menschlicher Verbundenheit in kurzen, kantigen Bildern. Das ist keine dekorative Griechenland-Lyrik, sondern eine bewusst moderne, fragmentierte Sprache.

So entsteht ein Buch, das Griechenland nicht als touristische Kulisse behandelt. Das Land ist Erinnerungsort, Herkunft, Sehnsucht, Gegenwart, kultureller Bezugspunkt – manchmal auch nur ein Echo. Deutschland wiederum erscheint nicht einfach als Gegenpol. Zwischen beiden Ländern entstehen zahlreiche Zwischenräume.

„Grenzen sind Linien, die Menschen ziehen – auf Karten, in Sprachen und in ihren Gedanken. Doch Geschichten kennen keine Grenzen. Sie überqueren Meere, verbinden Kontinente und verwandeln Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühle in Worte, die jede Begrenzung überschreiten. Die Autorinnen und Autoren dieser Anthologie teilen eine gemeinsame Besonderheit: eine persönliche, kulturelle oder literarische Verbindung zu Griechenland. Manche wurden dort geboren, andere tragen das Land als Duft in ihrer Erinnerung, als Bild in ihrem Blick oder als Haltung in ihrem Leben. Gemeinsam verweben sie ein farbiges Geflecht von Erzählungen, das zeigt, wie unerschöpflich und vielstimmig Literatur sein kann“, so Michalis Patentalis, Vorsitzender der Gesellschaft Griechischer AutorInnen in Deutschland, der selber mit seinen Texten im Buch vertreten ist. Foto: Privat

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Titels. Grenzenlos erzählt wird hier nicht, weil es keine Grenzen gäbe. Grenzenlos wird erzählt, weil Literatur sie sichtbar machen und zugleich überschreiten kann.

Die Texte zeigen, dass ein Mensch an einem Ort geboren werden und an einem anderen zu Hause sein kann. Dass eine Sprache verloren gehen und später wiedergefunden werden kann. Dass Erinnerungen über Generationen weitergegeben werden. Und dass manchmal ein Gegenstand – ein alter Pass, ein Kleidungsstück, ein Foto, ein Kirschkern – mehr über Migration erzählen kann als eine ganze Abhandlung.

Eine Anthologie wie diese muss deshalb nicht geschlossen wirken. Im Gegenteil: Ihre Offenheit ist ihre eigentliche Form.

Man liest einen Text und glaubt, eine Antwort gefunden zu haben. Dann folgt ein Gedicht, das alles wieder infrage stellt. Eine Erzählung führt zurück in die Kindheit, die nächste in eine fremde Stadt. Ein Autor schreibt über Freiheit, eine Autorin über Abschied, ein anderer über die Suche nach einem Ort, an dem die eigene Sprache nicht fremd klingt.

Am Ende bleibt keine Definition von Heimat.

Es bleibt etwas Interessanteres: die Erkenntnis, dass Heimat vielleicht weniger ein Punkt auf einer Landkarte als eine Sammlung von Geschichten ist. Und dass manche dieser Geschichten erst dann wirklich beginnen, wenn man eine Grenze überschritten hat.

„Grenzenloses Erzählen“ ist deshalb eine vielstimmige literarische Einladung: nicht dazu, Grenzen zu vergessen, sondern dazu, genauer hinzusehen, was auf beiden Seiten von ihnen erzählt wird.

Grenzenloses Erzählen, Anthologie, Kater Literaturverlag, Viersen, 308 Seiten, Paperback, 14,8 × 21 cm, 14,99 Euro, ISBN 978-3-944514-58-1. (mv)