Goethe und Griechenland – Eine geistige Brücke zwischen Weimar und Hellas

Johann Wolfgang von Goethe, Dichterfürst, Naturforscher und Staatsmann, gilt als einer der größten Repräsentanten der deutschen Kulturgeschichte. Dass er ein leidenschaftlicher Verehrer der griechischen Antike war, ist weithin bekannt.
Von HB-Redakteur Panos Ventouris

Kunst & Kultur – Weniger bewusst ist jedoch, wie tief und vielseitig seine Beziehung nicht nur zur Antike, sondern auch zum zeitgenössischen Griechenland reichte. Goethe schuf damit eine geistige Brücke zwischen Weimar und Hellas, die bis heute nachwirkt.

Schon in jungen Jahren war die griechische Welt für Goethe (* 28. August 1749 in Frankfurt am Main; † 22. März 1832 in Weimar) mehr als bloße Gelehrsamkeit – sie wurde für ihn zu einem moralischen und ästhetischen Leitstern. In den Idealen von Maß, Besonnenheit und Harmonie sah er ein Gegenmodell zu den Exzessen seiner Epoche. Zeugnis davon geben seine „Maximen und Reflexionen“, in denen er die Griechen als das Volk beschreibt, „das den Traum des Lebens am schönsten geträumt“ habe.

Der Gipfelpunkt dieser Auseinandersetzung ist zweifellos der Helena-Akt in „Faust II“. Goethe verschmolz darin die Welt der griechischen Tragödie mit seiner modernen Dichtung und erhob die schöne Helena zur Symbolfigur eines zeitlosen, übernationalen Ideals. Es ist nicht nur eine poetische Huldigung, sondern auch ein Bekenntnis: Die Antike war für ihn Maß und Ziel, das Bleibende im Wandel der Zeiten.

Goethe war überzeugt, dass die Prinzipien der griechischen Lebenshaltung – Maß, Demut, Ehrfurcht und Autarkie – auch für die Zukunft unverzichtbar seien. Nur eine Rückbesinnung auf diese Werte könne die Menschheit dauerhaft überlebensfähig machen, so seine Mahnung. Damit sprach er Gedanken aus, die heute, im Zeitalter ökologischer und sozialer Krisen, eine überraschende Aktualität besitzen.

Anders als viele Vertreter der Klassik und des Klassizismus, die im antiken Griechenland einen unerreichbaren Idealstaat sahen, wandte Goethe sein Interesse auch dem modernen Griechentum zu. Schon früh beschäftigte er sich mit der neugriechischen Kultur und Literatur.

Besonders deutlich zeigt sich das im Jahr 1823, als er in seiner Zeitschrift Über Kunst und Altertum sechs Klephtenlieder – Volksgesänge der griechischen Freiheitskämpfer – in deutscher Übersetzung veröffentlichte. Diese Lieder, die aus dem griechischen Unabhängigkeitskampf gegen die osmanische Herrschaft hervorgingen, berührten Goethe tief. In ihnen sah er nicht nur das Echo der antiken Heldenwelt, sondern auch die lebendige Stimme eines Volkes, das nach Freiheit strebte.

Ein weniger bekanntes, aber historisch bedeutsames Kapitel in Goethes Leben ist seine Begegnung mit Johannes Kapodistrias (1776–1831), der später erster Staatspräsident Griechenlands wurde. Beide trafen sich 1818 in Karlsbad während einer Kur, wohnten sogar im selben Haus und standen in regem Austausch.

Goethe war fasziniert von Kapodistrias politischer Weitsicht und persönlichen Integrität. Nach dem Ausbruch der griechischen Revolution 1821 kam es noch zu zwei weiteren Treffen in Weimar. Diese Begegnungen unterstreichen, dass Goethes Interesse am „jungen Hellas“ nicht nur literarischer oder ästhetischer Natur war, sondern auch politisch-historische Dimensionen hatte.

Goethes Haltung zu Griechenland lässt sich in zwei Strömungen fassen: einerseits die bedingungslose Verehrung der Antike, die er als Ideal menschlicher Gestaltungskraft verstand, andererseits die offene Zuwendung zum zeitgenössischen Griechenland, dessen Freiheitskampf er mit Sympathie verfolgte. Damit unterschied er sich von vielen seiner Zeitgenossen, die ausschließlich das „klassische“ Hellas feierten.

Seine Worte, „Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höhern Bildung bleiben“, sind nicht nur eine Erinnerung an das Erbe der Antike, sondern auch ein Aufruf zur geistigen Selbstvergewisserung Europas.

Goethe verband Weimar mit Griechenland – nicht geografisch, sondern geistig. Er sah in der griechischen Kultur den Ursprung und die Richtschnur der europäischen Zivilisation, aber auch ein lebendiges Gegenüber, das er in seiner Zeit ernst nahm. Ob im „Faust II“, in den Übersetzungen neugriechischer Volkslieder oder im persönlichen Austausch mit Kapodistrias: Goethe schuf ein Vermächtnis, das die kulturelle Nähe zwischen Deutschland und Griechenland bis heute inspiriert. (pv)

Goethe in der Campagna von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787 – Foto: Städel-Museum Frankfurt, Fotograf: Martin Kraft, The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202, Gemeinfrei, wikimedia.org