Georgios Chortatzis – Auf den Spuren des kretischen Dramatikers in Rethymno

Wer durch die engen Gassen von Rethymno schlendert, zwischen den bunten Fassaden venezianischer Villen und den Düften mediterraner Tavernen, spürt sofort, dass Kreta mehr ist als Sonne und Strand.
Von HB-Redakteurin Nadja Becker

Geschichte – Hier, wo Geschichte und Gegenwart in jedem Stein lebendig werden, begegnet man auch dem Erbe eines Mannes, der die Literatur Griechenlands für immer geprägt hat: Georgios Chortatzis. Seine Worte hallen bis heute nach, und wer die Insel bereist, taucht nicht nur in eine Landschaft voller Olivenhaine, Festungen und Kirchen ein, sondern auch in die Welt eines Dichters, dessen Werke die kretische Seele widerspiegeln.

Chortatzis wurde um 1550 geboren, in einer Zeit, als Kreta unter venezianischer Herrschaft stand und kulturelle Einflüsse aus Italien, Byzanz und dem Mittelmeerraum zusammenflossen. Über sein Leben ist nur wenig bekannt, doch Widmungen in seinen Texten lassen vermuten, dass er aus einer wohlhabenden Familie stammte und Zugang zu umfassender Bildung hatte. Er wird sogar in einem Gedicht von Marinos Tzanes Bunialis erwähnt, das ihn als herausragende Figur der kretischen Dichterschule feiert. Diese literarische Bewegung machte Kreta zu einem Zentrum des Humanismus und der Poesie, vergleichbar mit den großen kulturellen Strömungen der Renaissance.

Sein berühmtestes Werk, die Tragödie Erofili, spielt in Ägypten und erzählt eine Geschichte voller Liebe, Verrat und Machtkämpfe. Sie wurde von italienischen Vorbildern inspiriert, aber mit kretischer Leidenschaft und Sprachkraft versehen. Ebenso faszinierend sind die Komödie Katsourbos und das pastorale Drama Panoria, die Einblicke in das Alltagsleben, die Gesellschaft und die Sehnsüchte der damaligen Zeit geben. Auch kurze Interludien, die bei festlichen Anlässen aufgeführt wurden, zeugen von seinem Talent, Humor und Tragik kunstvoll zu verbinden.

Wer heute nach Kreta reist, kann den Spuren dieser Epoche folgen. In Rethymno erhebt sich die mächtige Festung Fortezza, die einst die Stadt vor Angriffen schützte und in deren Mauern man das Gefühl hat, in die Welt Chortatzis’ zurückzukehren. Die Altstadt mit ihren Arkaden, venezianischen Palazzi und byzantinischen Kirchen erzählt von derselben kulturellen Blütezeit, in der der Dichter lebte und wirkte. Auch das nahegelegene Kloster Arkadi, Symbol des Freiheitskampfes der Kreter, und die malerische Umgebung mit ihren Dörfern und Weinbergen lassen den Geist jener Epoche spürbar werden.

Eine Reise auf Chortatzis Spuren bedeutet nicht nur, Literaturgeschichte zu erleben, sondern auch Kreta mit allen Sinnen zu entdecken: den Klang der kretischen Lyra in den Tavernen, den Duft von Thymian in den Bergen, den Geschmack von Olivenöl und Wein, die Wärme der Sonne auf der Haut. Chortatzis ist ein Teil dieser Insel, so lebendig wie ihre Landschaften und so zeitlos wie ihre Kultur. (nb)

Foto: Hellas-Bote/KI