Eine Wunde im Paradies: Auf Korfu erzählt ein 50 Meter langer roter Schnitt von den Narben der Landschaft

Fünfzig Meter lang, sieben Meter breit und von schwarzen Nähten zusammengehalten: Mit einer ungewöhnlichen Land Art Installation lenkt der Künstler The Krank den Blick auf die Verletzlichkeit eines der letzten großen unbebauten Küstengebiete im Nordosten der griechischen Insel Korfu.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler

Korfu – Sein Werk trägt den Titel „Wunde“. Es entstand am 26. und 27. September 2026 in Erimitis, an einem Ort, dessen Zukunft seit Jahren umkämpft ist. Der rote Stoff liegt dabei nicht irgendwo in der Landschaft. Er markiert eine Spur, die Bulldozer bei früheren Arbeiten für ein inzwischen nicht weitergeführtes Entwicklungsprojekt im Boden hinterlassen haben.

Foto: Courtesy of The Krank

Was auf den ersten Blick wie eine überdimensionierte Verletzung wirkt, ist zugleich ein Kommentar zu einem Konflikt, der weit über die Grenzen Korfus hinausweist. Wie viel Veränderung verträgt eine Landschaft? Was bleibt zurück, wenn menschliche Eingriffe ein empfindliches Ökosystem erreichen? Und lässt sich etwas heilen, dessen Zukunft noch immer ungewiss ist? Diesen Fragen nähert sich The Krank nicht mit Schautafeln oder politischen Parolen, sondern mit einem Bild, das unmittelbar verständlich ist: dem verletzten Körper.

Ein roter Schnitt scheint die Erde aufzureißen. Schwarze Nähte halten seine beiden Seiten zusammen. Der vertraute Anblick einer Wunde wird in einen landschaftlichen Maßstab übertragen. Aus einer Verletzung, die man gewöhnlich mit dem eigenen Körper verbindet, wird ein Zeichen für die Gefährdung eines natürlichen Lebensraums. Die Dimensionen des Kunstwerks machen sichtbar, was im Gelände leicht übersehen werden kann: Die Folgen menschlicher Eingriffe reichen über einzelne Baustellen und gerodete Flächen hinaus. Sie verändern das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und werfen die Frage auf, wie mit einem Ort umzugehen ist, dessen ursprünglicher Zustand unter Druck geraten ist.

Die besondere Wirkung der Installation liegt in ihrer Verbindung mit dem tatsächlichen Gelände. Die Wunde ist keine frei erfundene Kulisse. Sie befindet sich auf einem Abschnitt von Erimitis, den schwere Baumaschinen bereits durchquert haben. Der rote Stoff nimmt damit eine reale Spur der Vergangenheit auf und übersetzt sie in eine künstlerische Sprache. Das Werk erinnert an das, was geschehen ist, ohne die Geschichte des Ortes für abgeschlossen zu erklären. Denn während die früheren Eingriffe sichtbar geblieben sind, ist noch offen, wie sich das Gebiet künftig entwickeln wird.

Foto: Courtesy of The Krank

Auch die schwarzen Nähte sind mehr als ein gestalterisches Detail. Mitglieder der örtlichen Gemeinschaft und der Initiative Save Erimitis wirkten an ihrer Herstellung und Platzierung mit. Damit wurde das Nähen selbst zu einer gemeinschaftlichen Handlung. Menschen, die sich seit Jahren für den Erhalt des Gebiets einsetzen, wurden Teil des Kunstwerks. Ihre Beteiligung verweist auf die vielen Formen des Engagements, mit denen Anwohner und lokale Initiativen versuchen, einen bedrohten Naturraum zu schützen.

Die Nähte beseitigen die Verletzung nicht. Sie lassen den roten Schnitt sichtbar und können die Spuren früherer Eingriffe nicht rückgängig machen. Doch sie halten die Wunde zusammen. Darin liegt die zentrale Aussage der Arbeit: Schutz bedeutet nicht, eine Beschädigung ungeschehen zu machen, sondern Verantwortung für einen verletzten Ort zu übernehmen und ihm die Möglichkeit zur Heilung zu lassen. Was zunächst wie eine einfache Geste des Zusammenfügens aussieht, wird so zum Gegenbild einer Entwicklung, die Landschaften vor allem als verfügbare Flächen betrachtet.

Für The Krank war die Arbeit in Erimitis zugleich eine intensive Begegnung mit dem Ort und den Menschen, die sich für ihn einsetzen. Der Künstler erkundete das Gebiet zu Fuß, bewegte sich entlang seiner Wege und näherte sich ihm auch vom Meer aus. Seine Arbeitstage reichten von den frühen Morgenstunden bis zum Mondaufgang. Sonne und Regen gehörten ebenso zu dieser Erfahrung wie die Gespräche und Begegnungen mit den Menschen vor Ort. In kurzer Zeit, so beschreibt er es, habe er dadurch einen persönlichen Zugang zu Erimitis gefunden.

„Heute kann ich mir hier unter ‚Entwicklung‘ nichts anderes mehr vorstellen als seine Erhaltung in dem Zustand, in dem er sich befindet“, sagt The Krank. Die Aussage ist ein deutlicher Perspektivwechsel: Nicht die möglichst weitreichende Umgestaltung erscheint als Fortschritt, sondern der Erhalt dessen, was noch vorhanden ist.

Dass diese Haltung in Erimitis auf eine lange Vorgeschichte trifft, ist kein Zufall. Der Streit um das Gebiet begann 2012, als der griechische staatliche Privatisierungs und Entwicklungsfonds TAIPED das Verfahren zur Verwertung des öffentlichen Grundstücks einleitete. Im folgenden Jahr wurde das verbindliche Angebot des Investors NCH Capital angenommen. Unter dem Namen Kassiopi Project war ein umfangreiches touristisches Vorhaben vorgesehen, das ein Fünf Sterne Hotel, bis zu 40 Villen und einen Yachthafen mit 57 Liegeplätzen umfassen sollte.

Foto: Courtesy of The Krank

Die Pläne stießen auf erhebliche umweltpolitische Einwände. Im Mittelpunkt der Kritik standen die Dimension des Vorhabens und seine Lage in einem ökologisch empfindlichen Küstengebiet. Erimitis gehört zu den letzten größeren unbebauten Küstenlandschaften im Nordosten Korfus. Geschützte Feuchtgebiete und Küstenhabitate prägen den Naturraum und machen ihn besonders sensibel gegenüber baulichen Veränderungen. Anwohner und lokale Organisationen mobilisierten deshalb über Jahre hinweg für den Erhalt des Gebiets.

Als 2021 die Bauarbeiten begannen, wurde der Konflikt auch vor Ort sichtbar. Juristische Verfahren und anhaltender lokaler Widerstand begleiteten die Auseinandersetzung um die Zukunft des Grundstücks. Das ursprüngliche Projekt wurde schließlich nicht weitergeführt. Die bereits entstandenen Spuren im Gelände sind jedoch geblieben. Genau an dieser Schnittstelle zwischen früheren Eingriffen und einer ungeklärten Zukunft setzt die Installation von The Krank an.

Die Eigentums- und Investitionssituation hat sich inzwischen verändert. Das Grundstück befindet sich heute unter der Kontrolle einer neuen Investorengruppe mit Verbindungen zu Calamos Investments. Informationen über eine veränderte Planung wurden veröffentlicht, ein vollständiger und verbindlicher neuer Masterplan ist bislang jedoch nicht öffentlich vorgestellt worden. Damit bleibt die entscheidende Frage offen, welche Zukunft Erimitis erwartet und wie stark der Naturraum künftig verändert werden könnte.

Die Installation „Wunde“ macht aus dieser Unsicherheit ein sichtbares Bild. Sie zeigt weder eine endgültig zerstörte Landschaft noch eine bereits vollzogene Heilung. Stattdessen hält sie den Blick auf einen Zustand gerichtet, in dem die Vergangenheit Spuren hinterlassen hat, die nächsten Entscheidungen aber noch ausstehen. Die Frage, ob eine Verletzung heilen kann oder erneut aufgerissen wird, erhält dadurch eine konkrete Bedeutung.

Für zwei Tage wurde die Landschaft selbst zum Schauplatz dieser Auseinandersetzung. Bewohner und Besucher Korfus konnten einem Kunstwerk begegnen, das nicht losgelöst von seiner Umgebung funktioniert, sondern seine Bedeutung aus dem Boden bezieht, auf dem es liegt. Die Installation ist Teil einer zeitgenössischen Land Art, die nicht nur Natur abbildet, sondern sich mit den politischen, ökologischen und gesellschaftlichen Bedingungen eines Ortes auseinandersetzt.

Foto: Courtesy of The Krank

Nach dem Ende der Aktion wurde das Werk vollständig abgebaut. Sämtliche Materialien blieben erhalten und werden für eine mögliche Wiederverwendung in künftigen Kunstwerken aufbewahrt. Die vergängliche Installation hinterlässt damit selbst keine dauerhafte bauliche Veränderung in der Landschaft. Ihre Wirkung soll vielmehr aus dem Bild entstehen, das sie für kurze Zeit geschaffen hat, und aus den Fragen, die es aufwirft.

Organisiert wurde das Projekt gemeinsam mit Erimitis Plus und Save Erimitis. Unterstützung kam von der Ionian Environment Foundation. Die Beteiligung der lokalen Initiative ist dabei mehr als eine organisatorische Begleitung. Sie verbindet das künstlerische Zeichen mit dem jahrelangen Einsatz jener Menschen, die Erimitis als Naturraum erhalten wollen.

Am Ende bleibt eine Landschaft, deren Zukunft noch nicht festgeschrieben ist, und ein Kunstwerk, das seine Botschaft gerade aus dieser Offenheit bezieht. Die schwarzen Nähte versprechen keine schnelle Heilung. Sie stehen für Fürsorge, Zusammenhalt und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Der rote Schnitt wiederum erinnert daran, dass frühere Eingriffe nicht einfach verschwinden, nur weil sich Pläne ändern. Ob die Landschaft ihre Verletzungen überwinden kann, hängt nicht von der Kunst ab. Aber für zwei Tage hat die Kunst sichtbar gemacht, worum es geht: um den Wert eines Naturraums, um die Spuren menschlichen Handelns und um die Frage, ob Schutz selbst als eine Form von Entwicklung verstanden werden kann. (sk)