Ein Inselbuch gegen das Fernweh

Karin Wemhöner führt in „Glücksorte auf Kreta“ zu 80 besonderen Plätzen und zeigt eine Insel, die weit mehr zu bieten hat als Sonne, Sand und Meer.
Von Booktokerin und HB-Redakteurin Luisa Müller

Literatur – Kreta ist ein gefährlich schönes Versprechen. Tiefblaues Meer, knorrige Olivenbäume, schroffe Gebirge, kleine Tavernen und Dörfer, in denen die Zeit scheinbar langsamer vergeht: Wer einmal auf der größten griechischen Insel war, kennt die Mischung aus Landschaft, Lebensfreude und Gastfreundschaft, der man sich nur schwer entziehen kann. Karin Wemhöner macht daraus ein Buch und sucht in „Glücksorte auf Kreta“ nach 80 Plätzen, an denen sich dieses besondere Inselgefühl verdichtet.

Dabei ist ihr Buch ausdrücklich kein Reiseführer im herkömmlichen Sinn. Wemhöner interessiert sich weniger für das vollständige Pflichtprogramm als für die kleinen Entdeckungen am Wegesrand. Neben bekannten Sehenswürdigkeiten stehen deshalb Orte, die nicht unbedingt auf der ersten Seite eines klassischen Kreta-Reiseführers auftauchen: eine Schneckenfarm, eine Brauerei, ein Mosaik-Workshop, ein Kochkurs oder ein Yoga-Retreat. Auch die traditionellen Tavernen und die Landschaft mit ihren Schluchten, Hochebenen und Olivenhainen bekommen ihren Platz.

Das ist die eigentliche Stärke des Konzepts. „Glück“ wird hier nicht als großes Urlaubserlebnis verstanden, sondern als Summe kleiner Momente: frisches Brot am Morgen, das Geräusch der Wellen, ein weiter Blick über die Berge oder ein zufälliges Gespräch. Die Autorin, die der Insel seit mehr als 20 Jahren verbunden ist, schreibt dabei aus einer persönlichen Nähe heraus, die dem Buch guttut. Ihre Auswahl wirkt weniger wie eine touristische Inventarliste als wie eine Sammlung persönlicher Empfehlungen.

Natürlich hat diese Herangehensweise auch ihre Grenzen. Wo von „Glücksorten“ die Rede ist, bleibt der Maßstab zwangsläufig subjektiv. Was für den einen ein magischer Rückzugsort ist, kann für die nächste Urlauberin lediglich ein hübscher Zwischenstopp sein. Und wer konkrete Informationen für eine umfangreiche Rundreise sucht, wird mit einem klassischen Reiseführer vermutlich besser bedient. „Glücksorte auf Kreta“ will etwas anderes: Es möchte vor allem Lust machen, die Insel mit offenen Augen zu erkunden.

Dazu trägt auch die Gestaltung bei. Großformatige Fotografien vermitteln bereits beim Durchblättern einen Eindruck von dem, was Kreta ausmacht. Eine Übersichtskarte erleichtert die Planung und macht aus der Lektüre zugleich eine Einladung zum nächsten Ausflug. Mit 168 Seiten bleibt das Buch handlich genug, um es tatsächlich ins Reisegepäck zu stecken.

Besonders gelungen ist, dass Wemhöner nicht versucht Kreta auf die üblichen Postkartenmotive zu reduzieren. Das Meer ist da, selbstverständlich. Doch ebenso wichtig sind die Berge, die Dörfer, das Essen, die Handwerkskunst und vor allem die Menschen. So entsteht das Bild einer Insel, deren Reiz gerade in ihren Gegensätzen liegt: touristisch und ursprünglich, lebhaft und still, mediterran und zugleich von einer ganz eigenen kulturellen Identität geprägt.

„Glücksorte auf Kreta“ ist deshalb weniger ein Buch zum Abarbeiten als eines zum Verweilen. Man kann darin blättern, einen Ort markieren, sich treiben lassen und dabei feststellen, dass die schönsten Reiseerlebnisse nicht unbedingt dort warten, wo die großen Hinweisschilder stehen.

Karin Wemhöner: „Glücksorte auf Kreta. Fahr hin und werd glücklich“. Droste Verlag, 168 Seiten, 16 Euro. ISBN 978-3-7700-2371-4. (lm)

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