Wenn das Meer Hilfe braucht: Unterwegs mit der KNECHTSAND

Vor Cuxhaven liegt ein Schiff, das nicht für Reisende gebaut wurde. Es wartet auf den Tag, an dem auf der Nordsee etwas aus dem Ruder läuft. Dann wird aus dem unscheinbaren roten Arbeitsschiff eine schwimmende Einsatzstation: Die KNECHTSAND nimmt Öl auf, birgt Schadstoffe und hilft dabei, die Küste vor den Folgen einer Havarie zu bewahren. Ein Blick auf ein Spezialschiff, dessen wichtigste Aufgabe beginnt, wenn andere Schiffe längst in Schwierigkeiten sind.
Von HB-Redakteurin Sabrina Köhler und Leo Dillikrath

Weltweit/Magazin – Am Horizont verschwindet ein Frachter in der diesigen Weite. Möwen ziehen über dem Wasser, die Tide schiebt sich in Richtung Elbmündung, und irgendwo draußen beginnt bereits die nächste lange Reise. Die Nordsee wirkt an solchen Tagen beinahe unendlich. Doch diese Weite ist trügerisch. Sie gehört zu den meistbefahrenen Meeresregionen Europas. Zwischen Elbe, Weser und den großen Schifffahrtswegen der Deutschen Bucht sind täglich Tanker, Containerschiffe, Massengutfrachter und andere große Schiffe unterwegs. Wo so viele Tonnen Stahl auf engem Raum zusammentreffen, kann es trotz aller Sicherheitsmaßnahmen zu Unfällen kommen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Für genau diesen Fall gibt es Schiffe wie die KNECHTSAND. Ihr Heimathafen ist Cuxhaven. Von hier aus kann sie zu einem Einsatz aufbrechen, wenn Öl oder andere gefährliche Stoffe ins Meer gelangen. Sie ist kein klassisches Forschungsschiff, kein Schlepper und schon gar kein Ausflugsschiff. Ihre Spezialität ist die Schadstoffbekämpfung … eine Arbeit, die normalerweise kaum jemand zu Gesicht bekommt.

Auf den ersten Blick überrascht die KNECHTSAND. Der Rumpf ist rot, das Deckshaus weiß, darüber ragen Antennen, Masten und technische Einrichtungen in den Himmel. Doch besonders auffällig ist die ungewöhnlich breite Konstruktion. Die KNECHTSAND ist als Katamaran gebaut und besitzt zwei getrennte Rümpfe. Zwischen diesen Rümpfen liegt der Arbeitsbereich, in dem die eigentliche Aufgabe des Schiffes stattfindet. Das Konzept ist ebenso praktisch wie ungewöhnlich: Die Konstruktion ermöglicht es, die Wasseroberfläche gezielt nach Öl und anderen schwimmenden Schadstoffen abzusuchen und diese aufzunehmen. Statt einen Schadstoff lediglich einzukreisen oder mit schwimmenden Sperren festzuhalten, kann die KNECHTSAND ihn direkt aus dem Wasser fördern. Damit wird das Schiff zu einer Art schwimmender Aufbereitungsanlage.

Öl verhält sich auf dem Wasser anders als viele andere Stoffe. Es schwimmt, breitet sich aus und wird von Wind, Wellen und Strömungen verteilt. Genau hier setzt das Ölaufnahmesystem der KNECHTSAND an. Zwischen den beiden Rümpfen arbeitet ein sogenannter Skimmer. Er nimmt das verschmutzte Wasser von der Oberfläche auf. Schälklappen führen das Gemisch in Richtung Pumpensumpf, von wo aus es hydraulisch angetriebene Pumpen in die Ladetanks befördern. Das Entscheidende: Die KNECHTSAND muss nicht warten, bis sich das Öl irgendwo an der Küste gesammelt hat. Sie kann bereits auf See eingreifen. Das ist beim Küstenschutz von großer Bedeutung. Denn zwischen einem Unfall und einer sichtbar verschmutzten Küste liegen manchmal nur wenige Stunden und diese Zeit kann über das Ausmaß eines Schadens entscheiden.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Unter dem Arbeitsdeck steckt deshalb einiges an Kapazität. Sechs speziell beschichtete Stahltanks können zusammen rund 335 Kubikmeter Öl-Wasser-Gemisch aufnehmen. Dazu kommt ein 65 Kubikmeter großer Edelstahltank für Chemikalien. Insgesamt verfügt die KNECHTSAND damit über eine erhebliche Ladekapazität für Flüssigkeiten, die nach einem Unfall nicht einfach wieder ins Meer gelangen dürfen. Dabei ist das aufgenommene Material zunächst kein reines Öl. Es handelt sich um ein Gemisch aus Wasser und Schadstoff. Im Tank beginnt deshalb ein weiterer Prozess: Das Gemisch kann sich beruhigen, die Bestandteile trennen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften, und das Wasser kann kontrolliert abgegeben werden, während die konzentrierteren Schadstoffe an Bord verbleiben. Aus dem offenen Meer wird auf diese Weise ein kontrollierbarer Stoffstrom. Eine erstaunlich nüchterne technische Lösung für ein Problem, das draußen auf dem Wasser enorme Folgen haben kann.

Ein Blick auf das große Arbeitsdeck zeigt, dass das Schiff für deutlich mehr ausgelegt ist. Ein Deckskran gehört zur Ausrüstung und kann laut der aufgestellten Schiffsinformation Lasten von bis zu einer Tonne bewegen. Fässer, Paletten und andere Gegenstände lassen sich damit aufnehmen und an Bord bringen. Das ist wichtig, denn bei einem Schadstoffunfall besteht die Gefahr nicht ausschließlich aus einer Ölspur. Es können beschädigte Behälter treiben, Ladungsreste im Wasser liegen oder Fässer geborgen werden müssen. Auch technische Geräte und zusätzliche Ausrüstung müssen dorthin gebracht werden, wo sie gebraucht werden.

Die KNECHTSAND ist gewissermaßen Werkstatt, Tanklager, Transportfahrzeug und Einsatzplattform in einem. Wer an Bord eines solchen Schiffes arbeitet, bewegt sich ständig über einem ungewöhnlichen Vorrat. Rund 335 Kubikmeter Öl-Wasser-Gemisch können in den sechs Ladetanks gesammelt werden. Zum Vergleich: Ein Kubikmeter entspricht 1.000 Litern. Die angegebene Kapazität entspricht also etwa 335.000 Litern Gemisch. Der zusätzliche Chemikalientank fasst weitere rund 65.000 Liter. Diese Dimensionen machen deutlich, dass die KNECHTSAND nicht für einen kleinen Zwischenfall im Hafen gedacht ist. Sie ist für Situationen konzipiert, in denen innerhalb kurzer Zeit erhebliche Mengen Schadstoff aufgenommen und sicher zwischengelagert werden müssen.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

Die Katamaranbauweise prägt nicht nur das Aussehen des Schiffes. Ein Katamaran verfügt über zwei schmale Rümpfe, die durch eine gemeinsame Konstruktion verbunden sind. Bei der KNECHTSAND wird der Raum zwischen diesen Rümpfen zum Teil des Arbeitssystems. Das hat einen weiteren Vorteil: Die Maschine kann ihre Aufgabe unmittelbar an der Wasseroberfläche erfüllen. Bei Wellengang verändern sich die beiden Schwimmkörper relativ zur Wasseroberfläche. Die beweglichen Schälklappen des Skimmers können dieser Bewegung folgen und den Schadstoff möglichst nah an der Oberfläche aufnehmen. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie Schiffbau nicht nur eine Frage von Motorleistung und Geschwindigkeit ist. Hier wurde der Rumpf um die Aufgabe herum gedacht.

Mit rund 39 Metern Länge und 13 Metern Breite ist die KNECHTSAND ein vergleichsweise kompaktes Spezialschiff mit einer Geschwindigkeit von etwa 8,5 Knoten, also ungefähr 16 Kilometer pro Stunde. Das klingt zunächst nicht schnell. Doch Geschwindigkeit ist bei einem Ölbekämpfungsschiff nur ein Teil der Rechnung. Entscheidend ist, wie kontrolliert es sich am Schadensort bewegen lässt, wie stabil die Arbeitsplattform ist und wie zuverlässig Pumpen, Skimmer und Tanks funktionieren. Die KNECHTSAND verfügt über zwei dieselmechanische Antriebe mit insgesamt rund 860 kW Maschinenleistung. Jeder Antrieb arbeitet mit einem eigenen Propeller. Das Schiff ist damit für einen Zweck optimiert, bei dem Präzision wichtiger sein kann als Tempo.

Eine Havarie bedeutet nicht automatisch, dass nur die Umwelt außerhalb des Schiffes gefährdet ist. Wenn unbekannte oder giftige Stoffe auf dem Wasser treiben, kann auch die Arbeit an Deck riskant werden. Deshalb wurde die KNECHTSAND nicht nur mit Tanks und Pumpen ausgestattet, sondern auch mit Einrichtungen zum Schutz ihrer Besatzung. Das Deckshaus kann bei Bedarf gasdicht gemacht werden. Im Inneren lässt sich ein leichter Überdruck erzeugen. Dadurch soll verhindert werden, dass schadstoffbelastete Außenluft in die geschützten Bereiche eindringt. Für die Menschen an Bord ist das ein entscheidender Bestandteil des Gesamtkonzepts.

Foto: Hellas-Bote/Leo Dillikrath

An Bord gibt es Betriebs- und Ruheräume für bis zu zwölf Personen. Das klingt nach einer kleinen Besatzung und tatsächlich ist die KNECHTSAND kein Schiff, das große Menschenmengen transportieren soll. Doch bei einem Einsatz können neben der eigentlichen Besatzung zusätzliche Einsatzkräfte an Bord sein. Dann wird das Schiff für Stunden oder länger zum Arbeitsplatz auf See. Draußen laufen Pumpen. Auf dem Deck wird Ausrüstung bewegt. Das Schiff hält seinen Kurs durch verschmutztes Wasser. Über Funk werden Informationen ausgetauscht. Gleichzeitig müssen Wetter, Strömung und die Ausbreitung des Schadstoffs berücksichtigt werden. Von außen sieht man davon oft wenig.

Der Heimathafen der KNECHTSAND ist kein Zufall. Cuxhaven liegt an der Mündung der Elbe in die Nordsee … genau an einer der maritim bedeutenden Schnittstellen Deutschlands. Hinter der Stadt beginnt die Deutsche Bucht, vor ihr liegen die viel befahrenen Routen des internationalen Seeverkehrs. Hier befindet sich auch das Havariekommando, das für die Koordination komplexer Schadenslagen auf Nord- und Ostsee zuständig ist. Kommt es zu einer größeren Havarie, müssen viele unterschiedliche Kräfte zusammenarbeiten. Spezialschiffe, Einsatzleitungen, Behörden und weitere Organisationen müssen möglichst schnell zu einem gemeinsamen Vorgehen finden.

Auf einer Reise entlang der deutschen Küste nimmt man die großen Schiffe meist anders wahr. Man beobachtet die Fähren, fotografiert Leuchttürme und wartet vielleicht darauf, dass ein gewaltiger Containerfrachter den Horizont passiert. Die Arbeitsschiffe des Küstenschutzes bleiben dagegen häufig unbeachtet. Dabei erzählen sie viel über die moderne Nordsee. Der Schiffsverkehr ist international organisiert, die Ladungen sind riesig und die Transportwege komplex. Gleichzeitig ist die Küste ein empfindlicher Naturraum. Wattflächen, Salzwiesen, Inseln und Flussmündungen reagieren empfindlich auf Verschmutzungen. Zwischen diesen beiden Welten – globaler Warenverkehr und empfindliche Natur – arbeitet die KNECHTSAND.

Auch ihr Name verweist direkt auf die Nordsee. Der Knechtsand ist eine Sandbank vor der niedersächsischen Küste. Sie liegt in einem Gebiet, das von den besonderen Bedingungen der Deutschen Bucht geprägt wird: flaches Wasser, Strömungen, Gezeiten und wandernde Sedimente. Der Name passt damit erstaunlich gut zu einem Schiff, dessen Arbeitsplatz genau diese Landschaft ist. Die KNECHTSAND wurde Anfang der 1990er-Jahre gebaut … sie ist ein Stück unsichtbarer Küstenschutz. Denn ein erfolgreich eingesetztes Ölwehrschiff hinterlässt im besten Fall eine Abwesenheit: Kein schwarzer Ölfilm im Watt. Keine verschmutzten Strände. Keine verklebten Vögel. Keine kilometerlange Spur an der Küste. Kein sichtbares Zeichen dafür, dass irgendwo draußen ein Problem rechtzeitig unter Kontrolle gebracht wurde. Das macht die KNECHTSAND zu einem bemerkenswerten Stück maritimer Infrastruktur. Sie steht für eine Form des Umweltschutzes, die nicht im Vordergrund stehen will. Sie muss einfach funktionieren. (sk)